Stefan Schindler “Bitcoin Mining kann helfen, regenerative Energien zu fördern”
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 10 Minuten

Stefan Schindler

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Auch wenn Stefan Schindler studierter Arzt ist, hat er sich in den Anfängen von Bitcoin für die Krypto-Ökonomie entschieden. So hat er den Doktorkittel 2013 an den Nagel gehängt und ist anschließend als CTO von Genesis Mining zu einem der Experten im Mining-Business geworden. Sein Wissen gibt er heute als CEO von Munich Blockchain Capital weiter, indem er Anleger und Krypto-Start-ups bei Investmentlösungen berät. Wie es ist, in einer Mining-Anlage zu leben, welche Möglichkeiten es gibt, Mining grüner zu machen und was von den China-Restriktionen gegen das Mining zu halten ist, hat er uns im Interview verraten.

BTC-ECHO: Als ehemaliger CTO von Genesis Mining hast du Mining-Anlagen aufgebaut und sogar in ihnen geschlafen. Wie ist es, in einer Mining-Anlage zu leben?


Stefan Schindler: Also das war so: Ich kam damals zu einer Farm in Bosnien, mit dem Auftrag, die Miner zu optimieren. Und da war ich einfach so begeistert, dass ich mir gleich eine Isomatte mitgenommen habe – da kenn ich mich auch selbst einfach zu gut. 

Gelebt habe ich dann weniger in einem Rhythmus wie Tag und Nacht als mehr nach Aspekten wie Hunger und Müdigkeit. Wenn ich dann mal eine Pause gemacht habe, habe ich da geschlafen, aber ich kann das nicht empfehlen – das sind ziemlich unmögliche Bedingungen. Es ist extrem laut und vor allem ist es eine sehr unangenehm trockene Luft in diesen Bitcoin-Minen. Mich hat das damals aber überhaupt nicht gestört, weil ich einfach so begeistert war von meiner Tätigkeit. 

Eine andere Anekdote stammt aus 2016. Damals hatten wir eine Bitcoin-Mine in Island aufgebaut. Um unseren Kunden zu zeigen, dass wir tatsächlich Hardware aufbauen, hatten wir in der Anlage Kameras installiert. Auf dem Rückweg von der Mine bin ich mit dem Auto in einen heftigen Schneesturm geraten und nach gerade einmal 500 Metern stecken geblieben. Also bin ich zur Mine zurückgelaufen – und völlig durchnässt angekommen. Dort habe ich dann erstmal alle Kameras abgesteckt und dreimal geschaut, ob die wirklich alle aus sind, um dann meine Klamotten über den Mining Rigs zu trocknen. Nach 30 Minuten waren die wieder trocken.

BTC-ECHO: Aktuell gibt es eine große Debatte über den Stromverbrauch von Bitcoin. Wie ist deine Position zu diesem Thema?

Stefan Schindler: Ich kann die Argumente absolut nachvollziehen. Ich bin auch der Meinung, dass wir mit unserem Planeten vorsichtig umgehen müssen und grundsätzlich unnötigen Energieverbrauch vermeiden sollten. Aber mir ist es aber trotzdem wichtig, dass in der Debatte die richtigen Dinge miteinander verglichen werden. 

Eine Sache, die oft falsch dargestellt wird: Bei Bitcoin ist es nicht so, dass der Energiekonsum mit der Anzahl der Transaktionen steigt. Sondern er steigt mit der Profitabilität des Minings. Oder anders gesagt: je mehr Wert im Netzwerk gespeichert ist, desto mehr Anreiz entsteht für die Miner, das System mit Ihrer Rechenleistung weiter abzusichern. Für derzeit ca. 600 Milliarden USD an Assets werden ca. 7,5 Gigawatt an Energie verwendet. Das sind 0,0125 Watt pro USD, die mathematisch beweisbar fälschungssicher, unumkehrbar in einem globalen System, das auf Open Source basiert abgesichert sind und das nicht auf zentrale Player angewiesen ist. Ich behaupte, das ist konkurrenzlos.

Der dennoch gigantische Aufwand, der für einen einzelnen Player nötig wäre, um nur eine einzige Bitcoin Transaktion zu fälschen, schafft bei Anlegern Vertrauen und bietet eine echte Alternative zur Anlage im klassischen Finanzsystem – dessen Energieverbrauch übrigens ebenfalls nicht null ist.

Ich glaube, die entscheidende Frage ist, aus welchem Mix diese Energie besteht. Der Konkurrenzkampf im Bitcoin Mining um günstigen und in großen Mengen verfügbaren Strom ist sehr hart und kann letztlich alleine über Erfolg oder Scheitern einer Operation entscheiden.

Große Mengen an günstigem Strom sind im Normalfall genau dort anzufinden, wo der Strom erzeugt wird, und aufgrund von Schwankungen in der Produktion nicht gleichmäßig am Markt verkauft werden kann. Also zum Beispiel in der Nähe von PV-, Wind- und Hydrokraftwerken. Tatsächlich können damit Mining Farmen jetzt helfen, regenerativen Energiequellen zu fördern.

