Bitcoin und Gold haben dieses Jahr ein gemeinsames Problem. Beide gelten als Assets, die man gegen die Entwertung des Geldes kauft, und beide stecken seit Wochen in einer Korrektur. Der Bitcoin-Kurs hat seit seinem Hoch im Oktober rund 50 Prozent verloren, während Gold seit dem Januar-Hoch etwa 22 Prozent abgeben musstet. Größere Pleiten von Krypto-Börsen oder Dramen wie den Terra-Luna-Crash gab es dabei nicht.
Verantwortlich für die Situation nicht zuletzt ist die US-Notenbank Fed, die die für dieses Jahr erwarteten Zinssenkungen gestrichen und stattdessen eine Erhöhung in Aussicht gestellt hat. Sichere Anlagen mit Zinsen wurden dadurch attraktiver, und alles, was keine laufenden Erträge abwirft, verlor seinen Reiz. Was der erfahrene Rohstoff-Finanzier Rick Rule dem Sender Kitco News in Boca Raton erzählte, geht Krypto-Investoren deshalb mehr an, als der Anlass vermuten lässt.
Die Inflation fällt und der Ölpreis steigt
Am Dienstagnachmittag kam Entlastung. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Juni nur noch um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 4,2 Prozent im Mai und deutlich unter den erwarteten 3,8 Prozent. Die Kernrate, die Energie und Nahrungsmittel ausklammert, fiel auf 2,6 Prozent. Bitcoin sprang auf rund 64.000 US-Dollar, Gold kletterte zurück über die Marke von 4.000 US-Dollar, und die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juli sackte von etwa 40 auf unter 30 Prozent.
Nur misst dieser Wert einen Monat, den es so nicht mehr gibt. Die Benzinpreise fielen im Juni um rund 10 Prozent, weil die Straße von Hormus während der Waffenruhe offen war. Nachdem Iran die Meerenge am Sonntag erneut für sämtlichen Schiffsverkehr geschlossen und Washington eine Blockade angekündigt hatte, sprang Brent von rund 72 auf über 87 US-Dollar.
Die Juli-Zahl wird deshalb anders aussehen. Fed-Chef Kevin Warsh sagt heute und morgen vor dem Kongress aus, und in seinen vorbereiteten Anmerkungen steht, die Notenbank habe keine Toleranz für dauerhaft erhöhte Inflation. Für das Gesamtjahr preist der Markt weiterhin mit rund 77 Prozent Wahrscheinlichkeit mindestens eine Zinserhöhung ein.
Gold ist teuer, Bitcoin ist verhasst
Rule folgt seit Jahrzehnten einer einfachen Regel: Gekauft wird, was gerade niemand haben will, denn dann ist es billig. Sein Lehrbeispiel ist Silber, das er unter 20 US-Dollar einsammelte, als der Markt das Metall verachtete, und aus dem er nach dem steilen Anstieg zu großen Teilen wieder ausstieg. Heute werde nichts mehr verachtet, sagt er, also gebe es auch nichts mehr billig zu kaufen.
Für seine Welt trifft das zu, für den Krypto-Markt gilt das Gegenteil. Ende Juni fiel Bitcoin auf 58.115 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit 21 Monaten. Aus den Spot ETFs flossen im Juni rund 4,5 Milliarden US-Dollar ab, so viel wie in keinem Monat zuvor, und es geht weiter: Allein am Montag zogen Anleger weitere 424,7 Millionen US-Dollar aus den Fonds.
Citi hat das BTC-Kursziel für die kommenden zwölf Monate von 112.000 auf 82.000 US-Dollar gesenkt und rechnet damit, dass in die Fonds vorerst kein frisches Geld mehr fließt. Der Fear & Greed Index, der die Angst am Markt misst, stand Anfang des Monats bei 11 von 100. Genau das ist die Verachtung, nach der Rule sucht. Er findet sie nur in einem Markt, den er nicht betritt.
Die These stimmt, der Zeitpunkt nicht
Man kann recht haben und trotzdem verlieren, was Rule für den teuersten Fehler an den Märkten hält. Wer eine Wette eingeht, die zehn Jahre braucht, aber jeden schlechten Monat nervös wird, steigt irgendwann aus. Und zwar meistens zum falschen Zeitpunkt.
Bei Bitcoin läuft es gerade so. Der Grund, warum Investoren die älteste Kryptowährung überhaupt halten, sind die US-Schulden, die seit Jahren nur eine Richtung kennen. Der Staat zahlt so viel Zinsen wie noch nie, das Defizit steuert auf 2 Billionen US-Dollar zu, und Rule leitet daraus einen Kaufkraftverlust des Dollar von rund 75 Prozent über zehn Jahre ab. Nur bewegt sich der Kurs im Takt der Fed, wie der Sprung nach der heutigen Zahl gerade wieder zeigt. Wer Bitcoin wegen der Schulden kauft, wettet auf ein Jahrzehnt und muss jeden dieser kurzfristigen Ausschläge verkraften können.
Geduld ist der Preis für den Erfolg mit Bitcoin
Am Ende kommt es auf eine Frage an: Kann man aushalten, was man gekauft hat? Der niedrige Preis ist der einfache Teil, die Jahre bis zur Belohnung sind der schwere, und ein Datum liefert niemand mit. Zwei Prozent Kurssprung an einem Dienstagnachmittag ändern daran nichts.
Dort verlieren die meisten ihr Geld, denn die Analyse hält, aber die Nerven nicht. Wer sich Bitcoin wegen der Staatsschulden ins Depot legt, muss bereit sein, ein Jahrzehnt durchzuhalten und jede Zinsentscheidung zu überstehen. Das Gespräch von Rule mit Kitco News zeigt, wie ein Investmentexperte denkt, der eben das seit fünf Jahrzehnten schafft.
