"Dieser Zyklus könnte wirklich verrückt werden" Gehört dieser Bullenmarkt den Memecoins?

Kaum geboren, schon Milliarden wert: Was die Memecoin-Manie antreibt. Und warum sie diesen Bullenmarkt dominieren könnte. Ein Essay.

Giacomo Maihofer
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Memecoins

Beitragsbild: Shutterstock

| Memecoin-Trader vergleichen sich auch gerne mit Affen

2,7 Milliarden US-Dollar an Handelsvolumen in 24 Stunden. Das ist mehr als Polygon, Avalanche und Chainlink gemeinsam stemmen, seit Jahren etablierte Kryptowährungen. Und mehr als das tägliche Handelsvolumen auf allen dezentralen Börsen auf Ethereum, der zweitgrößten Blockchain der Welt.

Und das alles für einen Token namens … Slerf. Genau: Slerf.

Der Name klingt dumm, die Geschichte dahinter: ist noch viel dümmer. Der Aufstieg von Slerf steht emblematisch dafür, dass dieser Krypto-Bullenmarkt dabei ist, noch verrückter zu werden als seine Vorgänger. Und von der umstrittensten Form von Token dominiert werden könnte: den Memecoins.

Memcoins: das magische Internetgeld

Sie fluten seit Jahren den Markt und verkörpern die Kryptoindustrie in ihrer irrationalsten Form, sind im wahrsten Sinne des Wortes: magisches Internetgeld. Memecoins steigen oft um tausende Prozent im Wert in kurzer Zeit und kokettieren damit, dass sie eigentlich keinen Sinn haben. Whitepaper, Teams oder einen Geschäftsplan – sucht man vergeblich. Was man stattdessen bekommt: provokante Memes und popkulturelle Referenzen. Aktueller Gesamtwert: 67 Milliarden US-Dollar. Mehr als alle anderen bisherigen Hype-Themen dieses Zyklus, Blockchain-Games, DePin, KI-Coins oder Real World Assets. Wer aktuell die Charts von Dexscreener oder seine Krypto-Twitter-Timeline durchscrollt, sieht vor allem eins: Memecoins. Und eine Manie, die neue Ausmaße erreicht. Im Durchschnitt stieg die Marktkapitalisierung des Sektors im März 2024 jeden Tag um knapp 750 Millionen US-Dollar.

Podcast

Der Markt der Memecoins wirkt auf den ersten Blick, als hätten Rick & Morty die Wall Street übernommen und in ein virtuelles 24/7-Casino verwandelt – gelebte Realsatire. Oder wie es ein populärer Twitter-Account selbst sagt, Wall Street Bets: “Als hätte 4chan ein Bloomberg Terminal gefunden.” Seine Investoren nennen sich “Degens”, kurz für Degenerates, zu Deutsch: Hängengebliebene. Sie investieren nicht, sie “apen” in Coins – verhalten sich also nicht wie Analysten, sondern wie Affen. Es gibt Degen-DAOs, Degen News, Degen-NFTs, Degen-Influencer, Degen-Memes. Der Degen ist längst ein kultureller Archetyp geworden, von der Mehrheit im Kryptospace verpönnt, dafür unter seinesgleichen gefeiert. In den sozialen Medien zelebrieren Trader und Finfluencer mit hunderttausenden von Followern sich gegenseitig dafür, wie “hängengeblieben” sie sind.

“Mir ist langweilig. Ich ape in ein paar Shitcoins auf Base. Wer macht mit?”, fragt die Traderin Eunice D Wong mit 163.000 Followern. “Wenn du immer noch Memeocins kaufst, nachdem du zweimal gescammt wurdest, darfst du offiziell auf einem Behindertenparkplatz parken. Es gibt keinen höheren Grad der Behinderung”, posted die Krypto-Traderin van00sa mit 170.000 Followern. Selbstbeschreibung: “Ich baue generationalen Reichtum auf einem kaputten I-Phone auf.” Der Solana-Trader Jakey (fast 80.000 Follower) posted ein Video von sich: Er steht da in Unterhose mit Sonnenbrille (bei schlechtem Wetter) auf einem Dach vor seinem Laptop, kein T-Shirt, dafür plakatieren Memes als Tattoos seinen Oberkörper. Er trägt einen goldenen Handschuh mit eingebautem Bananen-Halter (weil er halt ein Affe ist). Caption: “Das sind die Leute, gegen die ihr tradet.”

