Dunkle Wolken ziehen auf über der deutschen Krypto-Community. Die Aussicht auf eine höhere Besteuerung, wie sie Finanzminister Lars Klingbeil erreichen will, sorgt vor allem bei langfristig orientierten Bitcoin-Hodlern für Frust. Noch ist allerdings unklar, wie genau die schwarz-rote Regierung ihre Staatskasse mit zusätzlichen Krypto-Gewinnen auffüllen will. Im Raum stehen verschiedene Pläne von der Einführung einer Kapitalertragsteuer analog zu Aktien bis hin zum “holländischen Modell”. Letzteres würde bedeuten, dass der Fiskus selbst bei rein virtuellen Gewinnen zugreift. Wir haben vier mögliche Szenarien für 2027 unter die Lupe genommen – so teuer könnten die Krypto-Steuerpläne werden.
1) Abschaffung der Krypto-Jahreshaltefrist unter sonstiger Beibehaltung des Status Quo
“In 2024 haben 7 Millionen Kryptowertinvestoren in Deutschland im Durchschnitt 57.000 EUR pro Person in Kryptowerte investiert, also knapp 400 Milliarden Euro insgesamt. Dabei haben sie 47,3 Milliarden Euro Gewinn realisiert”, schreibt Professor Co-Pierre Georg, Direktor des Frankfurt School Blockchain Center. Zu seinem Bedauern waren jedoch “2/3 dieser Gewinne nicht steuerpflichtig”, sodass die Finanzämter nur 4,7 Milliarden Euro abschöpfen konnten – nach Ansicht des Experten eindeutig nicht genug.
Der dezidierte Bitcoin-Skeptiker, der die Krypto-Leitwährung auch 2026 noch als hochriskantes Spekulationsobjekt betrachtet, entwirft daher vier verschiedene Szenarien, um die von ihm ausgemachte “Krypto-Lücke” zu schließen. Das erste lautet “Status Quo, minus Haltefrist” und soll Privatanleger bis zu 11,4 Milliarden Euro kosten. Was er für dieses Ergebnis annimmt: einen marginalen Steuersatz von 40 Prozent, eine Steuer-Compliance von 80 Prozent und einen Rückgang der Krypto-Investments um 25 Prozent.
Kernüberlegung dieses Szenarios ist, dass sich an der grundsätzlichen steuerlichen Einordnung von Kryptowährungen gar nichts ändern müsste. Sie könnten weiterhin als “andere Wirtschaftsgüter” gelten und fielen damit unter die Regelungen des § 23 EStG zu privaten Veräußerungsgeschäften, weshalb Gewinne aus Verkäufen dem persönlichen Einkommensteuersatz unterlägen. Maßgeblich bleibt die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis, abzüglich möglicher Kosten.
In Georgs Modell würde die Jahreshaltefrist aber vollständig entfallen, sodass Gewinne unabhängig von der Haltedauer steuerpflichtig wären. Ob ein Investor seine Coins wenige Tage oder mehrere Jahre hält, spielt also keine Rolle mehr. Jeder Verkaufsvorgang, egal ob kurzfristiges Altcoin-Trading oder langfristiges Bitcoin-Sparen, würde nun steuerlich erfasst werden, was das Verhalten der Anleger zu Ungunsten von Buy & Hold beeinflussen dürfte. “Der klassische Bitcoin-Hodler hat die größten Nachteile, er wird von der Abschaffung der Jahresfrist bestraft”, erklärt Steuerexperte Werner Hoffmann gegenüber BTC-ECHO.
2) Krypto-Gewinne mit Aktiengewinnen gleichsetzen
Im zweiten Steuerszenario schlägt Georg einen grundlegenden Systemwechsel vor: Gewinne aus Kryptowährungen würden nicht länger als private Veräußerungsgeschäfte gelten, sondern als Einkünfte aus Kapitalvermögen. Damit käme die Abgeltungsteuer zum Einsatz, also ein pauschaler Satz von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag, analog zur Situation bei Aktiengewinnen. Eine Haltefrist gäbe es dann ebenfalls nicht mehr, stattdessen wären Gewinne unabhängig vom Anlagehorizont stets steuerpflichtig.
Der Vorteil aus staatlicher Perspektive läge insbesondere in der einfacheren Erhebung, denn die Steuer würde direkt an der Quelle abgeführt, sofern entsprechende Strukturen vorhanden sind. Für Anleger entfiele dann die Pflicht zur eigenständigen Veranlagung. Zudem bliebe immerhin der Sparer-Pauschbetrag erhalten, sodass Gewinne bis 1.000 Euro steuerfrei bleiben könnten. Georg rechnet unter diesen Annahmen mit rund 8,5 Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen, bei einem moderateren Rückgang der deutschen Krypto-Investitionen.
“Gleichstellung mit Aktien erscheint mir inhaltlich richtig”, hatte er im Gespräch mit BTC-ECHO zu verstehen gegeben. Bitcoin verhalte sich schließlich eher wie eine hochriskante Tech-Aktie als wie “digitales Gold”. In Österreich ist eine vergleichbare Besteuerung bereits seit 2022 Realität. Dort fallen seit Abschaffung der Haltefrist 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer auf Krypto-Gewinne an. Allerdings gibt es eine wichtige Besonderheit: Ein Krypto-zu-Krypto-Tausch bleibt steuerfrei, inklusive Stablecoins, was dem Handel auf der Blockchain mehr Flexibilität lässt und Anlegern eine neue Ausweichoption bietet.
