"Potenzial wird absolut überschätzt" 

Klingbeils Krypto-Plan: Gehen Deutschland Milliarden verloren?

Die Regierung verspricht sich durch eine Reform der Krypto-Besteuerung Einnahmen in Milliardenhöhe. Doch ob der Staat am Ende mehr oder weniger hat, ist umstritten.

Moritz Draht
Teilen
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil

Beitragsbild: picture alliance

| Bundesfinanzminister Lars Klingbeil möchte die Besteuerung von Kryptowerten "anders" regeln

Wer in Kryptowährungen investiert, kann Gewinne in Deutschland nach einem Jahr steuerfrei realisieren: Dieses Privileg könnte vor dem Aus stehen. Mit dem Vorstoß des Bundesfinanzministeriums, die Besteuerung von Kryptowährungen zu reformieren, könnten die Tage der einjährigen Haltefrist gezählt sein. Zwei Milliarden Euro Steuermehreinnahmen verspricht sich Bundesfinanzminister Klingbeil davon – eine Zahl, die laut Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, noch “konservativ” angesetzt sei. Steuerexperten sind jedoch skeptisch: Könnte sich der Krypto-Standort Deutschland ins eigene Bein schießen?

“Aus Gerechtigkeitsgründen überfällig”

Bislang gilt in Deutschland: Wer Bitcoin und Co. länger als ein Jahr hält, kann Gewinne steuerfrei realisieren. Diese Regelung ist einmalig und hat Deutschland zu einem vergleichsweise attraktiven Standort für Krypto-Anleger gemacht. Doch in der politischen Debatte steht dieser Sonderweg zunehmend unter Beschuss. Dem Staat entgehen Milliarden an Steuereinnahmen, Krypto-Anleger würden ungerecht privilegiert, so die Kritik.

Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, teilt diese. “Ich halte eine Neuregelung insbesondere aus Gerechtigkeitsgründen für überfällig”, sagt er gegenüber BTC-ECHO. Wertzuwächse aus Kryptowährungen würden im Vergleich zu Aktiengewinnen steuerlich privilegiert. Das sei nicht begründbar. “Warum sollte dieser Wertzuwachs geringer besteuert werden als bei Aktien oder gar als Erwerbseinkommen?”

Milliarden an Steuereinnahmen?

Eine Anpassung der Besteuerung von Kryptowerten – ob mit oder ohne Haltefrist – ist ein Baustein in der aktuellen Haushaltsplanung, von dem sich der Staat offenbar hohe Einnahmen verspricht. Geld, das an anderer Stelle gut gebraucht wird. Lars Klingbeil stellt Mehreinnahmen von bis zu zwei Milliarden Euro in Aussicht. Während diese Zahl von einigen Fachleuten angezweifelt wird, spricht Co-Pierre Georg noch von einer “konservativen Schätzung”.

Allein 2024 hätten deutsche Anleger rund 47 Milliarden Euro an Gewinnen erzielt, ein Großteil davon blieb jedoch bislang steuerfrei. Allerdings wird nur ein Teil dieser Gewinne überhaupt steuerlich relevant. Wie viel tatsächlich besteuert werden kann, hänge laut Georg von drei Parametern ab: “Wie gut sich der Kryptomarkt in den nächsten Jahren entwickelt, wie hoch die Steuerehrlichkeit von Kryptowertinvestoren ist, und wie Investoren ihr Verhalten anpassen, wenn eine Steuer erhoben wird”. Entsprechend danach richtet sich die Höhe der Steuereinnahmen, selbst bei moderaten Anpassungen sei jedoch mit spürbaren Effekten zu rechnen.

“Das Potenzial wird absolut überschätzt”

Florian Wimmer, CEO des Steuer-Softwareunternehmens Blockpit, sieht das etwas kritischer. Eine stärkere Besteuerung würde nur “die Spekulanten belohnen”, sagt er, das “Ziel kurzfristiger Steuereinnahmen” könne sogar letztlich verfehlt werden. Die Natur des Krypto-Marktes mache es schwer, steuerpflichtige Gewinne zuverlässig zu erfassen, auch bei strengeren Regeln.

