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Lition im Porträt Aufstieg und Fall eines Vorzeige-Start-ups

LITION revolutionierte per Blockchain den Energiemarkt. Dann kam die Energiekrise – mit ihr die Pleite. Die turbulente Geschichte eines genialen deutschen Krypto-Start-ups. Von seinen Anfängen bis zum bitteren Ende.

Giacomo Maihofer
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Lition

Beitragsbild: BTC-ECHO

| Der einstige Lition-CEO und Gründer Richard Lohwasser zu Besuch im Berliner Büro von BTC-ECHO.

Triumph und Niederlage trennt manchmal nur ein schmaler Grat. Im Fall vom Berliner Blockchain-Start-up Lition sind es einige schicksalhafte Wochen im Herbst 2021. Sie stellen die europäische Energiebranche auf den Kopf – und das erfolgreiche Unternehmen vor einen unüberwindbaren Abgrund.

Noch im Sommer 2021 schließen die zwei Gründer Richard Lohwasser und Kyung-Hun Ha eine große Finanzierungsrunde ab. Renommierte Investoren geben Zusagen in Millionenhöhe.

Realitätscheck einer Hype-Technologie

Seit der Gründung im Jahr 2018 gilt Lition als das deutsche Vorzeige-Start-up der Blockchain-Branche. Kaum ein hiesiges Unternehmen kann echte Millionenumsätze vorweisen. Lition ist die Ausnahme. Es ist ein Energiehandelsplatz für alle, gebaut mit der Blockchain – der Realitätscheck einer Hype-Technologie. Im Jahr 2021 nutzen über 20.000 Menschen aus 160 deutschen Städten die revolutionäre Plattform. Sie können grünen Strom direkt von Öko-Kraftwerken aus ganz Deutschland kaufen. Der prognostizierte Jahresumsatz: 20 Millionen Euro.

Mit der Finanzierungsrunde startet ein neues Kapitel in der turbulenten Geschichte des Start-ups. Die Firma feiert im August 2021 eine riesige Party in Berlin gemeinsam mit Geschäftspartnern, Freunden und Familien. Die Stimmung könnte nicht enthusiastischer sein.

Wenige Wochen später steht Richard Lohwasser vor dem Amtsgericht Charlottenburg. Der Gründer hält die letzten Reste seines Traums in den Händen: einen 70-seitigen Insolvenzbericht. Lition ist pleite – eines der ersten Opfer der europäischen Energiekrise.

Lition-Gründer Richard Lohwasser im Gespräch

Es ist ein regnerischer Donnerstag im April 2022, als Richard Lohwasser in die Büros von BTC-ECHO kommt und seine Geschichte erzählt. “Die meisten Gründer wären wohl nicht zu diesem Interview gekommen”, sinniert er. “Über das Scheitern spricht kaum jemand gern, schon gar nicht in der Gründerszene. Doch es gehört zum Leben dazu.”

Richard Lohwasser leitet mit 17 Jahren seine erste eigene Firma: Clanintern, ein Gaming-Portal. Es wird eine der zehn meistbesuchten Websites Deutschlands. Eine beachtliche Karriere folgt: Turbostudium der Wirtschaftsinformatik mit Bestnote, Promotion in einem Jahr. Lohwasser wird erster Bereichsleiter beim Energiekonzern Vattenfall unter dreißig, danach Geschäftsführer des Ökostromversorgers ExtraEnergie. Doch über die Jahre, erzählt der Gründer, wächst der Frust. Selbst kleinste Verbesserungsvorschläge werden abgeschmettert.

Lohwasser trifft 2018 mit seinem Kollegen Kyung-Hun Ha eine Entscheidung. Beide sind schneidige und wortgewandte Unternehmer und junge Familienväter. Sie geben ihre hoch dotierten Jobs auf und gründen Lition. Die Freunde wollen die konservative Energiebranche aufmischen – mit der Macht der Blockchain.

