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Ein Jahr danach Das Bitcoin-Gesetz in El Salvador

Seit einem Jahr ist Bitcoin gesetzliches Zahlungsmittel in El Salvador. Die Bilanz ist durchwachsen.

David Scheider
 |  Lesezeit: 5 Minuten
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Chivo

Beitragsbild: Stefan Lanser

| Sorgenkind Chivo: Die Bitcoin Wallet gilt als notorisch fehleranfällig.

Sommer, Sonne, Satoshis: Mit diesem Eindruck reiste im November ein Team von BTC-ECHO durch El Salvador, das als erstes Land der Welt zwei Monate vorher Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel gemacht hatte. Was bleibt ein Jahr nach Einführung des Bitcoin-Gesetzes vom Hype übrig?

Was ist das Bitcoin-Gesetz?

Das sogenannte Bitcoin-Gesetz ist eigentlich ein ganzes Paket an Gesetzen, das den rechtlichen Status des digitalen Goldes in El Salvador definiert. Wichtige Klauseln sind etwa Artikel 3 (“Preise dürfen in Bitcoin ausgedrückt werden”), Artikel 4 (“Steuern dürfen in Bitcoin beglichen werden”) und Artikel 5, der Bitcoin-Gewinne von der Kapitalertragsteuer entbindet.

In anderen Worten: El Salvador behandelt Bitcoin genau so, wie sein Fiat-Pendant. Denn neben der Kryptowährung ist in dem zentralamerikanischen Staat der US-Dollar Landeswährung. Und – so ehrlich muss man sein – letztere Währung ist nach wie vor das unangefochtene Zahlungsmittel Nr. 1. Zwar mangelte es nicht an Akzeptanzstellen für die Digitalwährung. So richtig genutzt hatte die – von der Bitcoin-affinen Reisegruppe einmal abgesehen – nach unserer Beobachtung eigentlich kaum jemand.

Bitcoin stößt in El Salvador nicht nur auf Gegenliebe. Quelle: picture alliance / EPA | SARA ACOSTA

Auch die Zahlen sprechen eher eine nüchterne Sprache. Die bisher einzige repräsentative Studie, die hinsichtlich der Bitcoin-Nutzung in El Salvador veröffentlicht wurde, taxiert den Prozentsatz der in Bitcoin getätigten Bezahlvorgänge auf gerade einmal 4,9 Prozent. 95 Prozent bevorzugen demnach immer noch den US-Dollar für ihre täglichen Einkäufe. Auch Bitcoins Vorteile bei Remittances, also grenzüberschreitende Überweisungen, nehmen die Salvadorianerinnen und Salvadorianer weniger gut an, als erhofft. Lediglich 8 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal Remittances in BTC über Chivo erhalten zu haben.

Ob die Statistik mit dem Einbruch des Bitcoin-Kurses besser geworden ist, darf man wohl bezweifeln.

Bukeles Vision

Das zentralamerikanische Bitcoin-Experiment nur ein Jahr nach dem Launch als gescheitert abzustempeln, wäre aber falsch. Eine Gesellschaft von heute auf morgen an eine völlig neue Form von Geld zu gewöhnen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Die Regierung Bukele macht ohnehin keinen Hehl daraus, dass sie langfristig denkt. Das zeigt allen voran ein Blick auf El Salvadors strategische Bitcoin-Investitionen. Denn mit derzeit 2.381 BTC ist El Salvador das zweitreichste Land der Welt – zumindest wenn man die BTC-Bestände als Bewertungsgrundlage nimmt. Kommunikationsprofi und Präsident des Landes Bukele nimmt Kursstürze derweil immer wieder zum Anlass, den “Dip zu kaufen”, wie der internetaffine 41-Jährige nicht müde wird, zu betonen.

Der Zeitpunkt allerdings war weniger gut gewählt. Zwar mag sich das Investment auf lange Sicht auszahlen. Bisher stehen allerdings Millionenverluste für das ohnehin arme Land zu Buche.

Letzteres, man ahnt es bereits, gibt immer wieder Anlass zur Kritik. So mahnte etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) zu wirtschaftlicher Besonnenheit; andernfalls sehe man sich gezwungen, von Kreditlinien zurückzutreten.

Für Ärger hat auch Bukeles teils flapsiger, teils autoritärer Regierungsstil gesorgt. So war im Mai bekanntgeworden, dass der “coolste Diktator der Welt”, wie sich Bukele flamboyant auf Twitter tituliert, BTC von seinem Smartphone aus trade – und das auch noch nackt. Rechenschaft über den Verbleib der Coins? Fehlanzeige.

Bitcoin-Szene gewährt Schonfrist

Hinsichtlich der Startschwierigkeiten ist die Krypto-Szene indes nachsichtiger. So argumentiert etwa Paolo Ardoino, seines Zeichens CTO bei Tether, dass man ein Jahr nach Einführung keine orange Zukunft erwarten dürfe.

Vielmehr sei vor allem entscheidend, dass El Salvador mit dem Bitcoin-Gesetz einen sogenannten First-Mover-Advantage innehabe. Schließlich mögen 2.381 BTC derzeit im Minus stehen. Spielen sich die bullishen Kurserwartungen aber aus, hat Nayib Bukele El Salvador mit einem finanziellen Polster gesegnet, von dem das Land noch lange zehren kann.

Doch bereits heute gibt es nachweisbare Errungenschaften durch das Gesetz. So ist der Tourismus im Vergleich zum Vorjahr um sage und schreibe 30 Prozent gestiegen – und mit ihm das Bruttoinlandsprodukt. Immerhin um 10,3 Prozent konnte das zentralamerikanische Land sein BIP innerhalb eines Jahres steigern. Das behauptet zumindest Nayib Bukele.

Podcast

Auch Alex von Frankenberg ist im Hinblick auf die Bitcoin-Zukunft optimistisch gestimmt. Im Interview mit BTC-ECHO sagt der CEO des High-Tech Gründerfonds:

Falls wir einen positiven Impact sehen, also beispielsweise stärkeres Wirtschaftswachstum oder Rückgang der Kriminalität, könnte El Salvador ein Vorbild für andere Länder sein. Und diese Frage ist offen. Aber wenn die Auswirkungen messbar positiv sind, werden wir eine lange Liste an Ländern sehen, die Bitcoin einführen – mit entsprechenden Effekten für den Kurs.

Alex von Frankenberg

Trotz aller Unkenrufen bleibt das Bitcoin-Gesetz unter dem Strich ein ehrgeiziges Projekt, das das Potenzial hat, das krisengebeutelte Land von Grund auf zu verändern. Das sollte jeden Bitcoiner begeistern.

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