Auf dem Prüfstand 

AAVE und das 3.500-Dollar-Ziel: Was das Protokoll dafür verdienen müsste

Standard Chartered seines Zeichen eines der größten Finanzunternehmen aus Großbritannien sieht AAVE bis 2030 bei 3.500 US-Dollar. Seit Juni fließen offiziell sämtliche Protokolleinnahmen in Rückkäufe des Tokens. In den Daten ist davon bislang nichts zu sehen.

Philipp Baumgartner
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Bildschirm mit dem Kurs des Aave-Tokens und einem Tagesminus

Beitragsbild: picture alliance

| Der AAVE-Kurs auf einem Handelsbildschirm

Aave ist das größte Kreditprotokoll der Branche und eines der wenigen, das überhaupt nennenswerte Einnahmen erwirtschaftet. Im Juni kam eine Nachricht, auf die Token-Halter seit unzähligen Jahren sehnlichst warten: Aavenomics 3.0 ging live und leitet seither alle Erlöse aus Protokoll und GHO über einen automatisierten Mechanismus an die AAVE-Halter. Noch vor wenigen Wochen hatte Standard Chartered ein Kursziel von 3.500 US-Dollar bis Ende 2030 ausgerufen, was rund dem Vierzigfachen des Kurses entspricht.

Wie teuer AAVE gemessen an den Einnahmen ist

Aave wird mit 1,39 Milliarden US-Dollar bewertet. Auf Basis der vergangenen 30 Tage verdient das Protokoll hochgerechnet rund 48 Millionen US-Dollar im Jahr, bei Nutzergebühren von etwa 357 Millionen. Anleger bezahlen damit knapp das Dreißigfache des laufenden Ertrags.

Der Abstand zwischen beiden Kennzahlen erklärt, was Aave überhaupt verdient. Kreditnehmer zahlen Zinsen, der weitaus größte Teil davon geht an die Lender die diese Liquidität zur Verfügung stellen. Beim Protokoll bleiben rund 13 Prozent hängen. Diese Marge ist der reelle Ertrag im wirtschaftlichen Sinn. Wer die Gebühren als Umsatz liest, hält Aave für spottbillig.

Über zwölf Monate gerechnet liegt der Ertrag bei 113 Millionen US-Dollar, das Vielfache damit bei zwölf. Diese Zahl beschreibt eine Zeit, die längst Geschichte ist. Der Quartalsertrag fiel von 41 Millionen US-Dollar im dritten Quartal 2025 auf 20 Millionen im zweiten Quartal 2026.

Der Rückkauf, den bislang niemand messen kann

Den Einbruch des Ertrags kann man auf den Tag datieren. Am 18. April nutzte ein Angreifer eine Lücke in der rsETH-Bridge von Kelp, woraufhin ungedeckte rsETH-Token in die Aave-V3-Märkte auf mehreren Chains gelangten und das Protokoll die betroffenen Reserven einfror. Aave selbst wurde nicht gehackt. Es hatte einen fremden Token als Sicherheit akzeptiert, der über Nacht nicht mehr gedeckt war. Das reicht bei einem Kreditprotokoll aus, damit Kunden das Vertrauen verlieren und ihr Kapital abziehen. Seither sind nach Angaben des Dienstleisters TokenLogic 15 Milliarden US-Dollar an Einlagen abgeflossen. Weniger Einlagen bedeuten weniger vergebene Kredite, weniger gezahlte Zinsen und damit direkt weniger Ertrag für das Protokoll.

Einen Tag nach dem Vorfall stoppte die DAO die Rückkäufe, um die Bilanz für die Entschädigung betroffener Nutzer freizuhalten. Die Bedingung für einen Neustart hält der Governance-Antrag nüchtern fest: Gekauft werde wieder, wenn der operative Cashflow es hergebe.

