Gastkommentar Aufstieg der On-Chain-Banken
Pascal Hügli

von Pascal Hügli

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Tokenisierte Aktien auf der Blockchain.

Quelle: Shutterstock

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Innovation im Banking – das wünscht man sich schon seit langem. Nach der Finanzkrise von 2008 waren es vor allem die Fintechs, welche durch das Aufbrechen der Wertschöpfungskette die traditionelle Bankenwelt etwas aufgerüttelt hatten. Sogenannte Neo-Banken wie Revolut, Transferwise oder N26 sorgten bei Nutzern hier und da für einen Aha-Moment.

Aus Sicht des Endnutzers hat diese Entwicklung das Kundenerlebnis in Bezug auf Bankdienstleistungen sicherlich verbessert. Die ganz große Innovation scheint bisher allerdings ausgeblieben zu sein. Selbst innerhalb der Banken hat dieser zusätzliche Wettbewerb bislang kaum dazu geführt, dass sich diese neu erfunden haben.


Blockchains als neuartige Kernbankensysteme

Neue Hoffnung gebracht hat das Aufkommen öffentlicher Blockchain-Systeme. Mit ihnen geschieht die Innovation nicht innerhalb der Banken oder entlang derselben, sondern beim Modell “Bank” selbst. Auf die Fintech-Banken folgen die On-Chain-Banken. Ihr Name rührt daher, dass diese Banken als Open-Source-Protokolle auf einer öffentlichen Blockchain laufen. Als solche basieren sie nicht auf den traditionellen Legacy-Systemen. Ihr Fundament ist die öffentliche Blockchain, die gewissermaßen als eigenständiges, neues Kernbankensystem fungiert. 

In der Theorie – und immer mehr auch in der Praxis – ermöglicht eine öffentliche Blockchain Geld, Vermögenswerte, Wertaufbewahrung, Zahlungsfunktion, Settlement, Transfer, Verträge, Eigentumsregister und Governance. On-Chain-Banken machen sich diese Eigenschaften zu eigen, indem sie diese Finanzgrundbausteine nehmen und in bankähnliche Dienstleistungen ummünzen. 

Diskriminierungsfreies Banking

Ausgangspunkt ist stets das Besitzen eines On-Chain-Bankkontos. Aufgrund des erlaubnisfreien Zugangs zur einer öffentlichen Blockchain stehen diese neuen Bankkonten jedermann offen. So besteht eine der Innovationen der Blockchain darin, mittels elektronischer Signatur beweisen zu können, dass einem etwas gehört. Im Gegensatz zur konventionellen Bankenwelt bedarf die Nutzung einer Dienstleistung also nicht die Autorisierung mittels persönlicher Identifikation. Vielmehr geht es darum, einen privaten Zugangsschlüssel zur persönlichen Ausweisung zu kennen.

Man kann also sagen: Zum heutigen Zeitpunkt ist es einer On-Chain-Bank egal, wie der Endnutzer heißt und wer er ist. Weder das Geschlecht noch die Rasse noch das Alter noch die Nationalität noch die Religion spielen eine Rolle. Diese radikale Gleichbehandlung führt dazu, dass einem Bankdienstleistungen ohne Wenn und Aber zur Verfügung stehen. Beispielsweise können über On-Chain-Banken heute Kredite (vergleichbar mit Lombardkrediten) gegen Besicherung aufgenommen werden. Jeder, der die nötige Sicherheit bringt, kann sich sicher sein, einen Kredit auch zu erhalten.

In der traditionellen Bankenwelt gibt es diese Garantie nicht. Wer durch die internen Compliance-Checks fällt, dem wird unter Umständen eine Kreditvergabe verweigert. Auch kann es sein, dass Banken aufgrund interner Direktiven sogenannte “De-Risk“-Strategien verfolgen und umsetzen. Kundenbeziehungen, die als zu «risikoreich» gelten, werden dann beendet. Gerade Bitcoiner können davon ein Lied singen, da deren Vermögen bei einigen Finanzinstituten nicht mehr willkommen sind.

Dass Banken ungeniert auf das Mittel der Zensur zurückgreifen, zeigt auch die Affäre rund um OnlyFans. Auf Druck von Banken hat die Video-Content-Plattform sexuell explizite Inhalte verboten. Während einige argumentiert, dass man dies zur Vorbeugung illegaler Sex-Inhalte tun würde, widersprachen andere und machten vielmehr die hohe Rückbuchungsrate bei Finanztransaktionen, die zuungunsten der Banken ausfallen, dafür verantwortlich.

Auf welcher Seite man auch steht, das Ereignis verdeutlicht die Politisierung von Kapital und Bankensystem. Und diese dürfte in einer Welt der ESG-Mandate und Corona-Meinungskluft eher noch zunehmen. So wurden beispielsweise die Bankguthaben eines Fitness-Besitzers in den USA ohne rechtstaatliches Verfahren beschlagnahmt, weil sich dieser den COVID-Regeln widersetze und die in der Folge erlassenen Bussgelder nicht bezahlte. 

Jeder und jede ein Cantillionär

In europäischen Ländern wie der Schweiz oder Deutschland dürfte dieses finanzielle Deplatforming erst punktuell ein Problem sein. Als viel problematischer erweist sich in diesen Breitengraden die Herausforderung, mit der galoppierenden Vermögenspreisinflation Schritt halten zu können. Letztere ist die Folge einer seit Jahrzehnte währenden Geldmengenausweitung und begünstigt vor allem jene, die seit geraumer Zeit über Vermögenswerte verfügen. Diese Tatsache hat schon der französische Ökonom Richard Cantillion beschrieben und wurde später unter dem Begriff “Cantillion-Effekt” zusammengefasst. 


