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Kunstkrimi auf der Blockchain Wie BTC-ECHO einem Berliner Maler half, gestohlene NFT-Bilder zu retten

Jemand verkauft die Bilder von Volker Mayr als NFTs. Der Künstler will den Fall aufklären. Und findet sich in einem kafkaesken System wieder.

Giacomo Maihofer
 |  Lesezeit: 5 Minuten
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NFT

Quelle: Volker Mayr

Volker Mayr hatte von Bitcoin gehört. Hin und wieder, in den Nachrichten bei NTV; dass der Kurs vom digitalen Gold abgestürzt sei oder neue Höhen erreicht habe. Interessiert hatte das den 80-jährigen Maler nie. Kryptowährungen? NFTs? Das Metaverse? Das sind Begriffe aus einer fremden, sehr seltsamen Welt. Plötzlich wird er in sie hineingezogen, gegen seinen Willen.

Anfang April 2022 steht sein Lebenswerk auf einer Krypto-Börse im Internet zum Verkauf. Volker Mayr hat ein Profil auf der Online-Galerie Singulart, über 10.000 Künstler und Fotografen sind dort angemeldet, ihre Bilder als JPEGs hinterlegt. Jemand bietet die Werke von Volker Mayr als Non-Fungible-Tokens (NFT) auf einer NFT-Plattform namens Mintable an, ohne Wissen des Künstlers. Er will herausfinden, wer dahinter steckt. Vor einer Woche informiert er die Redaktion von BTC-ECHO von dem Vorfall, sie stellt eigene Recherchen an. Eine Odyssey in ein kafkaeskes System beginnt.

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“Let Face The Future and Act Now” von Volker Mayr, Öl auf Leinwand, 2021.

Viele sehen in NFTs bereits eine der größten Medienrevolutionen des 21 Jahrhunderts. Jedes digitale Objekt kann auf die Blockchain transferiert und verkauft werden. Künstler und Musiker erschließen so neue Verkaufsmöglichkeiten für ihr digitales Eigentum. Letztes Jahr explodierte der Markt laut NonFungible.com um 25.000 Prozent, auf 17 Milliarden US-Dollar. Selbst traditionelle Kunsthäuser wie Christies mischten mit.

Gleichzeitig mehren sich seit Monaten die Medienberichte über Künstler, deren Werke aus dem Netz gestohlen und illegal auf NFT-Plattformen angeboten werden. Das ganze Ausmaß dieser neuen Form des Kunstdiebstahls ist schwer zu beziffern, genaue Zahlen fehlen. Aber allein eine Online-Galerie, DeviantArt, fand laut The Guardian über 80.000 gestohlene Werke seiner Kunden auf NFT-Marktplätzen.

“Im Blockchain-Bereich ist es viel einfacher, Fälschungen zu erstellen als in der traditionellen Kunstwelt”, erklärte Tina Rivers Ryan, Kuratorin und Expertin für digitale Kunst aus New York gegenüber dem britischen Nachrichtenmagazin. Tatsächlich ist es so einfach, dass Bots mittlerweile scheinbar die Online-Galerien durchforsten und den Diebstahl vollautomatisiert erledigen.

Der Diebstahl eines NFT ist schwer zu bekämpfen

Dagegen anzukämpfen ist für betroffene Künstler umso schwieriger, kostet Kraft, Zeit und Geld. Die Klagen im Netz und in den Medien werden lauter. Viele Opfer fühlen sich mit dem Problem allein gelassen. Es herrscht große Ungewissheit: An wen wendet man sich in so einem Fall überhaupt? Wie verklagt man den anonymen Besitzer einer Krypto-Brieftasche? In welcher Jurisdiktion? “Als Einzelkämpfer kann man wenig ausrichten”, meint auch Volker Mayr am Telefon gegenüber BTC-ECHO.

Vor seinem Ruhestand im Jahr 2002 war er Journalist, er baute einst das Freie Radio Berlin mit auf. Heute lebt er im Grunewald in Berlin. Tagsüber pflegt er seine Ehefrau, abends malt er. Schöne, expressive Bilder. Schon sein Großvater war Maler, erzählt Mayr. Er schwingt den Pinsel seit seiner Kindheit, organisiert seit den 1970ern Ausstellungen, verkauft Werke, gewinnt Preise.

90 Prozent seiner Werke zirkulieren als NFT

Erst erreichen ihn dubiose Mails von einer NFT-Börse aus Japan, die auch BTC-ECHO vorliegen. Dort heißt es: Seine Werke seien zu mehreren zehntausend US-Dollar als NFTs verkauft worden. Man sei bereit, ihm das Geld zu überweisen, abzüglich einer Provision, doch wolle man Daten von ihm haben, Urhebernachweise. Mayr zögert erst, kooperiert dann schließlich, Geld sieht er nie. Anderen deutschsprachigen Malern auf der Plattform sei es genauso ergangen, erzählen sie ihm auf Nachfrage. Ein Scam, denkt er heute. Es ist erst der Anfang.

Wenn seine Werke schon im Blockchain-Space verkauft werden, will er wenigstens mitverdienen. Also meldet Mayr sich bei Mintable an, einem NFT-Marktplatz mit seriöser Reputation. Doch 90 Prozent seiner Werke existieren bereits als NFTs. Einige sind damals im Angebot, eines für umgerechnet eine Millionen US-Dollar in Ether. Mayr kreiert einen eigenen Account, verbringt die nächsten Abende damit, zu verstehen, was da passiert, klickt sich durch die Transaktionshistorien seiner Bilder auf Etherscan: “Ich war wie ein Blinder auf dem Piano.”

BTC-ECHO wendet sich vor einer Woche an den Support von Mintable auf Discord. Dort erklärt ein Admin, man nehme solche Fälle sehr ernst. Mayr solle das Team über seinen Twitter-Account kontaktieren, Besitznachweise vorlegen. Das macht er, eine Antwort erhält er nicht. Ob Mintable aktiv geworden ist, weiß er bis heute nicht. Auf eine weitere Nachfrage von BTC-ECHO von gestern Nachmittag, den 11. April 2022, reagierte die Admins beim Support auf Discord bisher nicht.

Auf dem Schaden bleibt er sitzen

Einige der gestohlenen NFTs seien seitdem wieder verschwunden, so Mayr. Andere konnte er direkt über das Portal reklamieren, oft gegen eine Gebühr. Und nicht immer funktioniert der Prozess.

Manchmal kann eine Datei nicht hergestellt werden oder das Bild wird nicht angezeigt. Ein Drittel seiner Werke sind zwar als NFTs nun in seinem Besitz, aber wertlos. Angebote kämen keine rein. Volker Mayr bleibt auf den Kosten sitzen. Insgesamt über tausend Dollar hat er ausgegeben.

Er hofft, dass Künstler sich irgendwann zu Sammelklagen zusammenschließen und der Verbraucherschutz aktiv wird. Bis dahin schützt er sich selbst – mit einer absurden Maßnahme: Bevor Volker Mayr das nächste Bild auf sein Künstlerprofil hochlädt, erstellt er ab jetzt immer ein NFT davon vorher. Nur so fühlt er sich vor weiteren Diebstählen sicher.

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