Ölschock trifft auf Geldpolitik 

Kommt jetzt die erste Fed-Erhöhung seit drei Jahren? So geht es für Bitcoin weiter

Der Ölschock hat die Fed eingeholt und ein Drittel des Marktes rechnet mit der ersten Zinserhöhung seit drei Jahren. Öl legt 18 Prozent zu und im gleichen Zug brechen die Renditen aus. Aber warum bleibt Bitcoin ausgerechnet jetzt so ruhig?

Philipp Baumgartner
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Das Bild zeigt Fed-Chef Kevin Warsh bei seiner Anhörung vor dem Bankenausschuss des US-Senats am 15. Juli 2026.

Beitragsbild: Picture Alliance

| Drei Jahre lang hat die Fed gesenkt oder abgewartet. Beendet Warsh die Serie?

Fünf Handelstage haben gereicht, um das Makrobild dieses Sommers umzustellen. Der Angriff jemenitischer Huthi-Milizen auf zwei saudische Tanker schob den Ölpreis über 98 US-Dollar, die 30-jährige US-Rendite kletterte auf 5,13 Prozent, und der Markt preist mittlerweile eine Zinserhöhung ein, wie es sie seit Juli 2023 nicht mehr gegeben hat. Spannend zu beobachten: Bitcoin bewegte sich in derselben Woche um gut ein Prozent nach oben.

Was ein brennender Tanker in Washington auslöst

Brent, die für Europa wichtigste Rohölsorte und derzeit seit 2022 die Referenzsorte für den Weltmarkt, legte binnen fünf Handelstagen 18 Prozent zu und steht damit 35 Prozent über dem Monatsanfang. Die Angriffe verlagern den Konflikt vom Persischen Golf in das Rote Meer und stellen mit Bab el-Mandeb einen zweiten Engpass neben die Straße von Hormus. Reedereien zahlen ihren Besatzungen inzwischen Sonderprämien für die Durchfahrt und Kasachstan stoppte nach Drohnenangriffen die Öllieferungen ans Schwarze Meer.

Das Bild zeigt einen Monatschart des Brent-Rohölpreises seit 1982 mit einem aktuellen Stand von 98,57 Dollar je Barrel.
Brent legt in fünf Handelstagen 18 Prozent zu. Wie viel davon landet in der Inflation? | Quelle: X, @MikeZaccardi (Chart über StockCharts.com)

Der US-Benzinpreis kletterte zurück auf 4,09 US-Dollar je Gallone. Auch RBOB, ein Terminkontrakt auf Öl, deutet auf 4,40 US-Dollar bis Monatsende. Goldman Sachs hält am Basisziel von 80 US-Dollar für das Schlussquartal fest und beziffert das Aufwärtsszenario bei anhaltender Störung der Meerenge auf über 120 US-Dollar. Doch warum ist das für Investoren überhaupt relevant? Ganz einfach: Ein Energiepreisschub landet über Transport- und Produktionskosten in der Kerninflation und verschiebt den Spielraum der Notenbank, an deren Kurs die Bewertung praktisch aller Risikoanlagen hängt, Bitcoin eingeschlossen.

Der Anleihemarkt hat die Fed längst überstimmt

Die 30-jährige Rendite notiert seit zwölf Handelstagen in Folge über fünf Prozent. Das stellt die längste Serie seit 2007 (kurz vor der US-Hypothekenkrise) dar. Zehnjährige Staatsanleihen notieren bei 4,695 Prozent auf Jahreshoch, zweijährige mit 4,336 Prozent so hoch wie zuletzt vor 17 Monaten. Die eingepreiste Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung am 29. Juli stieg somit im Wochenverlauf von 28 auf 38 Prozent.

Das Bild zeigt ein Balkendiagramm mit der Zahl der Handelstage, an denen die 30-jährige US-Rendite über fünf Prozent notierte, für die Jahre 2007, 2023, 2025 und 2026.
27 Handelstage über fünf Prozent allein in diesem Jahr. Wie lange trägt der Anleihemarkt das? | Quelle: Bloomberg, verbreitet über X, @GlobalMktObserv

Der Leitzins liegt seit Dezember 2025 bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Fed-Chef Kevin Warsh verzichtet bewusst auf sogenannte “Forward Guidance”, also auf Hinweise zum künftigen Zinspfad, um sich alle Optionen offen zu halten. Die Konjunkturdaten nehmen ihm das Gegenargument, denn die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen auf 187.000 und damit auf den tiefsten Stand seit September 1969.