Der neueste Memecoin Slerf wurde so extrem erfolgreich, weil er “hängengeblieben” auf ein ganz neues Level hievte. Der Launch: eine komplette Katastrophe. Zehn Millionen US-Dollar sammelte der Entwickler in 24 Stunden per Presale ein. Schon das ist “hängengeblieben”: Fremde schickten ihr Kryptogeld auf seine Adresse, im Gegenzug für das vage Versprechen seiner Tokens zu einem guten Preis. Die kamen aber nie. Slerf vernichtete seine Token – und aus Versehen auch die seiner Investoren. Und twitterte dann: “Oh, fuck.” Die Reaktion: Slerf wurde auf Twitter zum “Blue Chip-Meme” ernannt und als besonders wertvoll eingestuft, erreichte Rekordvolumen, pumpte um hunderte Prozent. “Oh, fuck” und die ganze Geschichte ist jetzt ein eigenes Meme: die “Slerf-Saga”. Mittlerweile werden Spenden als Entschädigung gesammelt, auch mit Kryptobörsen. Aktueller Gesamtwert des Projekts: 370 Millionen US-Dollar.

Vor dem Aufstieg von Slerf war es Bome, kurz für Book of Memes. Vor Bome war es Dogwifhat. Davor Bonk und Pepe. Bonk brauchte acht Monate, um eine Milliarde US-Dollar wert zu sein. Bei Dogwifhat waren es drei Monate. Bome – drei Tage. Slerf erreichte zwar nur 500 Millionen US-Dollar in der Spitze. Das aber in wenigen Stunden. Schafften es im letzten Bullenmarkt 2021 genau zwei Memecoins in die Top 100, Doge und Shiba Inu, waren es diesen zwischenzeitlich bereits acht Stück (mittlerweile sind es sechs).

Die Memecoin-Manie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Aufmerksamkeitsökonomie im Wild-West-Modus. Likes und Follower, Retweets und Zitate und sensationelle Geschichten wandeln sich in bare Internetmünzen um. Und ihre rasanten Aufstiege leben scheinbar von einer Ressource: Vibes. Zumindest die Stars unter ihnen wie Dogecoin oder Dogwifhat: “Vibes ist im letzten halben Jahrzehnt zu einem allgegenwärtigen Wort geworden, zu dem viele Menschen greifen, wenn es darum geht, die von einem Ort oder einer Sache ausgehende Emotion zu beschreiben”, schreibt der Historiker Tom F. Wright im Atlantic. “Es ist die vorherrschende Kurzform für eine kulturelle Atmosphäre, Stimmung und den Zeitgeist.”

Im Fall der Memecoin-Manie sprechen dabei gerade viele vom Aufstieg des finanziellen Nihilismus, popularisiert durch den Krypto-VC Travis Kling. Die Mentalität dahinter: Wohlstand auf klassischem Wege ist außer Reichweite für die meisten jungen Menschen. Löhne stagnieren. Preise steigen. Häuser sind unerschwinglich.

“Warum nicht 500 Dollar in einen Memecoin investieren, der 50x machen könnte? Auch wenn man weiß, dass man das meiste oder alles davon verliert. Es ist nicht so, dass die 500 US-Dollar genug sind, um einen Unterschied zu machen, genauso wenig wie 1000 oder 5000 US-Dollar. Diese Denkweise, die in Amerika immer mehr um sich greift, ist finanzieller Nihilismus. Das ist der Zeitgeist der jungen Amerikaner. Sie sind naiv, wenn Sie etwas anderes glauben. Und es ist eine große Triebfeder für das Shitcoining.”

Memecoins sind Glücksspiel ohne Heuchelei

Man muss das nicht so düster sehen wie Travis Kling. Krypto als großes virtuelles Casino – im Grunde nichts Neues. Der ICO-Boom von 2017 war ähnlich. Die Leute jagten Pre- und Private-Sales von Coins hinterher, die versprachen irgendeine Branche zu revolutionieren – nur dieses Mal fehlt die Heuchelei. “Als ich damals in den Space kam, dachte ich Substratum wird das Internet verändern und Basic Attention Token die Werbebranche revolutionieren”, erklärt der Blogger Stephen Cesaro im Gespräch mit dem Podcast, The Bankless: “Mit dem Crash 2018 wurde mir klar: Ich habe gerade sehr teures Lehrgeld bezahlt.”

