Wie widerstandsfähig ist Bitcoin wirklich? Bitcoin hält einer der härtesten Belastungsproben stand, die ein Finanznetzwerk erleben kann. Mit einer Marktkapitalisierung von 1,5 Billionen US-Dollar gilt die Kryptowährung als der größte dezentrale Honeypot der Welt. Für Anleger ist die Frage nach der Sicherheit deshalb von zentraler Bedeutung. Eine neue Studie der Universität Cambridge mit dem Titel Bitcoin Under Stress: Measuring Infrastructure Resilience 2014–2025 liefert darauf nun erstmals belastbare Antworten und zeichnet ein differenziertes Bild.
Bitcoins Basis liegt in physischer Infrastruktur
Viele Menschen stellen sich Bitcoin als vollständig losgelöst von der realen Welt vor. Technisch betrachtet stimmt das jedoch nur bedingt. Das Netzwerk läuft über das Internet und damit über physische Komponenten wie Rechenzentren, Internetanbieter, Routing-Systeme und Unterseekabel. Diese Infrastruktur ist anfällig für Naturereignisse, technische Störungen und menschliche Eingriffe.
Genau an dieser Schnittstelle setzt die Cambridge-Studie an. Sie untersucht, ob und wie gut Bitcoin gegen Risiken aus dieser realen Abhängigkeit geschützt ist.
Ein datengetriebener Blick auf elf Jahre Bitcoin
Für ihre Analyse werteten die Forscher mehr als ein Jahrzehnt an Netzwerkdaten aus. Der Datensatz umfasst über acht Millionen Beobachtungen von Bitcoin-Nodes im Zeitraum von 2014 bis 2025, ergänzt durch Informationen zu 658 Unterseekabeln sowie zahlreichen dokumentierten Ausfallereignissen.
Der methodische Ansatz der Studie ist dabei besonders bemerkenswert. Die Wissenschaftler modellierten mehrere Ebenen gleichzeitig, darunter die physische Infrastruktur, die Routing-Ebene des Internets sowie das Peer-to-Peer-Netzwerk. Das Ergebnis ist eindeutig. Bitcoin erweist sich als erstaunlich widerstandsfähig gegenüber zufälligen Infrastrukturausfällen.
Der sogenannte kritische Schwellenwert liegt je nach Analysezeitraum zwischen 72 und 92 Prozent. Das bedeutet, erst wenn der weitaus größte Teil der internationalen Verbindungen gleichzeitig ausfällt, verlieren nennenswerte Teile des Netzwerks ihre Konnektivität.
Reale Ereignisse bestätigen diesen Befund. Bei 87 Prozent der untersuchten Kabelausfälle lag die Veränderung der erreichbaren Nodes unter fünf Prozent. Größere Störungen blieben meist regional begrenzt und hinterließen keine dauerhaften Spuren im globalen Netzwerk. Die mittlere Auswirkung auf die Erreichbarkeit lag bei lediglich minus 1,5 Prozent, der Medianwert sogar bei minus 0,4 Prozent. Die Korrelation mit dem Bitcoin-Kurs war in diesen Fällen nahezu null.
Wenn Angriffe gezielt erfolgen
Das Bild verändert sich, sobald Ausfälle nicht zufällig entstehen, sondern gezielt herbeigeführt werden. Wer besonders wichtige Netzwerkknoten ins Visier nimmt, kann das Netzwerk mit einem vergleichsweise kleinen Aufwand erheblich destabilisieren.
Besonders verwundbar sind Verbindungen mit hoher Bedeutung für den Datenverkehr, etwa transatlantische Kabel oder zentrale Internetanbieter. Auch große Hosting-Dienstleister und Miner spielen eine wichtige Rolle, da viele Nodes in deren Infrastruktur betrieben werden.
Diese Erkenntnisse relativieren das Bild der vollständigen Dezentralität. Auf Protokollebene ist Bitcoin zwar verteilt aufgebaut, auf Infrastrukturebene bestehen jedoch Konzentrationen, die potenzielle Schwachstellen darstellen.
Tor als unerwarteter Stabilitätsfaktor
Doch auch hier gibt es Abhilfe. Denn ein besonders interessanter Aspekt der Studie betrifft die zunehmende Nutzung von Tor im Bitcoin-Netzwerk. Tor (The Onion Router) ist ein freies Netzwerk und ein Webbrowser, der anonymes Surfen im Internet ermöglicht, indem er Datenverkehr über weltweit verteilte Knotenpunkte verschlüsselt und umleitet.
Der Anteil der Nodes, die über Tor verbunden sind, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und liegt inzwischen bei rund 64 Prozent. Diese Entwicklung wurde häufig kritisch gesehen, da die physische Verortung dieser Nodes nicht bekannt ist. Die Analyse kommt jedoch zu einem anderen Schluss. Tor kann die Resilienz des Netzwerks sogar erhöhen.
Der Grund liegt in der Struktur des Tor-Netzwerks. Die meisten leistungsfähigen Relays befinden sich in gut vernetzten Ländern Europas, die über zahlreiche redundante Internetverbindungen verfügen. Selbst wenn einzelne Verbindungen ausfallen, bleibt die Tor-Infrastruktur häufig stabil, weil sie auf alternative Routen ausweichen kann.
In den Simulationen führt dies dazu, dass mehr Infrastruktur zerstört werden muss, um das Netzwerk zu destabilisieren. Tor wirkt somit nicht nur als Werkzeug für Anonymität, sondern auch als Verstärker der Bitcoin-Robustheit.
Fazit
Die Cambridge-Studie zeichnet ein klares Bild. Bitcoin ist ein robustes Netzwerk, das erst bei einem Ausfall von 72 bis 92 Prozent der physischen Infrastruktur messbare strukturelle Schäden erleidet. Das macht es deutlich widerstandsfähiger, als Kritiker es oft darstellen.
Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass gezielte Angriffe auf zentrale Knotenpunkte erheblich effektiver sind als breit gestreute Störungen. Vollständige Unverwundbarkeit bleibt also ein Mythos.
Besonders bemerkenswert bleibt die Rolle von Tor. Entgegen verbreiteter Skepsis erhöht es nicht nur die Privatsphäre der Nutzer, sondern trägt auch zur Stabilität des gesamten Netzwerks bei, weil es den Standort wichtiger Nodes verschleiert und Alternativrouten bereitstellt.
Bitcoin ist damit kein unzerstörbares System, aber ein außergewöhnlich anpassungsfähiges. Genau diese Eigenschaft könnte langfristig darüber entscheiden, wie gut es zukünftigen Herausforderungen standhält.
