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Play-to-earn Ist STEPN wirklich so gut, wie viele glauben?

Durchschnittlich 7 Prozent stieg STEPN in der vergangenen Woche. In seinem Gastbeitrag testet Daniel Jungen die STEPN-App. Ist es ein kurzfristiger Hype um die Lauf-App oder ist sie wirklich so gut, wie viele glauben?

Daniel Jungen
 |  Lesezeit: 9 Minuten
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Stepn App auf dem iPhone

Quelle: Shutterstock

Play-to-Earn-Projekte waren zu Beginn des letzten Jahres total populär und sind es noch immer. Und jetzt kommt mit STEPN eine FitFi-App, die einen regelrechten Hype auslöst.

Auf TikTok werden hunderte Videos veröffentlicht, in denen begeisterte Nutzer erzählen, wie sie bei einem zehnminütigen Spaziergang 50–100 Euro verdienen. Andere filmen sich beim Joggen und schwärmen, wie sie dank FitFi beim Workout passives Einkommen generieren können. 

Doch kann dies wahr sein? Kann man mit spazieren oder joggen Geld verdienen? Klingt irgendwie zu gut, um wahr zu sein und schmeckt sehr nach einem Schneeballsystem. Deshalb habe ich mich näher mit dem Phänomen auseinandergesetzt und zu Beginn der Woche einen Selbsttest mit der zurzeit angesagtesten FitFi App namens STEPN gestartet. 

Ein Selbstversuch mit der STEPN-App

Die STEPN-App kann ganz einfach im App Store heruntergeladen werden. Doch beim Anmelden begegne ich bereits der ersten Hürde. Ich brauche einen Aktivierungscode. Im Internet erfahre ich, dass ich diesen entweder von Freunden, welche die App bereits nutzen, erhalten muss, oder aber jeden Tag um Punkt 15:00 Uhr 1.000 neue Codes auf der STEPN-Webseite freigeschaltet werden. 

Da ich niemanden kenne, der die App nutzt, besuche ich zwei Tage später die Webseite und ergattere mir einen Aktivierungscode. Endlich kann es losgehen. Doch der nächste Schock folgt sogleich. Um die App nutzen zu können, muss ich zuerst einen digitalen Schuh kaufen. Kostenpunkt: 10 Solana (etwa 1.000 Euro). Verdutzt schließe ich die App. Mit dem Gedanken, den Preis eines iPhones für einen digitalen NFT Sneaker auszugeben, kann ich mich nicht anfreunden.

Das Geld ruft

Doch die App lässt mir keine Ruhe und so beschliesse ich zwei Tage später, mir das ganze nochmals anzusehen. Leider ist der Preis für die günstigsten NFT Sneakers bereits auf 13 Solana (etwa 1.264 Euro) gestiegen. Zähneknirschend – einerseits wegen des astronomisch hohen Preises, andererseits wegen des bereits entgangenen Gewinns – schicke ich Solana Coins (SOL) von der Kryptobörse an die STEPN-App und kaufe mir einen Sneaker. Es ist ein komisches Gefühl: statt eines neuen iPhones besitze ich jetzt einen digitalen NFT-Schuh. Noch bin ich mir unsicher, ob ich ‘the biggest idiot in town’ (größter Dummkopf der Stadt) oder doch ein ‘early mover Genie ahead of the curve’ bin.

Nun heisst es: Joggingklamotten anziehen und Geld verdienen. Doch leider muss ich feststellen, dass ich keine Energie habe – digitale Energie versteht sich. Laut App kriege ich alle 6 Stunden 0,5 Energiepunkte, welche es mir erlauben, 2,5 Minuten gegen Bezahlung joggen zu gehen. Pro Tag kann ich also maximal 10 Minuten FitFi betreiben. Will ich länger rennen, muss ich weitere Sneakers kaufen oder meinen bisherigen mithilfe der verdienten Kryptowährung aufwerten.