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3) Das “Holländische Modell” – Krypto-Steuer auf virtuelle Gewinne bald auch in Deutschland?
Im dritten Szenario orientiert sich der Blockchain-Professor an der niederländischen Handhabung. Dort gilt für Vermögen das sogenannte Box-3-Modell, das auch Kryptowährungen erfassen würde und sich nicht etwa auf tatsächlich realisierte Gewinne fokussiert, sondern auf den Gesamtwert des Portfolios zu einem festen Stichtag. Wer Bitcoin oder andere Kryptowährungen hält, wird also nicht mehr erst beim Verkauf zur Kasse gebeten, sondern bereits für den bloßen Besitz.
Dieses Prinzip wirkt für viele Anleger zunächst befremdlich und gilt auch unter unseren westlichen Nachbarn als umstritten. Der Staat unterstellt eine pauschale Rendite von rund sechs Prozent und besteuert diesen fiktiven Ertrag mit etwa 36 Prozent. Ob der Markt tatsächlich steigt oder fällt, spielt keine Rolle. Selbst wer seine Coins nie verkauft, muss Abgaben leisten, sodass Bitcoin-Sparer jedes Jahr Steuern auf reine Buchgewinne abzuführen hätten
Ein Freibetrag von rund 57.000 Euro sorgt zwar für etwas Entlastung, doch darüber hinaus greift die volle Besteuerung. Vor allem für größere Portfolios kann das schnell ins Geld gehen, sodass Anleger mit sechsstelligen Krypto-Beständen regelmäßig zur Kasse gebeten werden könnten, ohne je einen einzigen Coin zu veräußern. Ob sich langfristiges Bitcoin-Sparen unter solchen Bedingungen überhaupt noch lohnt, erscheint zumindest fraglich.
Interessanterweise rechnet Georg in seinem dritten Steuerszenario mit “nur” 6,9 Milliarden Euro an Steuereinnahmen für den Bund. Für Hodler, die schon seit vielen Jahren auf Bitcoin setzen und zu entsprechendem Wohlstand gelangt sind, wäre es aber zweifellos eine der teuersten Optionen.
4) Einführung einer Vermögenssteuer wie in der Schweiz
Im vierten Szenario orientiert sich Georg schließlich an der Schweiz. Dort bleiben Kursgewinne aus privaten Krypto-Investments steuerfrei, solange kein gewerbsmäßiger Handel vorliegt. Dafür greift eine jährliche Vermögenssteuer auf den Gesamtbestand, die sich am Wert der gehaltenen Krypto-Assets zum Jahresende orientiert, bewertet zum Marktpreis. Die Sätze variieren je nach Kanton, liegen aber meist im Promillebereich. Anstelle einer direkten “Krypto-Steuer” würden Anleger somit eine dauerhafte Abgabe auf das gehaltene Vermögen zahlen. Mit einer angenommenen Vermögenssteuer in Höhe von 0,3 Prozent gelangt Georg zu einer Milliarde Euro an zusätzlichen Steuereinnahmen.
Wie trügerisch solche Modellrechnungen generell sind, zeigt ein Beispiel aus Norwegen. Dort sollte eine höhere Vermögenssteuer ab 2022 eigentlich zusätzliche Einnahmen bringen. Doch 300 Millionäre und Milliardäre stimmten mit den Füßen ab und verließen das Land, mit dem Resultat, dass die Steuereinnahmen um rund 594 Millionen US-Dollar sanken. Gerade vermögende Anleger reagieren schnell auf neue Belastungen, weshalb höhere Steuern die Staatskasse sogar belasten können – das gilt auch für Deutschland.
Schweden ging den entgegengesetzten Weg und schaffte die Erbschaftsteuer 2004 ab, wenige Jahre später folgte auch die Vermögenssteuer. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Alleine in den vergangenen zehn Jahren gingen dort 501 Unternehmen an die Börse – mehr als in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Spanien zusammen. Stockholm zählt heute zu den weltweit führenden Tech-Hubs und liegt bei Unicorns pro Kopf direkt hinter dem Silicon Valley. Das Kapital blieb im Land und wurde produktiv eingesetzt, wovon die gesamte Gesellschaft profitierte, nicht nur wenige Superreiche.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass jedes der vier Krypto-Steuermodelle tief in die bestehenden Strukturen eingreift und unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben könnte. Ob Abschaffung der Haltefrist oder Abgeltungsteuer, ob holländisches Modell oder generelle Vermögensabgabe – die Reaktion der Anleger lässt sich nur schwer vorhersagen. Außerdem bleiben offene Fragen wie der steuerliche Umgang mit Altbeständen, die jahrelange juristische Streitigkeiten nach sich ziehen könnten. Klar ist: Ein Staat, der ohnehin mit wirtschaftlichen Problemen ringt, sollte sich gut überlegen, ob er ausgerechnet ehrgeizige junge Menschen zur Abwanderung bewegen will.
