BOTLabs-CEO Ingo Rübe im Interview: „Jeder wird zukünftig Zertifikate herausgeben und für deren Integrität einstehen können.“

Quelle: Ingo Rübe

BOTLabs-CEO Ingo Rübe im Interview: „Jeder wird zukünftig Zertifikate herausgeben und für deren Integrität einstehen können.“

Das von Ingo Rübe und Hubert Burda Media gegründete Berliner Start-up BOTLabs entwickelt das Open-Source-Protokoll KILT. Das Ziel von KILT ist, einen Verifizierungsmarkt zur Bestätigung von Ansprüchen und Identitäten zu etablieren. Dahinter steckt das Konzept der sogenannten Self-Sovereign Identity. Anstatt Unternehmen oder Organisationen sind es die Nutzer selbst, die ihre Identität bzw. personenbezogen Daten verwalten. Wie der abstrakte Use Case in die Praxis umgesetzt werden soll, welche Rolle der Medienkonzern Hubert Burda Media spielt und wie Nutzer incentiviert werden sollen, hat uns Ingo Rübe im persönlichen Interview verraten.

BTC-ECHO: Bitte fasse kurz zusammen, welches Problem ihr mit dem KILT-Protokoll lösen wollt.

Ingo Rübe: Das Problem: Viele Daten sammeln sich bei wenigen Personen bzw. Unternehmen. Das passiert nicht nur bei Facebook, sondern auf allen Plattformen. Eines der Probleme [einer solchen Zentralisierung] ist, dass Hacker mit einem einzigen Angriff Zugang zu großen Daten bekommen können.

Ein anderes Problem ist, dass durch solche Datensilos Monopole entstehen, die Innovationen verhindern. Denn wenn ein Unternehmen groß genug ist, muss es nicht mehr innovativ sein, um am Markt bestehen zu können.

Das dritte Problem ist gesellschaftlicher Art. In Zukunft werden Daten sehr viel wert sein. Artificial Intelligence (AI, zu Deutsch: Künstliche Intelligenz) spielt eine immer größere Rolle und deren erfolgreicher Einsatz ist immer an den Besitz von Daten geknüpft. Da wir in Europa allerdings kaum Daten sammeln, wird die Datenökonomie von anderswo beherrscht. Das müssen wir ändern.

BTC-ECHO: Wie sieht diese Blockchain-Lösung nun konkreter aus und wie ist der Markt beschaffen, in dem ihr aktiv werden wollt?

Ingo Rübe: Was wir machen, hat erst einmal sehr wenig mit Blockchain zu tun. Unser Konzept baut auf der Idee auf, signierte Dokumente für die digitale Welt zu erstellen. Solche Signaturen gibt es derzeit nur in der analogen Welt. Zigarettenautomaten geben Zigaretten zum Beispiel nur aus, wenn der Käufer ein Dokument [wie einen Personalausweis mit Altersnachweis] vorweist, das von einer vertrauenswürdigen Stelle wie Einwohnermeldeämtern legitimiert wurde. Und ein solches Prinzip existiert im Internet eben nicht.

Der Vorteil solcher Verfahren in der anlogen Welt ist, dass ein solches System gut skaliert. Das liegt daran, dass der Attestierer, also die Partei, die das Credential ausgestellt [und damit die Integrität des Dokuments bestätigt] hat, nicht in den Verifikationsprozess involviert ist. Wenn ich also zum Zigarettenautomaten gehe, weiß das Einwohnermeldeamt noch nicht, dass ich rauche. Das ist insofern sinnvoll, als dass eine Milliarde Menschen gleichzeitig zum Zigarettenautomat gehen können, ohne dass der Server des Einwohnermeldeamts zusammenbricht. Auch für die Privatsphäre ist das ein wichtiger Punkt.

Auf der technologischen Ebene ist ein solcher Prozess allerdings relativ schwierig zu machen. Denn an irgendeiner Stelle muss verifiziert werden, dass es sich um ein echtes Dokument handelt – man müsste also jedes Mal nachfragen. Und genau dieses Problem wollen wir mittels Blockchain lösen.

BTC-ECHO: Um nochmal die Rollenverteilung in eurem Modell aufzugreifen: Kann jetzt jeder zum Attestierer werden? Und wie werden dabei die Standards gesetzt, nach denen man sich richtet?