Geldverdienen mit STEPN klappt ganz gut

Sechs Stunden später mache ich mich mit meiner ersten Energie auf den Weg. Per GPS erkennt die App, wie schnell und wie weit ich laufe. Und tatsächlich, nach 2,5 Minuten joggen werden mir 2,75 Green Satoshi Token (GST) im Gesamtwert von etwa14 Euro gutgeschrieben. Nach Abzug der Reparaturkosten (etwa 2 Euro) für meinen nun etwas abgenutzten digitalen Sneaker habe ich also 12 Euro in 2,5 Minuten Joggen verdient. Gar nicht mal so übel.

Das ganze wiederhole ich innerhalb der nächsten 24 Stunden noch dreimal und so habe ich nach einem Tag circa 60 Euro verdient, wobei der starke Kursanstieg des GST noch kräftig mitgeholfen hat. Die verdienten GST wechsle ich nun in USDC und schicke sie über das Solana-Netzwerk zurück “in Sicherheit” zu meiner Krypto-Börse, was reibungslos klappt.

Darum prüfe, wer sich bindet 

Mein Kopf rattert und rechnet nun. Ziehe ich dies jeden Tag durch, so hätte sich der Preis des NFT-Sneakers nach 20–25 Tagen amortisiert, respektive ist er “herausgerannt”. Zusätzlich würde ich den NFT-Sneaker immer noch besitzen und könnte diesen bei Bedarf für hoffentlich mindestens den Einkaufspreis wieder weiterverkaufen. Ein lohnendes Geschäft also.

Doch der emotionale Höhenflug ist von kurzer Dauer. Bald holt mich die linke Gehirnhälfte mit Logik und Rationalität wieder auf den Boden zurück. “Irgendetwas kann doch hier nicht aufgehen”, denke ich mir. “Wieso sollte irgendjemand – außer vielleicht meine Krankenkasse – ein Interesse daran haben, mich für meine sportlichen Betätigungen zu entlohnen?”

Ist STEPN ein Schneeballsystem?

Wie so oft in der Krypto-Welt ist einmal mehr genaues Hinschauen gefragt. Denn schaut man sich die Details an, findet man oft alten Wein in neuen Schläuchen. Nachdem ich einen LinkedIn Post über FitFi-Ponzis gefunden habe, stelle ich dem Autor die Frage, was denn der Unterschied zwischen einem guten Krypto-Spiel und einem Ponzi (Schneeballsystem) ist. Seine Antwort ist simpel und hilft mir sofort, klarer zu sehen. 

Er sagt: “Überlege dir, ob es eine natürliche Nachfrage nach dem Spiel oder dem Service gibt, die unabhängig von der monetären Komponente ist. Oder geht es den Nutzern hauptsächlich darum, möglichst viel monetären Wert aus dem Spiel zu extrahieren.” Auf gut Deutsch: Würde ich die App auch nutzen, wenn ich kein Geld dafür kriegen würde?

Bei STEPN lautet die Antwort für mich ganz klar “Nein”. Der Spielspaß und Nutzen sind für mich schlicht zu wenig. Die App ist zwar lustig gestaltet und das Joggen gibt einem das Gefühl, die Token auch wirklich verdient zu haben. Schließlich fühlt sich das Aufwenden von physikalischer Energie irgendwie nach Arbeit an, welche doch belohnt werden sollte. 

Auch können aus zwei Sneaker weitere Sneaker “gezeugt” werden, welche für gutes Geld weiterverkauft werden können. Ebenfalls ist das Spiel so gestaltet, dass Spieler einen starken Anreiz haben, einen Großteil der verdienten Token direkt wieder zu investieren. Dies hat zur Folge, dass der GST zeitweise stark angestiegen ist.

Das ganze wirkt also verspielt, jeder kann mitmachen und das Konzept ist aufregend, da in dieser Form noch nie dagewesen. Der Haken liegt jedoch darin, dass das Konzept nur so lange funktioniert, wie stetig neue Spieler dazukommen. Das Hauptziel der allermeisten Spieler dürfte darin liegen, Geld zu verdienen. Das sofortige Abverkaufen der erlaufenen Token wird zwar durch die zahlreichen Möglichkeiten, diese wieder zu investieren, verzögert. Doch am Ende wollen die Spieler möglichst viele Token verdienen und diese gegen andere Krypto- oder Fiatwährungen eintauschen.

