Der schlafende Riese Goodbye Schweiz, hello Afrika: Ist das die neue Krypto-Oase?
Daniel Hoppmann

von Daniel Hoppmann

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Lagos, Nigeria, Afrika

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Afrika spielt auf der großen Krypto-Bühne bisher eher eine Nebenrolle. Dabei birgt der Kontinent riesiges Potenzial, nicht zuletzt dank der rapide wachsenden Krypto-Adoption in der Bevölkerung.

Nigeria ist wohl die Wirtschaftsmacht des afrikanischen Kontinents. Im Jahr 2019 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fast 450 Milliarden US-Dollar. Das entspricht in etwa dem BIP Österreichs (398 Milliarden Euro). Darüber hinaus lässt sich in Nigeria ein Phänomen beobachten, das exemplarisch für weite Teile Afrikas steht. Denn die Krypto-Adoption ist in der westafrikanischen Republik so fortgeschritten, wie nirgends sonst auf der Welt. Das belegt eine Untersuchung des Datenportals “Statista” aus dem Jahr 2020. Demnach gaben 32 Prozent der Befragten an, Kryptowährungen schon einmal besessen oder benutzt zu haben. Zum Vergleich: in Deutschland lag dieser Wert laut der Umfrage bei 5 Prozent.


Mobiles Bezahlen – ein Trend in Afrika

Nigeria ist dabei kein Einzelfall. Um jedoch den Grund für diese hohe Krypto-Akzeptanz feststellen zu können, muss man erst verstehen, wie Zahlungen in weiten Teilen Afrikas abgewickelt werden. Dem Kontinent fehlt es an einer soliden Finanzinfrastruktur. So mangelt es oftmals an Geldautomaten, Kassen oder Bankfilialen. Auch verfügt kaum ein Afrikaner über eine Kreditkarte. Die Zahlungsnetzwerke unterscheiden sich also gravierend von denen in Industrieländern. Zudem sind die Gebühren, die Banken auf Überweisungen erheben, oftmals exorbitant hoch.

Die Lösung für diese infrastrukturellen Probleme steckt in den Hosentaschen vieler Afrikaner: Das Smartphone wird zum wichtigsten Tool, wenn es um alltägliche Transaktionen geht. Sei es der Lebensmitteleinkauf oder das Begleichen der Strom- und Wasserrechnungen, bis hin zum Bezahlen der Schulgebühren. Ein Großteil der Geschäfte wird über mobile Endgeräte abgewickelt, wie beispielsweise “EcoCash”, ein Zahlungsanbieter des Telekommunikationsunternehmens “Econet” aus Simbabwe. Marktführer sind jedoch Vodafone, Orange und MTN. Afrikanische Behörden schließen Verträge mit Mobile-Payment-Anbietern ab und verhelfen diesen so zu nationalen oder gar internationalen Monopolstellungen. Das ruft Kritiker auf den Plan, die vor allem die Höhe der Transaktionsgebühren kritisieren.

Kryptowährung als Alternative?

Zudem leiden viele afrikanische Länder unter starken Währungsabwertungen und Instabilität. Ersparnisse der Bürger werden dadurch kleiner. Beispielsweise verlor der südafrikanische Rand (ZAR) in den letzten zehn Jahren über 50 Prozent seines Wertes gegenüber dem US-Dollar und ist durchweg eine der volatilsten Fiat-Währungen in der Region. Nigeria, Ägypten, Algerien, Äthiopien und Ghana haben ähnliche Probleme mit ihren eigenen Währungen.

Diesen Problemen begegnen viele Afrikaner mit Kryptowährungen. Durch den Transfer von digitalen Währungen über Krypto-Börsen können sie so die Defizite der Fiat-Volatilität umgehen. Ein Bericht vom Analyse-Unternehmen “Chainalysis“, stellte vergangenen September fest, dass die Krypto-Aktivität in weiten Teilen des Kontinents zugenommen hat. So stiegen die monatlichen Krypto-Transaktionen unter 10.000 US-Dollar um 55 Prozent. Allein im Juni 2020 wurden so Krypto-Werte von 360 Millionen US-Dollar transferiert. Ray Youssef, CEO und Gründer der Krypto-Plattform Paxful beobachtete gar neue Geschäftszweige, bei denen Nutzer ganze Überweisungsgeschäfte auf seiner Börse aufbauten. Dabei sammeln die Unternehmer Geld ein, tauschen es beispielsweise in Bitcoin um und schicken es an eine Wallet ins Ausland, wo die BTC anschließend in die heimische Währung umgewandelt werden.

Junge, Technik-affine Generation in Afrika

Der Krypto-Boom Afrikas wird ebenfalls durch die hohe Arbeitslosigkeit begünstigt. Junge, Technik-affine Menschen meiden traditionelle Berufssektoren und schauen sich nach neuen Möglichkeiten um, Geld zu verdienen. So wie Donaldson Sackey. Der in Togo geborene ehemalige Profi-Fußballer gründete nach seinem Studium an der Harvard University das Unternehmen Timeless Capital. Im Gespräch mit BTC-ECHO benannte er die Ziele seines Krypto-Projekts. Mithilfe seines Tokens, dem Timeless Capital Coin (TCC), versucht Sackey, die Inflationsprobleme der nationalen afrikanischen Währungen zu beheben. Langfristig möchte er TCC als internationales Zahlungsmittel etablieren. Um dieses Ziel zu erreichen, kooperiert Timeless Capital bereits mit Branchen aus Sport und Gastronomie und befindet sich derzeit in Gesprächen mit großen Mobilfunk-Unternehmen, unter anderem MTN und Orange, um TCC in deren Zahlungsnetzwerke zu integrieren.