Seit der Aktivierung von Aavenomics 3.0 sind gut sechs Wochen vergangen. In den Quartalszahlen steht für das laufende Quartal kein einziger Dollar an Rückkäufen, nach 0,7 Millionen im Vorquartal und 11,4 Millionen im Vergleichsquartal des Vorjahres. Das Programm läuft erst seit April 2025, in den Quartalen davor gab es überhaupt keine Rückkäufe.

Income Statement von Aave mit Gross Profit und Token Buy Back je Quartal von Q1 2025 bis Q3 2026
Seit dem Stopp im April weist Aave keine Rückkäufe mehr aus, Q3 2026 ist ein laufendes Quartal | Quelle: DefiLlama

Dieselbe Aussage liefert die Live-Ansicht bei DefiLlama, wo der an Halter ausgeschüttete Erlös für die vergangenen 30 Tage bei null steht. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Entweder erfasst die Datenquelle den neuen Weg noch nicht, oder es wird tatsächlich nicht gekauft. Für Anleger macht das im Moment keinen Unterschied, denn nachweisen lässt sich in beiden Fällen nichts.

Selbst wenn alles wie geplant läuft, bleibt der Effekt überschaubar. Bei den heutigen Einnahmen würde Aave im Jahr etwa 3,5 Prozent der eigenen Marktkapitalisierung zurückkaufen. Im März hatte die DAO das Jahresbudget für die Rückkäufe zudem von rund 50 auf 30 Millionen US-Dollar gekürzt und das mit sinkenden Kreditgebühren begründet. Ein Rückkauf, der sich nach den Einnahmen richtet, kauft am wenigsten, wenn es dem Protokoll schlecht geht. Das ist die Schwäche des Modells.t.

Ein Konkurrent, der bewusst nichts verdient

Das eigentliche Problem sitzt eine Etage tiefer. Morpho hat in zwölf Monaten Nutzergebühren im dreistelligen Millionenbereich erzeugt und behält davon bewusst keinen Dollar ein, weil sämtliche Gebühren an Kuratoren und Lender gehen. Bewertet wird Morpho trotzdem fast so hoch wie Aave.

Der Markt bezahlt in diesem Segment also nicht für Cashflow, sondern für die Aussicht darauf. Für Aave heißt das Folgendes: Jede Erhöhung der eigenen Marge ist ein Angebot an die Konkurrenz, Kapital abzuwerben. Die Nutzungsseite spricht dagegen für Aave. Die Einlagen liegen wieder bei 14,8 Milliarden US-Dollar und wuchsen binnen 30 Tagen um knapp acht Prozent, das ausstehende Kreditvolumen bei 11,4 Milliarden. Was fehlt, ist die Übersetzung dieser Erholung in Ertrag.

Wie kommt Standard Chartered auf ein Kursziel von 3.500 US-Dollar?

Bei einem Maximalangebot von 16 Millionen Token entspricht das Kursziel einer Bewertung von 56 Milliarden US-Dollar. Bei einem für wachstumsstarke Protokolle typischen Hundertfachen des Ertrags bräuchte Aave dafür 560 Millionen US-Dollar im Jahr, also etwa das Zwölffache des heutigen Laufs.

Bei einem im Aktienmarkt üblichen Dreißigfachen wären es 1,87 Milliarden und damit das Neununddreißigfache. Zur Einordnung: Seit 2020 hat Aave insgesamt rund 2,25 Milliarden US-Dollar an Gebühren eingesammelt, aus denen nach Auszahlung an die Lender nur ein Bruchteil als Ertrag hängen blieb. Das Finanzinstitut aus Großbritannien stützt ihr Modell auf eine einzige Annahme, nämlich eine Vervielfachung des in DeFi eingesetzten Kapitals auf 2,7 Billionen US-Dollar bis 2030.

Wenn die Einnahmen zurückkommen und Anleger weiterhin bereit sind, einen hohen Preis für jeden verdienten Dollar zu zahlen, sind dreistellige Kurse schnell wieder da.
Sinkt aber die Bereitschaft des Marktes, für Krypto-Erträge hohe Preise zu zahlen, kann Aave seinen Ertrag verzehnfachen und der Token trotzdem hinterherhinken.

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