“Die Eigenheiten von Kryptowährungen im Handel und Besitz, etwa durch die Verwendung mehrerer Handelsplätze oder Self-Hosting, führen dazu, dass eine Quellensteuer den steuerpflichtigen Gewinn nicht verlässlich abgreifen kann”, so Wimmer gegenüber BTC-ECHO. Im Jahr 2024 seien in Österreich lediglich 34 Millionen Euro an Kapitalertragsteuer durch Kryptodienstleister abgeführt worden, ein verschwindend geringer Betrag. Hinzu komme: Viele Transaktionen erfolgen nicht gegen Euro, sondern gegen Stablecoins, was steuerlich nicht immer als Verkauf gilt.

Auch Steuerberater Mathias Steger hält die von Lars Klingbeil genannten zwei Milliarden Euro für überzogen. “Das Potenzial wird absolut überschätzt”, sagt er. Kurzfristig sei sogar mit geringeren Einnahmen zu rechnen, da Anleger Schlupflöcher nutzen und gezielt ausweichen könnten.

Datengrundlage verbessert sich

Während sich die politische Debatte stark auf die Haltefrist konzentriert, sehen die Steuerexperten die eigentliche Schwachstelle an anderer Stelle: in der praktischen Durchsetzung. Denn nach wie vor ist die Erfassung steuerrelevanter Transaktionen am Krypto-Markt sehr lückenhaft.

“Die aktuelle Rechtslage ist für Kryptowährungen grundsätzlich gut anwendbar”, sagt Blockpit-CEO Florian Wimmer. Das Problem liege jedoch darin, dass steuerpflichtige Gewinne bislang oft gar nicht erfasst werden. “Bislang waren die Daten zentralisierter Dienstleister wie Börsen oder Broker kaum zugänglich”. Für Finanzämter sei es häufig “schwer bis unmöglich” gewesen, überhaupt nachzuvollziehen, wer Kryptowährungen besitzt.

Darin ist man sich weitgehend einig. Auch Co-Pierre Georg verweist auf strukturelle Defizite in der bisherigen Datenerfassung. Anders als Wimmer sieht er darin jedoch weniger ein Argument gegen eine Reform – sondern vielmehr einen Hebel dafür. “Dank DAC8 haben wir ab diesem Jahr auch eine deutlich bessere Datengrundlage”, sagt Georg. Steuerbehörden könnten Transaktionen dadurch künftig deutlich umfassender erfassen.

Abschaffung der Haltefrist “verfassungswidrig”?

In der Debatte um eine Reform der Krypto-Besteuerung herrscht unter Experten noch viel Uneinigkeit. Nicht nur in Bezug auf die Höhe möglicher Steuermehreinnahmen, die eine Neuregelung bringen könnte. Umstritten ist überhaupt, ob dies ohne Weiteres rechtlich möglich wäre.

Matthias Steger ist da skeptisch. Eine Abschaffung der Haltefrist hält der Steuerexperte sogar für “verfassungswidrig”. Dies gelte auch für einen Einbezug “von Krypto in eine Kapitalertragsteuer oder ein Sonderrecht für Krypto”.

Misstrauisch äußert sich auch Wimmer. “Einfach nur die Haltefrist für Kryptowährungen abzuschaffen, wäre wohl nicht so leicht möglich. Entweder die Haltefrist fällt für alle Spekulationsgeschäfte, etwa auch Gold, oder Kryptowährungen werden einer anderen Steuerkategorie zugeordnet”. Das würde jedoch “viele weitere Änderungen nach sich ziehen”.

Empfohlenes Video
Krypto-Steuern in Deutschland: das musst du wirklich wissen!

Steuersoftware-Vergleich – Test & Erfahrungen 2026
In unseren BTC-ECHO Reviews vergleichen wir 12 renommierte Anbieter von Krypto-Steuersoftware. Entdecke über 800 Erfahrungsberichte von echten Nutzerinnen und Nutzern und finde die für dich am besten geeignete Krypto-Steuersoftware.
Jetzt zum Steuersoftware-Vergleich 2026
Das könnte dich auch interessieren