Ingo Rübe: Das lösen wir durch den Markt. Du wirst beispielsweise beim Versuch, Führerscheine auszustellen, nicht sehr viel Erfolg haben. Daher wirst du es gar nicht erst versuchen. Es wird sowohl zentrale Stellen geben [wie Ämter], die heute schon akzeptiert sind, es wird aber auch neue Attestierer geben. Jeder wird zukünftig Zertifikate herausgeben und für deren Integrität einstehen können.

BTC-ECHO: Welche Branche habt ihr hier besonders im Fokus, wo ihr zeitnah gute Chancen seht, eure Lösung einzusetzen?

Ingo Rübe: Als eine Industrie, für die die Blockchain bereits seit geraumer Zeit eine Rolle spielt, ist zuerst die Finanzwelt auf uns aufmerksam geworden. Wir stehen sowohl mit Banken, Fonds als auch STOs [Security Token Offerings] in Kontakt, weil die wahnsinnig viele Use Cases sehen. Banken zum Beispiel könnten KYC-Zertifikate untereinander tauschen und akzeptieren. Dann müssten Kunden nicht bei jeder Kontoeröffnung einen kostspieligen KYC-Prozess durchlaufen. Im Falle von STOs könnte man mit unserem System auch das Asset selbst verifizieren. Wir sind aber auch mit Energieversorgern im Gespräch, da sich hier mehrere Use Cases z. B. in der Steuerung von Netzen ergeben.

BTC-ECHO: Nun gibt es auch einen Utility Token. Wie ist dieser aufgebaut, wie funktioniert er?

Ingo Rübe: Zunächst: Jetzt launchen wir erst einmal ein Testnet mit einem „Pseudo-Token“. Das fertige Produkt wird erst nächstes Jahr kommen. Die fertige Token-Ökonomie hat mehrere Füße, auf denen sie steht: Erstens nutzen wir ein eigenes Gas namens Angles Share [mit Gas bezahlt man im Ethereum-Netzwerk Transaktionen und Smart Contracts]. Das verteilen wir an die Validatoren. Das heißt, dass jeder, der etwas attestiert und damit auf die Blockchain schreibt, Gas bezahlen muss. Der zweite Grund, weshalb man unseren Token benötigt, ist der Incentivierungsprozess.

Blockchains sind Incentivierungsmaschinen. Die KILT Blockchain incentiviert ihre Betreiber dazu, die Standardisierung von Kommunikationsinhalten voranzutreiben. Konkret haben wir ein Konzept zur Strukturierung solcher Inhalte entwickelt, welches wir CTYPEs (Claim Types) nennen. CTYPEs sorgen für Investitionssicherheit bei der Entwicklung von Applikationen auf dem KILT-Protokoll. Da die Verbreitung von CTYPEs und damit die Standardisierung Arbeit in der analogen Welt bedeutet, muss diese belohnt werden. Das führt zu unserem Proof of Standardization.

BTC-ECHO: Nun warst du CTO bei Hubert Burda Media und der Medienverlag ist auch an BOTLabs beteiligt. Wie ist hier die thematische Schnittmenge zur Medienbranche?

Ingo Rübe: Die Schnittmenge ist erstaunlich gering. Wir sind aus der Erkenntnis heraus gestartet, dass die Blockchain-Technologie das Internet von einer 2.0- auf eine 3.0-Version befördern wird. Diese Beförderungen wird nicht auf der Applikations-, sondern auf der Protokoll-Ebene passieren. Deshalb sind wir mit dem Auftrag gestartet, Blockchain-Protokolle zu entwickeln, die genau so wie im Verlagswesen auch in allen anderen Branchen einsetzbar sind.

BTC-ECHO: Abschließend: Wie ist der aktuelle Projektstand, was sind die nächsten Schritte?

Ingo Rübe: Im Unterschied zu vielen anderen Unternehmen kommunizieren wir unser Produkt erst, wenn wir es gebaut haben. Nach insgesamt 16 Monaten Forschung und Entwicklung können wir ein System vorweisen, mit dem man konkrete Anwendungen entwickeln kann. Das System ist ziemlich komplex. Zum einen verfügt es über ein Java Script Development Kit. Das macht es für Entwickler leicht, Applikationen auf dem Blockchain Layer zu bauen. Unternehmen können ab sofort damit beginnen, ihre eigenen Projekte auf dem System aufzusetzen. Wir rechnen damit, dass sich Vertreter aus Wirtschaft und Verwaltung für unser Produkt mehr und mehr interessieren und eigenständig Ideen generieren, was man damit alles anstellen kann.

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