Donaldson Sackey, Gründer und CEO von Timeless Capital

Als Hauptmotivation gibt Sackey die hohen Transaktionsgebühren an, die Anbieter wie Western Union erheben würden, wenn man Barüberweisungen an afrikanische Länder in Auftrag gebe. So müsse man pro Überweisung Gebühren zwischen 15 und 20 Euro zahlen. Die Gebühren in seinem Netzwerk belaufen sich dabei auf 3 Prozent der versendeten Summe.

Darüber hinaus engagiert sich Sackey bei der Innovative Finance Foundation mit Sitz in Genf. Die Organisation investiert 10 Prozent der Beiträge in gemeinnützige humanitäre Projekte in Afrika. So beschäftigt sich ein aktuelles Projekt mit Blockchain-Seminaren an Schulen und Unis in Togo, Ghana und Simbabwe.


Krypto-Boom ruft Regulierungen auf den Plan

Die erhöhte Nutzung von Kryptowährungen in Afrika ruft Bedenken bei nationalen Finanzbehörden hervor. So hat beispielsweise die nigerianische Zentralbank Anfang Februar einen Krypto-Bann ausgesprochen, der Banken und anderen Anbietern den Handel mit Kryptowährungen untersagt. Trotzdem floriert der Handel mit Bitcoin und Co. in Nigeria weiter.

Donaldson Sackey sieht das Verbot als unbegründet. Er sagt:

Ich glaube, es ist eine Reaktion aus Ungewissheit. Der Staat fragt sich natürlich: Wenn die meisten Transaktionen in Kryptos getätigt werden, wer soll dann noch den Naira nutzen? Durch den Bann zeigen sich viele Bürger enttäuscht. Gerade jetzt, wo immer mehr Kryptowährungen weltweit angenommen werden, ist dies natürlich ein Rückschlag.

Donaldson Sackey, Gründer und CEO von Timeless Capital

Sackey glaubt jedoch, dass das Verbot schwer durchzusetzen ist, weshalb er davon ausgeht, dass der Bann bald wieder gelockert wird.

Wenige Krypto-Projekte aus anderen Kontinenten

Trotz der hohen Krypto-Adoption und des enormen Potenzials des Kontinents beschäftigen sich nur wenige interkontinentale Projekte mit Afrika. Der bekannteste Vertreter ist hierbei Cardano. IOHK, die Gesellschaft hinter Cardano, finalisiert aktuell einen riesigen Deal mit mehreren afrikanischen Regierungen, der Millionen afrikanischer Nutzer auf die Cardano-Blockchain spülen soll. Cardano ist mit seinen Afrika-Plänen bisher ziemlich allein. Da stellt sich die Frage, wieso keine anderen großen Krypto-Unternehmen versuchenn nach Afrika zu expandieren. Donaldson Sackey meint, dass viele Außenstehende den Kryptomarkt in Afrika bisher nicht verstanden hätten und sich deswegen scheuten auf dem Kontinent aktiv zu werden.

Ich glaube, dass Afrika in dieser Hinsicht unterschätzt wird. Man sieht nicht das enorme Potenzial. Afrika verfügt über eine der am schnellsten wachsenden Mobil-Ökonomien weltweit.

Donaldson Sackey, Gründer und CEO von Timeless Capital

Der Timeless Capital CEO geht jedoch davon aus, dass sich in Zukunft mehr Projekte mit Afrika beschäftigen werden.

Kaum Krypto-Mining in Afrika

Verwunderlich ist eine weitere Tatsache. Obwohl die Krypto-Adoption auf dem Kontinent hoch ist und die Strompreise vergleichsweise niedrig, ist die Mining-Industrie in Afrika gering. Es gibt zwar Mining-Communities, beispielsweise in Südafrika, Ägypten, Kenia, Ghana, Nigeria und Uganda, ihr Anteil an der globalen Hash-Rate ist jedoch winzig. Das liegt laut Donaldson Sackey an mehreren Faktoren. Einerseits ist die Errichtung eines Mining-Rigs für viele Afrikaner zu teuer. Andererseits ergeben sich Probleme aus immer wieder stattfindenden Stromausfällen. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass in vielen afrikanischen Ländern Kryptowährungen nicht legalisiert sind. Als Lösung für das Mining-Problem sieht Sackey die Nutzung erneuerbarer Energieträger, wie Wind- und Solarkraft.

Diese Energieträger bieten billigere und nachhaltigere Quellen für Strom. Afrikanische Länder haben diese beiden natürlichen Ressourcen in Hülle und Fülle. Wenn sie diese Ressourcen nutzen würden, wäre es möglich, nachhaltige Bitcoin-Mining-Pools auf dem gesamten Kontinent zu etablieren.

Donaldson Sackey, Gründer und CEO von Timeless Capital

Afrika bietet mit seiner jungen, Technik-affinen Bevölkerung, der hohen Krypto-Adoption und dem reichhaltigen Vorkommen an natürlichen Energieträgern enormes Potenzial für den Krypto-Space. Je weiter sich die globale Krypto-Ökonomie entwickelt, desto wichtiger könnte der afrikanische Kontinent werden. Wenn Afrika es schafft, seine ungeheuren Möglichkeiten zu nutzen, kann aus dem Kontinent wahrlich eine Krypto-Oase fernab des Krypto-Valleys in der Schweiz oder der Hochburgen in Berlin und der US-amerikanischen Westküste werden.


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