“Wenn du Dogecoin kaufst oder Dogwifhat, weißt du, was du tust. Du wirst nicht getäuscht von einem Gründer von Substratrum, der dir verspricht das Internet zu verändern. Du kaufst literally einen Coin mit einem Hund, der eine Mütze aufhat.” Dogwifhat launchte vor drei Monaten und ist mittlerweile rund drei Milliarden US-Dollar wert. Es parodiert genau das, worüber Cesaro spricht. Auf der Webseite liest man in Großbuchstaben:

“WIF IST NICHT NUR BUCHSTÄBLICH EIN HUND MIT MÜTZE, SONDERN AUCH EIN SYMBOL DES FORTSCHRITTS, FÜR FUTURISTISCHE TRANSAKTIONEN, EIN LEUCHTTURM FÜR DIEJENIGEN, DIE VORAUSDENKEN. ES IST KLAR, DASS DIE ZUKUNFT DENJENIGEN GEHÖRT, DIE INNOVATIONEN WIE WIF ANNEHMEN, GRENZEN ÜBERSCHREITEN UND EINE NEUE ÄRA IM FINANZ- UND TECHNOLOGIEBEREICH EINLEITEN.

Dogwifhat

Nur das, während man das liest, alles durchgestrichen wird, bis da nur noch steht: “Es ist buchstäblich nur ein Hund mit einer Mütze.” Bei Solana wurde der Joke in drei Monaten zum führenden Memecoin-Trend: Influencer posten Fotos von ihren Hunden oder Katzen oder sich selbst – mit Mütze. Oder setzen sie Gary Gensler auf, dem verhassten Chef der US-Finanzaufsicht. Die Bewegung hat ihren eigenen Slang: Get Wif It. The Hat Stays On. Und so weiter. Es gibt jetzt Dogswifpants. Oder Catswifbags. Irgendjemand hat eine gigantische Mütze gestrickt und sie dem Bullen der Wall Street aufgezogen. Selbst Forbes, Bloomberg und die Zeit haben schon darüber berichtet, was die Anhänger amüsiert. Das Beispiel zeigt: Die besten Memecoins kreieren kollektive Unterhaltung. Und schaffen so eine Gemeinschaft.

“Es gibt keinen besseren Weg, die Leute in dieses Ökosystem einzuführen, als dieses Memecoin-Framework”, meint Stephen Cesaro. “Die Leute können nicht auf Coinbase gehen und mit Popcat handeln, oder was auch immer das Meme des Tages ist. Sie müssen lernen: Wie setze ich eine selbstverwahrende Wallet auf, wie benutze ich Jupiter und all diese Dinge.” Memecoins schaffen dabei eine kollektive Erinnerung: “Viele dieser Leute werden sich die Finger verbrennen. Aber in fünf bis zehn Jahren, wenn Krypto eine große Sache ist und man sie fragt, wie sie dazu gekommen sind, hat jeder eine ähnliche Geschichte.”

Noch ist das alles weit entfernt. “Sollte meine These stimmen, dann dürfte dieser Zyklus ziemlich verrückt werden”, prognostizierte Travis Kling vergangenen Monat. Die Realität scheint ihn längst eingeholt zu haben. Über 2.000 Memecoins werden täglich allein auf Solana kreiert, wo sich der Großteil dieses Wahnsinns abspielt. Mittlerweile wandert ein Teil des Degen-Zirkus auf Base, die Layer2-Blockchain von Coinbase, wo der Token Degen bereits hunderte von Prozente Plus gemacht hat. Genauso wie eine “hängengebliebene” Version vom Chef, Brian Armstrong (hier: briun armstrung). Trotz Slerf: Degens werfen Presales weiterhin Millionen hinterher. Einer auf der Binance Chain sammelte angeblich zuletzt rund 280 Millionen US-Dollar ein.

Da kann man nur sagen: “Oh, fuck.”

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