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Die ICO-Blase platzt

Noch 2017 boomt alles, was nur den Namen Blockchain in sich trägt. Ein Jahr später ist die ICO-Blase geplatzt, der Markt crasht. Lohwasser und sein Partner starten gemeinsam mit zehn Mitarbeitern ihre lange Reise mitten in einem Krypto-Winter. Sie glauben an den realen Nutzen der Technologie. Ihr Ziel: Ökostrom einfach, günstig und flexibel machen. Kraftwerke und Kunden werden über ihre Plattform direkt verbunden. Auf Wunsch können sie kurzfristig den Erzeuger wechseln. “Ein bisschen wie tindern, nur mit Strom”, so der Slogan einer Werbekampagne in deutschen Großstädten. Ihr Titel: “Lieber ein Shitstorm als Shit-Strom”.

Lition landet Marketingdeals mit der RTL-Tochter Sparwelt und gewinnt die populäre Neo-Bank N26 als Partner. Deren einstiger Marketingchef, Kelly Ford, steigt als Investor und Berater ein. Ein weiterer prominenter Beirat wird der Technologievorstand von SAP, Jürgen Müller. In Kooperation mit dem deutschen Softwarekonzern entwickelt Lition eine Blockchain, maßgeschneidert auf ihre Bedürfnisse, schnell und datenschutzkonform. Doch sie lernen bald: Wenn sie im Energiegeschäft erfolgreich sein wollen, müssen sie einige ihrer technologischen Träume hintanstellen.

“Keiner wollte mit Smart Contracts interagieren”, erklärt Richard Lohwasser. “Das deutsche Energiewirtschaftsgesetz zwang uns auch, unsere Trades auf herkömmliche Weise abzuwickeln.” Die Blockchain läuft zwar intern mit. Doch ihr volles Potenzial kann sie so nicht entfalten. Auf der Website wandert sie ins Kleingedruckte. Beim Pitch für die Finanzierungsrunde 2021 erwähnen sie die Blockchain gar nicht mehr.

Ein Black Swan Event

Das Geschäft boomt trotzdem – bis zu den schicksalhaften Wochen im Herbst 2021. Die Energiekrise trifft den gesamten Markt unvorbereitet. Heute weiß man: Die Gasspeicher sind fast leer, weil Putin weniger liefert als versprochen, erneuerbare Energien performen schlecht. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf durch die Corona-Pandemie. Es ist ein Black Swan Event.

Die Preise steigen um über 500 Prozent. Für Lition setzt sich eine tödliche Kaskade in Gang. Die Investoren ziehen ihre Angebote zurück und Stromanbieter wollen Vorleistungen in Millionenhöhe sehen. Das Geld der Firma reicht auf einmal nur noch für einige Wochen. “Da fängst du als Geschäftsführer natürlich schon ganz schön an zu schwitzen.” Zwei Monate kämpfen Lohwasser und sein Partner mit allen Mitteln, um das Unternehmen zu retten. Vergeblich.

Die Insolvenz kostet sie fast ihre Existenz. “Viele wissen nicht: In zwei Drittel aller Fälle kommt es in Deutschland zu einer Insolvenzverschleppung, weil Gründer den Antrag zu spät stellen.” Geschäftsführer haften dann mit ihrem Privatvermögen, sind mehrere Jahre in der Position nicht einstellbar. Im schlimmsten Fall droht Gefängnis. “Wir hatten Glück, dass uns Leute außerhalb der Gründerszene davor gewarnt haben.”

Was Richard Lohwasser in diesen schweren Zeiten Halt gibt, ist seine Familie. “Sie war wie ein Fels in der Brandung für mich da, obwohl ich sie in den Jahren zuvor vernachlässigt habe. Das möchte ich jedem Gründer sagen: Am Ende des Tages sollte man nie seine Familie für die Firma opfern.”

Disclaimer

Dieser Artikel erschien bereits in der Mai-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins.

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