Sollte er kommen, müsste Kryptos erster rein institutionell geprägter Bullenmarkt eigentlich Ethereum gehören. Die Chain ist in vielen relevanten Use-Cases führend, darunter Stablecoins und tokenisierte Anleihen. Unter Bullen gilt sie als künftige Settlement-Schicht der Wall Street. Bären bemängeln hingegen die veraltete Technologie und die Layer-2-Roadmap. Die Realität ist vielschichtiger. Sie zeigt, dass sich ausgerechnet bei Ethereums größter Schwachstelle nun eine Wende andeutet.
Ethereum hat kein Adoptionsproblem
An institutionellem Interesse mangelt es nicht. Ethereum ist das natürliche Testlabor für tokenisierte Finanzprodukte. Das Netzwerk bietet tiefe Liquidität, eine erprobte Infrastruktur und zehn Jahre Betrieb ohne längeren Ausfall. Für Banken und Asset Manager ist das wertvoller als ein paar tausend theoretische Transaktionen pro Sekunde.
Die ETH-Investmentthese hat dennoch einen weithin bekannten Riss. Dazu gehören ein schwacher Value-Capture aus dem wachsenden RWA- und DeFi-Ökosystem sowie eine inkohärente Skalierungsstrategie. Die zahlreichen, teils unabhängigen L2s fragmentieren das Netzwerk und schwächen den direkten Zusammenhang zwischen Nutzung und ETH-Kurs. Beide Schwächen entstanden jedoch nicht zufällig. Sie sind Ausdruck eines größeren Problems: Ethereum hat ein Führungsproblem. Eines, das der Markt seit Jahren gnadenlos einpreist.
Die Ethereum Foundation räumt das Feld
Die Ethereum Foundation (EF) ist mit einigen der klügsten Blockchain-Forscher der Welt besetzt. Als operative Führung des Ökosystems überzeugte sie dagegen nur bedingt. Kritiker bemängeln einen idealistischen Bias bei strategischen Entscheidungen und eine fast schon boykottähnliche Vernachlässigung von ETHs Wertschöpfungsmechanismen.
Der unscheinbare Wendepunkt kam im März. Mit ihrem neuen CROPS-Mandat beschränkte die Foundation ihre Kernaufgaben auf Zensurresistenz, Open Source, Privatsphäre und Sicherheit. Sie will Ethereum ausdrücklich nicht vermarkten, den ETH-Kurs nicht pflegen und keine Produkte für die Wall Street bauen. Diese Aufgaben überlässt sie nun aktiv anderen Organisationen, während sie selbst Stellen abbaut und das Entwicklungsbudget kürzt.
Was oberflächlich wie eine Krise aussieht, könnte produktiver sein, als es die Schlagzeilen vermuten lassen. Der Exodus hochrangiger Forscher ist weniger ein Verlust als ein Wechsel in jene Bereiche des Ökosystems, die Ethereum und ETH künftig zielgerichteter und offensiver voranbringen können.
Ausrichtung auf Wall Street
In den vergangenen Wochen traten so mehrere EF-Spin-offs auf den Plan. Ihr Ziel ist es, das Ethereum-Ökosystem wieder stärker auf Erfolg auszurichten und seine bestehenden Stärken besser auszuspielen.
Ethlabs will Ethereum zur Abwicklungsschicht der globalen Wirtschaft machen und arbeitet ausdrücklich an Ethereum und ETH. Das Labor verbindet die Anforderungen von Anwendungen, Layer-2-Netzwerken und Institutionen mit konkreter Protokollentwicklung.
Ethereum Institutional kümmert sich um die Beziehung zur Finanzwelt. Die Organisation spricht mit Banken, Vermögensverwaltern und öffentlichen Einrichtungen. Gemeinsam mit Etherealize verkauft sie den geschäftlichen und operativen Use-Case an Kryptos neue Klientel.
