„Facebook Coin“ Libra enthüllt – Der Pseudo-Bitcoin

Christopher Klee

von Christopher Klee

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Christopher Klee

Christopher Klee hat Literatur- und Medienwissenschaften sowie Informatik an der Universität Konstanz studiert. Seit 2017 beschäftigt sich Christopher mit den technischen und politischen Auswirkungen der Krypto-Ökonomie.

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Quelle: Shutterstock

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Der Schleier um die Kryptowährung aus dem Hause Facebook ist gelüftet: „Libra“ – so der Name der Kryptowährung, an der sich zahlreiche Großunternehmen beteiligen – will als globale „Währung für alle“ antreten. Dabei steht und fällt der Erfolg von Libra mit der Größe des Netzwerks – eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die Libra mit richtigen Kryptowährungen verbindet.

Das unter anderem von Facebook initiierte Zahlungsnetzwerk Libra hat sich am 18. Juni erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert. Wie aus einer Medienmitteilung hervorgeht, die BTC-ECHO vorliegt, beteiligt sich der Social-Media-Gigant mit einer eigens gegründeten Unternehmenstochter namens „Calibra“ an dem Netzwerk.

Facebook tritt der Libra Association über eine neu gegründete Tochtergesellschaft, Calibra, bei, die Finanzdienstleistungen für Libra aufbauen wird. Das erste Produkt von Calibra wird eine digitale Wallet für Libra sein, die in Messenger, WhatsApp und als eigenständige App erhältlich sein wird.

Die Tochtergesellschaft Calibra soll überdies gewährleisten, dass eine saubere „Trennung von sozialen und finanziellen Daten“ möglich ist.

Neben Facebook tummeln sich zahlreiche weitere „große Fische“ aus diversen Branchen im Libra-Netzwerk.

  • Zahlungen: MasterCard, PayPal, PayU, Stripe und Visum
  • Technologie und Marktplätze: Buchungsbeteiligungen, eBay, Facebook/Calibra, Farfetch, Lyft, MercadoPago, Spotify AB sowie Uber Technologies, Inc.
  • Telekommunikation: Iliad und die Vodafone-Gruppe
  • Blockchain: Anchorage, Bison Trails, Coinbase, Inc., Xapo Holdings Limited
  • Risikokapital: Andreessen Horowitz, Ribbit Capital, Thrive Capital, Union Square Ventures
  • Gemeinnützige und multilaterale Organisationen und akademische Institutionen: Creaive Destruction Lab, Kiva, Mercy Corps, Women’s World Banking

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In der Einführung des White Paper heißt es, dass sich die Zahl der Teilnehmer bis 2020 auf 100 vergrößern soll. „Teilnehmer“ bedeutet hier: Betreiber von Netzwerkknoten (Nodes).

Netzwerkknoten stellen bei Libra nicht nur die technologische Infrastruktur zur Verfügung; sie sind als sogenannte „Validator Nodes“ auch für die Bestätigung von Transaktionen im Libra-Netzwerk zuständig. Ferner bestimmen sie darüber, wer Zutritt zum Netzwerk erhält. Für die Erlaubnis, einen Node zu betreiben, sollen die Unternehmen jeweils 10 Millionen US-Dollar zahlen. Offenbar soll hierfür ein gesonderter Token zum Einsatz kommen. Im technischen White Paper von Libra ist die Rede von einem „Libra Investment Token“, mit dem sich die Gründungsmitglieder in Libra eingekauft haben.

Libra als Stable Coin für Facebook & Co.

Die Libra-„Blockchain“ kommt freilich nicht ohne eigene Kryptowährung daher. Diese trägt den Namen „Libra“ und ist als sogenannter „Stable Coin“ konzipiert. Stable Coins verfolgen das Ziel, einen stabilen (Gegen-)Wert zu behalten. Dabei gibt es verschiedene Ansätze, diese Wertstabilität zu gewährleisten (mehr dazu in unserem ausführlichen Tutorial). Der wohl nachvollziehbarste Ansatz ist die Deckung eines Stable Coin mit Rücklagen in Fiatwährungen wie dem US-Dollar oder dem Euro.

Das Ansehen eines Stable Coin steht und fällt indes mit der Transparenz, mit der seine Deckung belegt wird. So ist etwa Tether, das Unternehmen hinter USDT, dem größten Stable Coin nach Marktkapitalisierung, immer wieder in die Kritik geraten, weil es einen wasserdichten Nachweis seiner Rücklagen schuldig blieb. Nachdem Tether lange behauptete, für jeden USDT einen Fiat-US-Dollar auf dem Konto zu haben, ruderte der Konzern mittlerweile zurück. Die im Umlauf befindlichen USDT-Token seien zu 75 Prozent durch Fiat-Einlagen gedeckt; die restliche Deckung sei durch andere, auch Krypto-Einlagen, gewährleistet.

Während Branchenprimus USDT stets den Kurs von einem US-Dollar abbilden soll, will sich Libra breiter aufstellen. So soll sich der Kurs des Libra Coin gleich an einem ganzen Währungskorb – inklusive US-Dollar, Britisches Pfund Sterling und Euro – orientieren. Das soll Libra resistent gegen Kursschwankungen einer einzelnen Währung machen.

