Bitcoin – Geld der Reichen oder Geld für Alle?
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Bitcoin – Geld der Reichen oder Geld für Alle?

Was sagt eine ungleiche Verteilung der Bitcoins über alle Adressen über eine etwaige Zentralisierung aus?

Ein Gespenst geht um in der Kryptosphäre. Genauer gesagt wird aktuell ein Voronoi-Diagramm von Howmuch.net über verschiedene soziale Medien geshared. T3n hat diese Darstellung ebenfalls mit einem Artikel bedacht.

Ich rede von der Darstellung, in welchen Adressen wie viele Bitcoins liegen, genauer gesagt von diesem Graphen:

Viele Kommentatoren mit sozialem Bewusstsein haben das natürlich stark kritisiert. Das Bild wurde außerhalb der Krypto-Szene mehr herumgezeigt als innerhalb derselben. Ein wenig kann man das verstehen: Fast 50 % der Adressen besitzen 0.01 % der verfügbaren Bitcoins! Kann man dann wirklich davon sprechen, dass Bitcoin dem Anspruch “Be Your Own Bank” gerecht wird?



Um diese Frage zu beantworten und der Kritik entgegenzutreten, sollen zwei Punkte betrachtet werden: Zum einen soll die Studie von Howmuch kritisch hinterfragt, zum anderen die Frage gestellt werden, ob die ursprüngliche Vision hinter Bitcoin einfach die der Gleichverteilung war. Schließlich soll die Kritik auf ein meiner Meinung nach vernünftigeres, konstruktives Fundament gestellt werden.

Welche Adressen wurden von Howmuch betrachtet?

Hier findet sich ein großes Problem bei der Studie, welches derart gewaltig ist, dass es zitiert werden sollte:

There are a couple limitations in our data. Most importantly, each address can represent more than one individual person. An obvious example would be a bitcoin exchange or wallet, which hold the currency for a lot of different people. Another limitation has to do with anonymity. If you want to remain completely anonymous, you can use something called CoinJoin, a process that allows users to group similar transactions together. This makes it seem like two people are using the same address, when in reality they are not.

Mit anderen Worten: Man ist davon ausgegangen, dass eine Adresse einer Person zugeordnet ist. Lobenswert ist, dass dies immerhin nicht verschwiegen wird. Ignoriert werden die Wallets der verschiedenen Exchanges und alle verschollenen Wallets (d. h. Wallets, zu denen der Zugang verlorenging), aber vor allem die Tatsache, dass fast jede neuere Wallet für den einzelnen Nutzer deutlich mehr als eine Adresse generiert.

Meine Ledger-Wallet hat bis zum heutigen Tag eine Menge verschiedene Adressen genutzt. Ebenso hat meine mobile Wallet von jaxx eine große Menge an Private Keys erzeugt. Da sowohl Jaxx als auch mein Ledger Nano S hierarchisch deterministisch konzipiert sind, wird quasi für jede einkommende Transaktion eine neue Adresse angelegt. In beiden Fällen gilt, dass ein Großteil der Adressen leer ist. Nimmt man schließlich noch verschiedene Test-Wallets, Paper-Wallets und Brain-Wallets dazu, welche erstellt wurden, um das System kennenzulernen, kann die Annahme, dass eine Adresse einer Person zuzuordnen sei, nicht aufrecht erhalten werden.

Bitcoin – kein System der Gleichverteilung!

Ein zweites Missverständnis liegt in der falschen Erwartung, die anscheinend die Macher der Howmuch-Studie sowie die verschiedenen Verteilungskanäle übersehen. Die ursprüngliche Motivation seitens Satoshi Nakamoto war die Schaffung eines Geldsystems, welches unabhängig von zentralen Organisationen, also unabhängig von Banken und Regierungen, ist. Das bezeugt auch die Sequence des Genesis Block:

…Chancellor on brink of second bailout for banks…

Wäre das Ziel eine faire Gleichverteilung gewesen, hätte man eine Art Steuer einbauen können. Man hätte eine Art negativen Proof of Stake schaffen können, der einen Teil des Überschusses auf ärmere Wallets verteilt. Aus offensichtlichen Gründen wäre dann noch ein Proof of Identity notwendig gewesen, der verhindert, dass Whales einfach mehrere Wallets anlegen.