BTC-ECHO: Welche Möglichkeiten siehst du denn, Mining grüner beziehungsweise nachhaltiger zu gestalten?

Stefan Schindler: Wenn man als Grundlage die Energiekosten pro Transaktion bemisst, dann hilft es, die Performance des Netzwerks zu erhöhen.  Als Bitcoin vor über 10 Jahren gestartet ist, lag die Performance bei nur 7 Transaktionen pro Sekunde (TPS). Das im Juli 2017 aktivierte Softfork namens Segwit ermöglichte bereits eine Verdoppelung auf 14 TPS. Wiederum darauf aufbauend können nun Second-Layer-Technologien wie zum Beispiel Lightning diese Zahl Off-Chain skalieren und sind damit nicht mehr an Hardware Limits gebunden. Der Maßstab, an dem sich die Industrie messen muss, ist Visa, das angibt, derzeit 1700 TPS zu prozessieren. Und, wenn man über den Tellerrand hinausschaut, wird man in jüngeren Projekten wie zum Beispiel Avalanche fündig. Hier werden bereits jetzt On-Chain 4500+ TPS versprochen.

Wenn man die reine Funktion des Speicherns von Werten zugrunde legt, kann man nur den Energiemix aus erneuerbaren Quellen attraktiver machen. Hier bietet sich auch eine Möglichkeit für Staaten, positiv einzugreifen.

Ein wie ich finde sehr sinnvolles Projekt ist https://netpositive.money – ein Offsetting Projekt, bei dem man mit einem Rechner die CO₂-Belastung eigener gehaltener Coins ausrechnen kann und in CO₂ ausgleichend wirkende Projekte spenden kann.

BTC-ECHO: Welche anderen Mechanismen, neben PoW und PoS, findest du vielversprechend?

Stefan Schindler: Ich muss dazu sagen, ich bin kein Spezialist in Spieltheorie und traue mir nicht zu, vollständig zu beurteilen, ob Proof of Stake in der Lage ist, Proof of Work zu ersetzen. 

Proof of Stake ist deshalb ein interessantes Konzept, weil es jedem ohne Verbrauch von zusätzlichen Ressourcen ermöglicht, sich am Konsens-Mechanismus zu beteiligen. Die grundsätzliche Überlegung, dass jeder, der in einen Coin investiert ist … und sich dort am Staking beteiligt, genauso ausgewählt werden kann, um Transaktionen zu bestätigen, klingt grundsätzlich erst einmal nicht falsch. Das Problem, das ich dabei aber sehe, ist der Compound-Effekt. Der Token, den man durch das Staking bekommt, erlaubt wieder, mehr Einfluss im Netzwerk zu erhalten. Das ist genauso, als wenn man die Miner nicht mit Bitcoin belohnen würde, sondern mit mehr Mining-Hardware. Zudem stellt die Erzeugung von Strom und der Aufbau von Rechenleistung ein physikalisches Limit dar, während das Drucken von Fiatgeld als Einstieg in Proof-of-Stake-Systeme faktisch nicht limitiert ist, und damit ein mögliches Angriffstor darstellt.


Ich bin selber gespannt und beobachte einfach die Entwicklung. Es ist schön, dass es so eine große Vielfalt an Lösungsansätzen gibt, und ich bin der Meinung, dass die Projekte sich nicht gegenseitig in Konkurrenz stehen, sondern das gesamte Biotop bereichern. Ich habe Vertrauen, dass sich die beste Technologie am Ende durchsetzen kann.

BTC-ECHO: Welche Form des “Schürfens” beziehungsweise welches Protokoll könnte sich für hiesige Privatpersonen lohnen – Strom- und Hardwarepreise inklusive?

Stefan Schindler: Was mich derzeit total fasziniert, ist das Modell von Chia (XCH). Dahinter steckt unter anderem  Bram Cohen, der Erfinder von Bittorrent. Der Konsens Mechanismus nennt sich Proof of Space and Time. Die Idee ist, dass man eine limitierte Ressource nimmt, die allerdings selber nicht sehr Stromhungrig ist. Hier fiel die Wahl auf Festplattenspeicher. Im Idealfall wird Speicherplatz, der ohnehin schon zu Hause zur Verfügung steht, ausgenutzt. Seine Vertrauenswürdigkeit beweist man gegenüber dem Netzwerk, indem man diese limitierte Ressource aufwendet und Dateien wie Lotterietickets abspeichert. Die Kompensation für die Transaktionen oder Bestätigungen erfolgt dann genauso zufällig wie bei dem Bitcoin Mining. Ob das funktioniert oder wirklich nachhaltiger ist, muss sich noch zeigen. Hier bildet sich gerade in rasanter Geschwindigkeit eine neue Mining Community aus, deren Dynamik mich sehr an die GPU Mining Zeiten von 2013 erinnern. Chia Mining (beziehungsweise Farming) macht absolut süchtig und die Fotos der aufgebauten Miningoperationen von Hobby Farmen haben einen großen Unterhaltungswert.