Kommen irgendwann immer weniger neue Spieler dazu und treffen dabei auf eine immer größere Anzahl bestehender Spieler, so wird es immer weniger Abnehmer für die neu erzeugten Sneakers geben. Dies lässt deren Preis implodieren. Zusätzlich werden immer mehr Spieler die verdienten GST abverkaufen wollen, während nur noch wenige Spieler die Token nachfragen, um ihre Schuhe aufzuwerten. Dies wird den Preis des GST ebenfalls drücken.

Mit sinkendem GST-Preis verdienen die Spieler aber immer weniger für ihre sportliche Betätigung, was das Spiel wiederum unattraktiv für neue Spieler macht und so die Abwärtsspirale verstärkt. 

Ein spannendes Beispiel für ein Play-to-Earn-Krypto-Spiel, das sich zurzeit in einer solchen Phase befindet, ist Axie Infinity. Dort ist der Preis für ein Axie NFT in den letzten Monaten um den Faktor 10 gesunken. Ob sich der Preis je wieder erholen wird, ist dabei mehr als ungewiss. Die Verlierer sind einmal mehr die zuletzt dazugekommen, welche sich für teures Geld eingekauft haben und jetzt den Wert ihrer NFTs im Schnelltempo einbrechen sehen.

Happy End oder blaues Auge? 

Nach diesen Überlegungen bin ich gestern Morgen bei strahlendem Sonnenschein auf eine letzte Joggingrunde aufgebrochen und habe dabei nochmals 60 Euro verdient. Danach habe ich meinen NFT-Sneaker für 16,5 SOL (etwa 1.556 Euro) auf dem STEPN-Marktplatz ausgeschrieben. Der Preis für die digitalen Schuhe ist zu meinem Glück während der letzten Tage nochmals kräftig angestiegen.

Zu meinem Erstaunen hieß es dort, dass ich 4 Prozent des Verkaufserlöses an den Künstler abgeben muss (welcher Künstler?) und zusätzlich 2 Prozent Transaktionsgebühren zu zahlen habe. Das heißt: 97 Euro auf Nimmerwiedersehen. 

Innerhalb einer Stunde war der Schuh verkauft. Alles in allem habe ich also während zwei Tagen auf der STEPN-App 130 Euro durch Joggen verdient, sowie nochmals 250 Euro durch den höheren Weiterverkauf meines digitalen NFT-Sneakers. Ein Happy End also? 

Wohl eher mit einem blauen davon gekommen. Bereits wenige Stunden später ist der Kurs des GST um 30 Prozent gefallen und die Sneaker-Preise sind wieder auf 12–13 Solana (SOL) heruntergefallen. Vielleicht war dies nur eine kleine Unebenheit auf STEPNs weiterem Weg nach oben, doch in der langen Sicht wird wohl auch dieser Hype verebben und tausende von Spielern mit teuer erkauften, wertlosen digitalen Sneakers zurücklassen.

Doch die nächste FitFi-App steht bereits in den Startlöchern. Step App hat vor wenigen Tagen ihren Token Step App (FITFI) gelauncht. Die dazugehörige App wird bald in den App Stores verfügbar sein. Ein sportlicher Step ins nächste Ponzi also? Wir werden sehen.

Der Autor

Daniel Jungen ist Ökonom und Finanzjournalist mit Schwerpunkt Kryptoassets. Daniel ist Mitgründer von InsightDeFi, einer Research Boutique spezialisiert auf Kryptothemen. Zusammen mit seinen Partnern von InsightDeFi publiziert er alle zwei Wochen den gleichnamigen deutschen Newsletter InsightDefi, welcher den Lesern Einblicke in aktuelle Themen rund um Bitcoin, DeFi und Krypto bietet.

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