Die Stimmung dreht bereits, der Anteil der Bullen in der AAII-Umfrage brach binnen einer Woche um 15 Prozentpunkte ein. Diese Umfrage ist eine wöchentliche der American Association of Individual Investors und misst die Stimmung von Privatanlegern, indem sie den erwarteten Trend des Aktienmarktes für die kommenden sechs Monate abfragt.

Die EZB beließ ihren Einlagensatz am Donnerstag bei 2,25 Prozent und warnte, der inflationäre Effekt des Energieschocks stehe uns erst bevor. Steigende Realzinsen, also Nominalzinsen abzüglich erwarteter Teuerung, erhöhen die Opportunitätskosten zinsloser Anlagen und treffen Gold und Bitcoin gleichermaßen.

Wer diese Woche nicht verkauft hat

Gold gab von 4.160 auf rund 4.050 US-Dollar nach. Auch Silber musste knapp drei Prozent einbüßen und fiel auf 57,95 US-Dollar. Bitcoin hingegen zeigte sich erstaunlich resilient und pendelte zwischen 65.600 und 66.400 US-Dollar und liegt auf Wochensicht gut ein Prozent im Plus. Und das alles bei einem Ölpreisanstieg von 13 Prozent und einem S&P 500, der 0,9 Prozent verlor.

Zwei Datenpunkte erklären zumindest zum Teil, warum sich Bitcoin von der aktuellen Anspannung im Makro-Umfeld lösen konnte. Die US-Spot-ETFs zogen in der Vorwoche rund 900 Millionen US-Dollar an. Das ist der stärkste Wochenwert seit Anfang Mai nach mageren 197 Millionen in der Woche zuvor.

Das Bild zeigt den Bestand der Bitcoin-Langzeithalter seit 2010 im Vergleich zum Bitcoin-Kurs, zuletzt 16,78 Millionen BTC bei einem Kurs von 64.790 Dollar.
16,78 Millionen Bitcoin liegen still. Was passiert, wenn sich diese Hände öffnen? | Quelle: Coinglass

Der Bestand der Langzeithalter, also jener Adressen, die ihre Coins seit mehr als 155 Tagen nicht bewegt haben, erreichte laut Coinglass in derselben Woche ein neues Allzeithoch. Selbst Tesla hielt an seinen rund 11.500 BTC fest und verbuchte lieber 112 Millionen US-Dollar unrealisierten Verlust.

Dazu kommt regulatorischer Rückenwind, denn Finanzminister Scott Bessent sieht den CLARITY Act im Senat auf der Zielgeraden und Goldman-Chef David Solomon warb öffentlich für das Gesetz. Das Angebot an verkaufswilligen Coins bleibt sehr dünn, was weiteren massiven Verkaufsdruck zumindest vorerst unwahrscheinlich macht.

Was diese Ruhe zum Kippen bringen kann

Das Makrobild bestimmt derzeit der Ölpreis. Er treibt die Teuerung nach oben, und die Fed kann darauf kaum reagieren, weil die Ursache außerhalb ihrer Reichweite liegt. Drei Jahre lang hat sie gesenkt oder abgewartet, jetzt fordert der Anleihemarkt eine Antwort. Bitcoin bleibt in dieser Lage ruhig, weil kaum jemand verkaufen will. Das hält, solange der Markt an eine sinkende Inflation glaubt.

Wie es um diesen Glauben steht, zeigt der Anleihemarkt. Dort lässt sich ablesen, mit welcher Teuerung Anleger für die kommenden Jahre rechnen. Aktuell sind es 2,46 Prozent nach 2,34 Prozent Ende Juni. Der Wert steigt also, bleibt aber nah an dem, was die Fed anstrebt. Klettert er deutlich über 2,50 Prozent, glaubt der Markt an dauerhaft höhere Preise. Kommende Woche liefert die Belege. Die Berichtssaison der US-Schwergewichte läuft weiter, nachdem Alphabets freier Cashflow erstmals in der Firmengeschichte negativ ausfiel. Den Ausschlag geben der Mittwoch, mit dem Zinsentscheid um 20:00 Uhr MESZ und der Pressekonferenz von Warsh um 20:30 Uhr.

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