BTC-ECHO: Wie beurteilst du das aktuell strenge Vorgehen der chinesischen Regierung gegen Mining-Betreiber?

Stefan Schindler: Fakt ist, dass bis jetzt circa 60 Exahash/s an Rechenleistung aus dem Bitcoin Netzwerk verschwunden sind. Umgerechnet auf die dort verbaute Hardware sind das zwischen zwei und sechs Gigawatt an Installation!

Hier wurden offenbar relativ große Operationen kalt erwischt. Denkbare Gründe, warum China plötzlich hart gegen Mining (und offene Kryptowährungen generell) durchgreifen könnte, gibt es mehrere:

China ist entgegen der Wahrnehmung aus westlicher Perspektive sehr an einer neutralen CO₂-Bilanz interessiert. Die Mining Farmen im Süden von China sind zum Großteil an Hydrodämmen angesiedelt, die dort aber in der Trockenzeit in Konkurrenz mit der Industrie des restlichen Landes stehen. Nachdem einige Provinzen über drei Jahre in Folge ihre CO₂-Ziele nicht erreicht haben, ist hier wohl jemandem der Kragen geplatzt.

Dazu kommen die Bestrebungen Chinas, das BIP im Land zu lassen. Es ist unfassbar schwierig, den Renminbi aus dem Land zu transferieren. China will Güter exportieren, aber Geldwerte im Land behalten. Wenn jetzt ganze Länder wie El Salvador Bitcoin offiziell akzeptieren und wenn dadurch die Akzeptanz von BTC weltweit steigt, dann würde das auch bedeuten, dass erarbeitete Werte leichter aus dem Land transportiert werden könnte, weil sich Bitcoin dieser Kontrolle unterziehen kann.

Des Weiteren entwickelt China ja auch an seiner eigenen zentralen Kryptowährung und ein dezentrales System wie Bitcoin steht hier in gewisser Konkurrenz. Sollten die Daumenschrauben noch weiter angezogen werden, könnte das für Abverkäufe und weiter fallende Preise sorgen – und Investoren letztlich eine tolle Gelegenheit bieten, noch günstiger in Kryptowährungen einzusteigen.

Unterm Strich ist es aber für uns außenstehende Europäer wirklich schwierig, zu beurteilen, wie hart und konsequent jetzt wirklich durchgegriffen wird. Wellen von Bad News kommen aus China eigentlich in regelmäßigen Abständen. Oftmals ist dann auch nicht viel passiert.

BTC-ECHO: Was würdest du schätzen: Wie werden sich die Mining-Kapazitäten in den nächsten fünf Jahren global verteilen? Wird beispielsweise China seine Mining-Dominanz an die USA abgeben müssen?

Stefan Schindler: Ich kann mir das durchaus vorstellen. Man muss sich aber klar sein, dass Bitcoin-Mining-Unternehmen private Unternehmen sind. Wenn sich die Bitcoin Miner in China beispielsweise nicht mehr wohlfühlen, dann gibt es genügend andere Länder, die auch gute Bedingungen anbieten. Miner freuen sich, sich dann dort anzusiedeln. 

Die üblichen Verdächtigen sind Kasachstan und der nordeuropäische Raum, Schweden und Island zum Beispiel. Auch in den USA findet aktuell ein Umdenken statt. Staaten wie Texas, die früher stark von der Ölförderung gelebt haben, bauen gerade verstärkt auf Wind- und Solaranlagen. Das sind günstige Energiequellen, wo Strom massig zur Verfügung steht. 

Eine sinkende Mining-Kapazität bedeutet übrigens nicht, dass die Kurse einbrechen. Das bedeutet nur, dass sich andere freuen.

BTC-ECHO: Zum Schluss der Blick in die Glaskugel: Wo siehst du den Bitcoin-Kurs Ende 2021?

Stefan Schindler: Ich denke, dass wir zwischen 70.000 US-Dollar und 80.000 US-Dollar liegen werden. Ich lege mich mal fest und sage, wir beenden das Jahr auf 75.000 US-Dollar. Der Bull Run ist meiner Meinung nach noch nicht vorbei. Wenn man sich den Verlauf der Bull Runs anschaut, stellt man fest, dass sie länger dauern und flacher werden. Krypto-Analyst Kierin Mulholland hat in seinem Youtube-Kanal neulich eine tolle Analyse zu dem Thema abgegeben: Der letzte Bull Run dauerte 600 Tage und wir sind gerade mal bei 340 Tagen. Also toi, toi, toi.

Disclaimer

Dieser Artikel wurde geprüft und aktualisiert und wurde zuerst in der Juli-Ausgabe unseres monatlich erscheinenden Magazins Kryptokompass veröffentlicht. Für Informationen rundum ein Abonnement geht es hier entlang.


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