Als sogenannte Cantillionäre – also durch den Cantillion-Effekt geschaffene Millionäre – haben hauptsächlich die Babyboomer von dieser kontinuierlichen Geldvermehrung profitiert. Über das traditionelle Bankensystem hebeln sie ihre Vermögenswerte mittels Kredit. Immobilien oder Wertschriften werden als Sicherheiten hinterlegt. Im Gegenzug gibt es liquide Finanzmittel, ohne dass die eigenen Vermögenswerte abverkauft werden müssen. Dank der explosiven Geldvermehrung der vergangenen Jahrzehnte sind Häuser- oder Aktienpreise fortwährend gestiegen, was diese Hebelspiele zur vorteilhaften Strategie gemacht hat. Nicht aber für jüngere Generationen. Diese sehen sich mit einem Finanzsystem konfrontiert, das die Besitzverhältnisse zementiert und den Vermögensaufbau immer stärker erschwert. 

Wie gerufen kommen da die On-Chain-Banken. Sie ermöglichen es digital affinen Millennials von jenen Finanzpraktiken zu profitieren, an die sich in der traditionellen Bankenwelt kaum mehr herankommen. Die Tokenisierung von allem und jedem schafft gerade neue Finanzwerte, die man unabhängig vom eigenen Einkommen als Besicherung für liquide Kredite hinterlegen kann. Gegen Kryptoassets verschiedener Art – so zum Beispiel sogar NFT – kann man sich über On-Chain-Banken ohne Wenn und Aber Krypto-Stablecoins leihen. Konkret bedeutet das: Neben den Millennials können dank des offenen Zugangs zu den Kreditmärkten auch erstmals Millionen von “Unbanked”-Usern Nutznießer der fortschreitenden Finanzialisierung werden. Cantillion für jedermann, lautet also die Devise.

Banken machen wieder Spaß

Interessant ist auch, dass die traditionell sehr hierarchisch geführten Banken mit ihren zentralistischen Strukturen in der neuen Welt aufgebrochen werden. On-Chain-Banken sind als sogenannte DAOs strukturiert. Dieser Begriff steht für dezentrale autonome Organisationen. Was sich als sehr kryptische Definition anhört, ist in der Praxis mittlerweile ein sehr beliebtes Modell. Auf der Basis flacher Hierarchien arbeiten einer On-Chain-Bank auf der ganzen Welt verteilt verschiedene DAO-Mitglieder zu. Ob im Community Management, in der Verwaltung von in Smart Contract gehaltenen Finanzmittel oder bei der Weiterentwicklung des eigenen Protokolls – Arbeiten, welche der Code nicht selbst erledigen kann, verrichten enthusiastische Menschen aus Fleisch und Blut. 

Enthusiasmus und Anreiz an einer On-Chain-Bank mitzuarbeiten schaffen die DAO-eigenen Token. Dank des Token-Netzwerkeffektes kann jedermann schon von Anfang an – und nicht erst nach einem Börsengang – Nutzer, Anteilseigner oder gar Mitarbeiter einer On-Chain-Bank sein. Im besten Fall berechtigt der Token zur Mitsprache und zum Erhalt von Dividenden in Form sogenannter Netzwerkgebühren, die bei der Nutzung der On-Chain-Bank anfallen. So zum Beispiel bei der Kreditaufnahme oder beim Handel über die Protokoll-eigene dezentralisierte Handelsbörse für Token aller Art. Aufgrund der tieferen Fixkosten kann ein viel höherer Anteil der Bankgewinne an die Token-Halter zurückgegeben werden. 

Die Möglichkeit der Beteiligung von Beginn weg macht die Nutzer einer On-Chain-Bank nicht nur zu ihren Kunden, sondern vor allem zu ihren Fans. Ebenfalls zum Spassfaktor beitragen tun Elemente der Gamification. So ermöglicht die den On-Chain-Banken zugrundeliegende Blockchain Dividendenauszahlungen in Echtzeit. Das hat nicht nur Suchtpotenzial, sondern mindert auch Opportunitätskosten. Netzwerkgebühren können über die Benutzeroberfläche zu jeder Zeit eingefordert und somit sofort wiederverwendet werden.

Ein ähnliches Upgrade erhält auch die Corporate Governance. Verschiedene On-Chain-Banken gewähren ihren Token-Inhaber Stimmrechte, um so über die Fortentwicklung und strategische Ausrichtung des eigenen Protokolls mitzuentscheiden. Generalversammlungen werden derweil im Monatstakt abgehalten. Über die vorgeschlagenen Anträge kann jeder Token-Halter bequem von zu Hause aus mitbestimmen. Eine solche On-Chain-Governance ist nicht nur transparent, sondern schafft auch das notwendige Zugehörigkeitsgefühl.

Wie es scheint, so dürfte die Zukunft tatsächlich den On-Chain-Banken gehören. Noch stehen wir natürlich ganz am Anfang. Die einzelnen Elemente werden sich über die Zeit konsolidieren müssen. Weitere Neuheiten, die die Blockchain-Technologie überhaupt erst möglich macht, werden noch dazu kommen.

Über den Autoren

Pascal Hügli ist Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ. Als Analyst für den deutschsprachigen Newsletter Insight DeFi möchte er die breite Masse kompetent und prägnant über die Ereignisse und Chancen der neuen dezentralen Welt von Bitcoin und Co. informieren. Auch ist er Autor von Ignorieren auf eigene Gefahr: Die neue dezentrale Welt von Bitcoin und Blockchain.


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