Besonders spannend ist EthSystems. Das Unternehmen besteht aus dem ehemaligen Privacy-Team der EF und arbeitet an einem Problem, das in der RWA-Euphorie gerne unter den Tisch fällt: Öffentliche Blockchains sind für große Finanzhäuser häufig zu öffentlich.
EthSystems entwickelt deshalb Datenschutzlösungen, die mit regulatorischen Vorgaben vereinbar bleiben sollen. Für viele ist das das letzte Puzzlestück auf dem Weg zum Durchbruch der Smart-Contract-Plattform.
Anzeichen des Wandels: Layer-1 gewinnt an Bedeutung
Statt einer zentralen Foundation entsteht damit ein Netzwerk spezialisierter und gut finanzierter Organisationen. Sie könnten das Momentum nutzen, um auch Ethereums zwei andere Kernprobleme zu lösen.
Die aktuelle Vision sieht eine starke und deutlich leistungsfähigere L1 vor, die von spezialisierten, aber eng verbundenen Layer-2-Netzwerken ergänzt wird. Native Rollups sollen langfristig direkt von Ethereum verifiziert werden. Nutzer könnten sich dadurch sicherer und leichter zwischen den Netzwerken bewegen, ohne ständig Bridges und neue Vertrauensannahmen prüfen zu müssen.
Das würde nicht automatisch jede Gebühr zurück zur Mainchain holen. Ethereum wäre jedoch weniger ein loses Bündel konkurrierender Chains und stärker eine zusammenhängende Wirtschaft. ETH könnte darin als eindeutiges Zahlungsmittel fungieren, was die monetäre Bewertung des Assets wieder stärker stützen würde.
Erste Anzeichen dieses Wandels zeigen sich bereits im Quartalsausblick von Coinbase und Glassnode. Seit Ende vergangenen Jahres sinkt das Verhältnis der täglich aktiven Adressen auf den L2s gegenüber der Mainchain. Anders gesagt: Die L1 gewinnt wieder Nutzer.
Was ETH jetzt beweisen muss
Diese Entwicklungen fallen unmittelbar vor Ethereums nächsten großen Katalysator. Das Glamsterdam-Upgrade ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant. Es soll die Blockproduktion neu organisieren, parallele Verarbeitung vorbereiten und die Kapazität der L1 erhöhen.
Das ist kein magischer Schalter für steigende Kurse. Das Update liefert aber einen frühen Hinweis darauf, ob die neue Entwicklungsstruktur tatsächlich schneller und zielgerichteter arbeitet. Der bisherige Zeitplan stimmt zuversichtlich.
Fraglich bleibt weiterhin der Value-Capture. Der erfolgreiche Start der Robinhood Chain, einer Ethereum-L2, rückte diese Debatte jüngst wieder in den Fokus. Von Robinhoods insgesamt 726 US-Dollar an Einnahmen sicherte sich Ethereum gerade einmal 0,15 Prozent.
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Laut Lorenzo Valente von Ark Invest ist dies “ultra bearish”, wenn man Ethereum lediglich als Cashflow-Asset bewertet. Ethereum-Maxis bestehen hingegen weiterhin auf einer monetären Betrachtung des Assets.
Ethereum-Mitgründer Joe Lubin unterstützt demnach die Designentscheidung, die Abgaben der L2s an die Mainchain gering zu halten, um das Wachstum zu fördern. Langfristig soll dieses Modell Tausende Robinhood Chains anlocken, die in der Summe hohe Gebühren zahlen und zugleich ETHs Status als Geld festigen.
Die Optimisten argumentieren, dass die neuen Entwicklungen diesen Wertschöpfungsmechanismus verbessern. Entsprechend müssten sich in den kommenden Monaten auch erste Effekte im ETH-Kurs zeigen.
Klare regulatorische Verhältnisse durch den Clarity Act und bessere makroökonomische Kapitalflüsse in den Krypto-Sektor könnten zusätzlich helfen. Es wird sich zeigen, ob das genügt, um den Krypto-Markt aus seiner langen Nacht zu führen.