Das wurde jedoch nicht implementiert, da mit der Schaffung einer von Zentralbanken unabhängigen Währung, deren Protokoll eine Erhöhung der Geldmenge verhindern sollte, eine viel grundlegendere Unabhängigkeit erreicht werden sollte. Unabhängig vom jeweiligen Reichtum stand so dem Nutzer ein unpfändbares Konto ohne Kontonutzungsgebühren zur Verfügung.

Mehr noch: Der Nutzer konnte durch Mining oder das Hosten einer Full Node am Netzwerk proaktiv teilnehmen. Im erstgenannten Fall gab es dafür sogar einen finanziellen Anreiz.

Schließlich wurde mit den verschiedenen Exchanges sowie dem Aufkommen weiterer Kryptowährungen ein Markt geschaffen, an dem auch ärmere Leute schnell in verschiedene Projekte investieren konnten. Mit dem aktuellen ICO-Boom ist diese Entwicklung noch weiter voran geschritten.

Hat Bitcoin also den Graben zwischen arm und reich aufgehoben? Nein, aber das war auch nicht das Ziel. Was mit Bitcoin erreicht wurde ist die Entwicklung eines Geldsystems, was jedem, arm oder reich, Unabhängigkeit von Institutionen verschafft, die das Geld regulieren. Was das bedeuten kann ist aktuell am dramatischen Beispiel Venezuela zu sehen.

Das wahre Zentralisierungsproblem von Bitcoin

Ist also alles in Ordnung mit Bitcoin? Kann man zum aktuellen Zeitpunkt sagen, dass die Vision von Satoshi Nakamoto vollständig Realität geworden und der Vorwurf seitens Howmuch vollkommen aus der Luft gegriffen sei? Keineswegs – das Zentralisierungsproblem sollte jedoch nicht einfach an der Frage, wer wie viel Geld sein Eigen nennt, reduziert werden. Das war selbst im Fall der sozialen Frage nicht des Pudels Kern. Nicht nur Marx und Engels haben erkannt, dass eine Zentralisierung der Produktionsmittel nicht einfach die Existenz reicher Leute für eine ungleiche und unfaire Machtverteilung sorgt.

Im Fall von Bitcoin stellt sich diese Frage erneut: Überspitzt formuliert stellt sich die Frage, ob der Spruch “Be Your Own Bank” noch Bedeutung hat, wenn die Bitcoins auf einer Coinbase-Wallet liegen, wenn das Mining in den Händen großer Unternehmen liegt, von denen jene in einem Land allein mehr als 50 % ausmachen. Zwar hat sich seit Beginn des Jahres der Trend bezüglich der Anzahl an Bitcoin Nodes umgekehrt, dennoch steht dieses Wachstum in keinem Verhältnis zu der steigenden Bitcoin-Adaption.

Ja, es hat eine Zentralisierung des Netzwerks, speziell bezüglich des Minings, stattgefunden. Das ist zwar natürlich – man sehe sich die Entwicklung des Internets an -, aber besorgniserregend ist diese Entwicklung allemal. Ebenso besorgniserregend ist die Existenz von Großinvestoren, welche natürlich durch große Dumps dem Kurs schaden können. Hierbei muss auch die Frage gestellt werden, wie nachhaltig ein derartiger Schaden wäre.

Bezüglich dieser Sorgen sollte man den Spruch “Be Your Own Bank” ernstnehmen und der Eigenverantwortung gerecht werden. Vor nun bald zwei Jahren habe ich im Zusammenhang mit dem Ausstieg Mike Haerns aus der Bitcoin-Community einige Gedanken zur proaktiven Teilnahme am Bitcoin-Netzwerk aufgeschrieben. Die angesprochenen Punkte gelten immer noch. Für uns Trader und Langzeit-Investoren sei ein wachsames Auge und ein gewisses Maß Ruhe hinzugefügt: Verfolgt die Kurse und die Entwicklungen auf dem Markt! Lasst euch durch etwaige Neuigkeiten wie China nicht aus der Ruhe bringen, sondern bewertet sie hinsichtlich der Frage, ob der fundamentale Wert von Bitcoin in Frage gestellt wird.

Mit einer etwas proaktiveren Rolle, sowohl im Netzwerk als auch als Investor, wird, unabhängig von den Besitzverteilungen und dem eigenen Stake, der Spruch “Be Your Own Bank” weiterhin gut begründet sein.

BTC-ECHO

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