Umweltbilanz Bitcoin Mining hat ein Müllproblem – darüber sollte man reden
David Scheider

von David Scheider

Am · Lesezeit: 4 Minuten

Elektroschrott

Quelle: Shutterstock

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30.000 Tonnen Elektroschrott produziert Bitcoin jedes Jahr. Ein Problem, das nicht einfach abgetan werden sollte.

Geht es um Energieverbrauch, ist Bitcoin ein gern gesehener Sündenbock. Beliebt sind Vergleiche, nach denen der digitale Wertspeicher Strom in der Größenordnung ganzer Nationalstaaten verbraucht. Doch auch Müll, genauer: Elektroschrott, eignet sich hervorragend, um dem Image des größten dezentralen Projektes der Menschheitsgeschichte eine Macke zu verpassen.


Ein kürzlich erschienenes Forschungspapier, an dem auch der bekennende Bitcoin-Kritiker (und Zentralbanker) Alex de Vries mitgearbeitet hat, hat den Müllberg, den Bitcoin produziert, zu quantifizieren versucht. In “Bitcoin’s growing e-waste problem” schreiben die Autoren, dass sich der Elektroschrott des Netzwerks jährlich auf 30.000 Tonnen summiert. Die Zahl ist das Ergebnis von Schätzungen der Rechenleistung aller Mining-Farmen, deren Energieeffizienz sowie der Operationskosten der Miner.

Da es sich bei Mining-Geräten um spezialisierte Hardware handelt, landen Altgeräte nicht etwa als Recyclingware in anderen Rechenzentren, sondern eben auf der Mülldeponie, wie die Autoren schlussfolgern. Der daraus entstehende Müllberg sei auch deshalb beachtlich, da die Geräte eine vergleichsweise geringe Lebensdauer haben. Lediglich ein Jahr und vier Monate sind die ASICs laut Paper durchschnittlich in Betrieb; dann landen sie auf dem Müll. Ein erfreulicher Ausreißer sei laut Autoren der Antminer S9 von Bitmain mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 3,39 Jahren.

272 Gramm Müll pro Transaktion

“Die Miner verbrauchen immer mehr kurzlebige Hardware, was die Zunahme des weltweiten Elektroschrotts noch verschärfen könnte … der Moment, in dem sie unrentabel werden, bestimmt den Zeitpunkt, an dem sie zu Elektronikschrott werden”, heißt es in dem Forschungspapier.

Rechnet man die veranschlagten 30 Kilotonnen herunter, kommt man auf rund 272 Gramm Elektroschrott je Bitcoin-Transaktion – eine schon eher vorstellbare aber wohl auch irreführende Größenordnung.


Als Bitcoiner neigt man dazu, Kritik an Bitcoins Umweltbilanz als FUD abzutun. Verursachen am Ende des Tages nicht alle Industrien Müll? Und fallen die von BTC produzierten 30.000 Tonnen von globalen 50 Millionen Tonnen E-Schrott pro Jahr überhaupt ins Gewicht? Schließlich macht das Netzwerk lediglich 0,06 Prozent der jährlichen weltweiten Elektroschrott-Produktion aus. Klar, all das ist richtig – und schmälert dennoch nicht die Verantwortung der Bitcoiner, Antworten auf die Probleme zu finden.

Kritik ist angebracht

Denn am Ende sind die Vorwürfe legitim. Anders als bei Bitcoins Energiedebatte, der wir uns in Ausgabe 49 des Kryptokompass bereits ausführlich gewidmet haben, ist unrecyclebarer Müll nicht zu beschönigen. Natürlich gibt es Industrien, die deutlich mehr Schrott produzieren. Dennoch ist es nicht falsch, sachliche Kritik an den Umweltfolgen von Bitcoin hervorzubringen. Denn Elektroschrott hat mitunter fatale Folgen für Mensch und Umwelt, da er toxische Dämpfe produziert und das Grundwasser beispielsweise mit Blei verseuchen kann.

Doch eine einfache Lösung ist leider auch nicht wirklich in Sicht. Zwar fordern de Vries und seine Kollegen eine Umstellung des Bitcoin-Protokolls auf Proof-of-Stake. Wer sich aber wirklich intensiv mit der Kryptowährung auseinandergesetzt hat, weiß, dass das schlicht keine gangbare Option ist.

Aus Sicht der Nachhaltigkeit wünschenswerter wäre es, das PoW-System in seiner Gesamtheit zu ersetzen. In der Tat gibt es bereits mehr als 350 Kryptowährungen, bei denen PoW teilweise oder ganz zugunsten von weniger Energie- und Hardware-intensiven Proof-of Stake-Konsensalgorithmen ersetzt wurden.

Proof of Work ist alternativlos

Proof of Work ist Bitcoins Herzstück und als solches nicht verhandelbar. Vorstellbar wäre auch, die ASICs länger als bisher am Netz zu lassen und unter Umständen kurzfristig unrentables Mining in Kauf zu nehmen. Denn steigt der Bitcoin-Kurs, könnte sich ein vormaliger Nettoverlust doch noch zum Gewinn mausern. Eine sofortige Entsorgung der Altgeräte könnte also nicht immer nötig sein. Auch ein Gebrauchtwarenmarkt für funktionstüchtige Miner würde Abhilfe schaffen. Und tatsächlich: Auf coinminer.com finden sich eine Reihe ausrangierter ASICs für verhältnismäßig wenig Geld.

Wie bei allen Abfall-intensiven Industrien sollte sich aber auch das Mining eigene Umweltstandards setzen und hohe Recyclingquoten etablieren. Auch hierfür sollte sich die Bitcoin Community stark machen.


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