Der Yen fiel am Montag auf 163,99 je US-Dollar, den schwächsten Stand seit 1986. Hedgefonds hielten zu diesem Zeitpunkt 114.030 Short-Kontrakte gegen die Währung, eine Positionierung, die sich ausschließlich bei anhaltender Schwäche auszahlt. In der Nacht auf Freitag sprang der Kurs von rund 162,80 auf knapp unter 158.
Der Yen finanziert seit Jahren einen erheblichen Teil spekulativer Positionen weltweit, weil Kredite in einer Niedrigzinswährung billig bleiben und das geliehene Geld in höher verzinste Anlagen fließt. Das ist der sogenannte “Carry-Trade”. Eine abrupte Aufwertung verteuert diese Kredite rückwirkend und zwingt Investoren, im Ausland zu verkaufen und Yen als “Hedge” zu kaufen. Bitcoin gehört zu den Vermögenswerten, die in solchen Phasen früh abgestoßen werden, weil er rund um die Uhr handelbar ist und keine Schlusskurse abwartet. Im August 2024 hat der Markt diese Sequenz innerhalb weniger Tage durchgespielt.
Warum Japan bei einem Prozent stehen bleibt
Die BoJ beließ den Leitzins am Freitag trotz allem bei 1,00 Prozent, im Votum 8 zu 1. Hajime Takata stimmte für 1,25 Prozent. Erst im Juni war der Satz von 0,75 Prozent angehoben worden. Im Ausblick schreibt die Notenbank, die Kerninflation dürfte ab der zweiten Hälfte des laufenden Fiskaljahres deutlich über zwei Prozent liegen, und nennt als Gründe die Weitergabe höherer Löhne und die Währungsschwäche.
Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen liegt bei rund 2,80 Prozent gegenüber etwa einem Prozent im Jahr 2024. Der Abstand zur US-Kurve ist unter 200 Basispunkte also 2% geschrumpft. Eine schrumpfende Zinsdifferenz nimmt dem Carry Trade seine Grundlage, allerdings langsam und ohne festen Fahrplan.
In Tokio stiegen die Verbraucherpreise im Juli auf 2,0 Prozent, der Kernwert lag über den Erwartungen. Gleichzeitig brach der Einzelhandelsumsatz im Juni um 4,1 Prozent zum Vormonat ein. Die Regierung Takaichi hat damit ein Problem, das sich politisch schlecht aussitzen lässt, steigende Preise bei nachlassendem Konsum.
Was Seoul über geliehenes Geld gelernt hat
Südkorea hat gerade vorgeführt, was passiert, sobald geliehenes Geld verschwindet. Der Kospi, der wichtigste Aktienindex des Landes, erreichte am 19. Juni mit 9.385,59 Punkten ein Rekordhoch und hatte sich damit im ersten Halbjahr verdoppelt. Getragen wurde der Anstieg von Privatanlegern, die seit April für über 60 Milliarden US-Dollar kauften. Ausländische Investoren verkauften im selben Zeitraum für mehr als 70 Milliarden US-Dollar, der Markt hing also fast allein an heimischen Käufern.
Ein großer Teil dieser Käufe lief auf Kredit. Anleger hinterlegten ihre Wertpapiere als Sicherheit und kauften mit dem geliehenen Geld nach, häufig über gehebelte Fonds, die die Tagesbewegung einzelner Halbleiterwerte verdoppeln. Steigende Kurse erhöhen den Wert der Sicherheiten und erlauben den nächsten Kredit. Fallende Kurse drehen denselben Mechanismus um.
Im Juli fielen sie. Sobald die Sicherheiten den Kredit nicht mehr deckten, lösten die Broker die Depots automatisch auf, was die Kurse weiter drückte und die nächste Runde auslöste.
Am Freitag holte der Index einen Großteil des Absturzes binnen Stunden zurück, nachdem die Politik stützend eingriff. Beide Bewegungen stammen aus derselben Quelle, erzwungene Verkäufe fragen nicht nach Bewertung, sie folgen den Sicherheiten. Korea ist dabei nur der sichtbarste Fall, der Vorgang läuft überall dort, wo Positionen auf Kredit stehen. Bitcoin notiert 49 Prozent unter seinem Höchststand, ohne dass eine Nachricht aus der Kryptowelt diesen Abstand erklären würde. Ob sich das dreht, entscheiden zwei Zahlen, und beide stehen in Tokio.
Woran sich diese Ruhe jetzt entscheidet
Über das Makro-Bild entscheidet derzeit der Preis von geliehenem Geld. In Tokio liegt er bei einem Prozent, und solange das Finanzministerium den Yen bei Bedarf stützt, bleibt der Carry Trade rechenbar.
Diese Ruhe kippt an zwei Stellen, und beide führen zum selben Ergebnis. Fällt der Yen über 164, ohne dass Tokio erneut eingreift, liest der Devisenmarkt das als Kapitulation und die Wette gegen die Währung wird noch beliebter. Genau dann wird ein späterer Eingriff umso brutaler, weil er auf eine Rekordzahl an Gegenpositionen trifft. Steigt umgekehrt die zehnjährige japanische Rendite über drei Prozent, verdienen japanische Versicherer und Pensionsfonds im eigenen Land wieder genug und holen Kapital aus dem Ausland zurück. Der Yen wertet auf, und der Kredit, mit dem weltweit spekuliert wird, verteuert sich.