Um die flächendeckende Akzeptanz [des Libra Coin] zu fördern, ist Libra als eine Währung konzipiert, bei der jeder Benutzer weiß, dass der Wert eines Libra heute nahe an seinem Wert von morgen liegen wird. So wie die Verbraucher in Europa wissen, dass die Anzahl der Euro, die sie heute für den Kauf eines Kaffees benötigen, der Anzahl der Euro gleicht, die sie morgen für den Kauf eines Kaffees benötigen, können auch die Libra-Besitzer darauf vertrauen, dass der Wert ihrer Coins heute relativ stabil sein wird.

Libra: Gedeckt von Staatsanleihen

Ähnlich wie bei Tether, verfügt auch Libra über eine sogenannte „Reserve“, in der die Rücklagen zur Deckung des Libra Coin lagern. Anders als Tether macht die Libra Association indes keinen Hehl daraus, dass ihre Kryptowährung nur teilweise durch Fiat-Einlagen gedeckt ist.

Durch die vollständige Deckung jedes Coin mit stabilen und liquiden Vermögenswerte und die Zusammenarbeit mit einer wettbewerbsfähigen Gruppe von Börsen und anderen Liquiditätsanbietern können die Nutzer darauf vertrauen, dass sie jeden Libra jederzeit zum gleichen – oder nahe am – Wert der Reserve verkaufen können. Dies verleiht [Libra] am ersten Tag einen intrinsischen Wert und schützt ihn vor den spekulativen Schwankungen anderer Kryptowährungen.

Bei den nicht-liquiden, wenig schwankungsanfälligen Assets handelt es sich laut White Paper um „eine Sammlung von Vermögenswerten mit geringer Volatilität, einschließlich Bankeinlagen und Staatsanleihen in Währungen von stabilen und seriösen Zentralbanken”. Für Liquididät sollen dagegen kurzlaufende Staatsanleihen sorgen, die an hochliquiden Märkten gehandelt werden.

Libra-Investoren kalkulieren langfristig

Die Reserve speist sich dabei aus zwei Quellen. Einerseits aus den Mitteln der Finanzierungsrunde, bei der die Node-Betreiber sogenannte „Libra Investment Token“ gegen Fiat-Geld eingetauscht haben. Die zweite Einnahmenquelle bilden die Libra-Benutzer. Diese erhalten die „Kryptowährung“ nur gegen Fiatgeld.

Die Zinserlöse aus der Reserve, die aus Investitionen in risikoarme Anlagen hervorgehen sollen, kommen den Gründungsmitgliedern der Libra Association zugute. Allerdings erst an letzter Stelle, wenn man dem White Paper Glauben schenkt:

Die Einnahmen aus diesen Zinsen werden zunächst zur Unterstützung der Betriebskosten des Vereins verwendet – zur Finanzierung von Investitionen in das Wachstum und die Entwicklung des Ökosystems, von Zuschüssen an gemeinnützigen und multilateralen Organisationen, von Forschung usw. Sobald dies abgedeckt ist, wird ein Teil der verbleibenden Renditen an Frühanleger des Libra Investment Token ausgeschüttet […]

Aufgrund der verhältnismäßig geringen Kursschwankungen der Reserve-Assets, sei die Rendite für die Frühanleger maßgeblich von dem Wachstum des Netzwerks und damit der Reserve abhängig.

Im Fokus: Schwellen- und Entwicklungsländer

Dabei – so das Narrativ von Libra – zielt das neue Bezahlnetzwerk vor allem auf Schwellen- und Entwicklungsländer, deren Bevölkerungen einen eingeschränkten Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Das erinnert nicht von ungefähr an das Credo Banking the Unbanked, dass sich zahlreiche Krypto-Projekte auf die Fahne geschrieben haben.

Die finanzielle Inklusion bildet das Leitmotiv des Marketings für Libra, was sich unschwer an dem Vorstellungsvideo von Libra erkennen lässt.

Und so hauen auch die beteiligten Partner – von MasterCard bis PayPal – in die Kerbe der finanziellen und ökonomischen Emanzipation. Aus der langen Liste von marketingträchtigen Stellungnahmen der Gründungsmitglieder sei hier stellvertretend Jorn Lambert von MasterCard zitiert:

Die Innovation von morgen kann schon heute eine Idee sein. Wir setzen uns dafür ein, dass das Internet von
allem kommt mit der Einbeziehung aller. Durch die Schaffung von Partnerschaften, um neue Ansätze zu erforschen, mitzugestalten und zu testen, können wir Ideen kultivieren, um die Einbeziehung früher zu verwirklichen, als manche vielleicht denken.

Finanzielle Inklusion, banking the unbanked und die digitale Übertragung von Werten – beinahe könnte man meinen, dass Projekt Libra Kryptowährungen erfunden hat. Nur eben mit dem Unterschied, dass bei Libra weder die Blockchain-Technologie im engeren Sinne Verwendung findet, das Netzwerk mit seinen als Gatekeeper agierenden Netzwerkknoten alles andere als inklusiv ist und die Vorstellung, dass Großunternehmen für den Betrieb von Libra verantwortlich sind, dem Bitcoin-Ideal der vollständigen Dezentralisierung des Zahlungsverkehrs praktisch diametral entgegensteht.

Libra existiert bislang noch als Prototyp. Auch die Reserve muss erst noch aufgebaut und geographisch verteilt werden. Dies soll in den folgenden Monaten geschehen. Parallel dazu arbeiten die Entwickler an diversen Programmierschnittstellen für die Libra-eigene Programmiersprache „Move“.

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