Hans-Werner Sinn ist Bitcoiner – er weiß es nur noch nicht

David Scheider

von David Scheider

Am · Lesezeit: 4 Minuten

David Scheider

Kryptowährungen sind Davids Leidenschaft. Deshalb studiert er jetzt Digital Currency an der Universität Nicosia – und schreibt nebenher für BTC-ECHO. Von Bitcoin hält David einiges, vom allgemeine Hype um die Blockchain-Technologie eher weniger.

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Die Unchain-Konferenz auf dem Berliner Holzmarkt bot so manches Schmankerl für den Bitcoiner von Welt. Neben bekannten Szenegrößen wie Tone Vays und Brock Pierce hatte am ersten Konferenztag auch Hans-Werner Sinn seinen Auftritt. Seinen Talk kann man nur als Fundamentalkritik an der Niedgridzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) begreifen. Wieso Sinn Bitcoiner ist.

Hans-Werner Sinn gilt als Kritiker des derzeitigen EZB-Kurses. Nullzinspolitik, Quantitative Easing, Inflation: All dies thematisiert der ehemalige ifo-Chefökonom seit geraumer Zeit. Bereits 2017 sprach Sinn von „einer gefährlichen Politik“. Die Rede war, man ahnt, von der EZB. Langfristig sei das Inflationsziel von zwei Prozent pro Jahr bei der aktuellen Expansivität der Geldpolitik gefährdet, so der Ökonom.

In eine ähnliche Stoßrichtung ging Sinns Talk auf der Berliner Unchain-Konferenz, bei der auch BTC-ECHO vor Ort war.

Quantitative Easing als makroökonomisches Experiment

Ich hatte an anderer Stelle Bitcoin als das „größte makroökonomische Experiment der Menschheitsgeschichte“ bezeichnet. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Unstrittig hingegen dürfte sein, dass die Asset-Kaufprogramme der EZB ein mindestens ebenso gewagtes ökonomisches Experiment sind wie Bitcoin. Seit Anfang Januar 2015 betreibt die EZB diese Form der expansiven Geldpolitik, die man in der Fachsprache gerne hinter dem sperrigen Begriff des Quantitative Easing versteckt. Was genau dahinter steckt, erklärt Sinn in seiner Präsentation recht deutlich. Die Zentralbank kauft dabei private oder öffentliche Wertpapiere – und bezahlt diese mit frischem Zentralbankgeld. Die Maßnahme erweitert mittelfristig die umlaufende Geldmenge. Denn die Notenbanken kontrollieren die Druckerpressen, benötigte Liquidität lässt sich folglich aus dem Nichts erzeugen. Dies verwässert die Geldmenge und senkt den Zins.


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Quantitative Easing ist, so Sinn, ein Beweis „für die verführerische Kraft, mehr Geld zu drucken als nötig“.

Bereits in grauer Vorzeit habe kein Herrscher der Verführung widerstanden, das Monopol auf die Geldproduktion zu missbrauchen.

Anders als die Könige der Vergangenheit bereichert sich die EZB durch das Monopol am Geld allerdings nicht selbst. Sie untersteht schließlich einem Mandat. In Artikel 127 Absatz 1 des AEU-Vertrags ist entsprechend festgelegt:

Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (im Folgenden ,ESZB‘) ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten.

Die EZB soll also den Euro stabil halten. Doch wie passt das mit einer derart expansiven Geldpolitik zusammen, die allein aufgrund der Ausweitung der Geldmenge zu Inflation führen dürfte. Die Antwort liefert Sinn: gar nicht.

Zwar ist – entgegen aller Erwartung – derzeit kaum eine nennenswerte Inflation messbar. Doch dies dürfte nicht von Dauer sein. Sinn:

Wenn man den letzten Rest aus einer Ketchup-Flasche bekommen will, passiert am Anfang gar nichts. Aber irgendwann kommt dann alles auf einmal.

Die Botschaft ist klar. Wer immer mehr Geld druckt, muss damit rechnen, dass irgendwann die Inflation kommt und er sie nicht mehr einfangen kann.

Bitcoin als Lösungsansatz?

Nicht ohne Grund lief Sinns Talk unter dem Titel „How Much Longer Can We Stand by and Watch the ECB Overstep its Mandate?“, zu Deutsch: Wie lange können wir noch zusehen, wie die EZB ihr Mandat überschreitet? Das Credo: Die EZB mag durch ihre Handlungen den kurzfristigen Niedergang des Euros verhindert haben. Wie sich die Maßnahmen in der langen Frist auswirken, ist allerdings völlig unklar.

Zwar hat der Ökonom zu Beginn seiner Präsentation verdeutlicht, dass er von Bitcoin & Co. wenig Ahnung hat. Doch die von ihm formulierten Zusammenhänge bedienen das Basis-Narrativ der Bitcoin-Gemeinde. Denn Bitcoin ist als disinflationär gestaltete Währung ein Gegenentwurf zum tendenziell inflationärem Zentralbankgeld. Bitcoin lässt sich grundsätzlich nicht inflationieren, Bitcoin ist apolitisch und – im Gegensatz zur EZB – völlig transparent. Alle Regeln sind im Open-Source-Code festgeschrieben.

Dass BTC eine ernstzunehmende Konkurrenz zu Zentralbankgeld sein kann, räumt auch Sinn ein. Dass die Kryptowährung Nr. 1 nicht die Lösung auf alle Probleme dieser Welt ist, dürfte jedem klar sein. Dennoch sollte man nicht die Funktion, die Bitcoin in unserer globalen Ökonomie einnehmen kann, unterschätzen.


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