Nach Auffassung einiger Krypto-Analysten beim Asset-Manager-Giganten BlackRock könnte Bitcoin vor einem Wendepunkt stehen. Robert Mitchnick, Head of Digital Assets, spricht von einem “subtilen”, aber “spürbaren Stimmungswechsel” rund um die Krypto-Leitwährung. Als nennenswertes Indiz nennt der Analyst die Entkopplung von Aktien, insbesondere KI-nahen Werten, die Bitcoin zusammen mit Ethereum im Juli schlagen konnte.
Für Mitchnick ist das mit Blick auf die Portfoliokonzeption institutioneller Anleger relevant. Diese sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten zur Diversifikation und Absicherung. Besonders, da der KI-Trade aktuell weite Teile der Investmentlandschaft bestimmt und unter einigen Analysten die Sorge wächst, dass inzwischen ein gefährlich großer Teil der Realwirtschaft daran hängt.
Mitchnicks Kommentar deckt sich mit mehreren Marktsignalen. Die Volatilität ist historisch niedrig, das Handelsvolumen erreichte kürzlich einen der niedrigsten Werte seiner Geschichte. Auf den Futures-Märkten und in der Makroökonomie zeichnet sich ebenfalls ein Wandel ab.
Bitcoin-Futures: Die “Suits” werden bullish
Dazu zählt die Positionierung institutioneller Profi-Trader an der weltweit größten Futures-Börse CME. Dort ist ein Großteil erstmals wieder netto long positioniert, wie CryptoQuant-CEO Ki Young Ju auf X schreibt.
“Die Schlipsträger wetten auf weiteres Upside“, so Ju. Das sei ein seltenes Signal, da diese Anleger historisch meist short positioniert waren, um von einer Yield-Arbitrage-Strategie zu profitieren: Long Spot, Short Futures. Dass diese Gruppe nun netto long positioniert ist, spricht deshalb für eine tatsächliche Richtungswette.
Untermauert wird diese Beobachtung durch zunehmende Zuflüsse in die US-Spot-ETFs. Diese verzeichneten zuletzt ihre beste Woche seit April. BlackRocks IBIT stellte dabei den Großteil der Zuflüsse. Mitchnick zufolge besteht die ETF-Anlegerbasis zudem überwiegend aus langfristig orientierten Buy-and-Hold-Investoren. Dass diese Gruppe trotz des deutlichen Kursrückgangs weiter akkumuliert, macht die Zuflüsse umso bemerkenswerter.
Die Kombination aus Long-Bias am Futures-Markt und wachsenden ETF-Zuflüssen legt nahe, dass Profi-Trader tatsächlich auf steigende Kurse setzen. Und das in einem Moment, in dem sich Bitcoin ungewöhnlich ruhig verhält. BTC-ECHO-Marktexperte Stefan Lübeck verweist etwa auf die niedrige Volatilität, die derzeit am Optionsmarkt eingepreist wird.
Das Makrofenster öffnet sich
Makroseitig könnte der Krypto-Markt nun ebenfalls Rückenwind bekommen. Nach einer bösen Überraschung beim jüngsten Arbeitsmarktbericht in den USA preisen Anleger weitere Zinserhöhungen der Fed wieder aus.
Gleichzeitig sprang der ISM Manufacturing PMI der USA auf 55,6 Punkte. Das verarbeitende Gewerbe expandiert damit deutlich. Bitcoin profitierte in vergangenen Zyklen häufig besonders stark, wenn bessere Liquiditätsbedingungen mit einem anziehenden Geschäftszyklus zusammenfielen. Eben dieses Fenster könnte sich derzeit wieder öffnen. Entscheidend bleibt, dass das stärkere Wachstum nicht erneut Inflations- und Zinsdruck entfacht.
Zumindest der starke Anstieg des Goldpreises legt nahe, dass die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinsanhebungen sinkt und lockerere Finanzierungsbedingungen eingepreist werden. Die Verschuldung der USA bleibt historisch enorm hoch, wodurch Hard Assets wie Gold und Bitcoin als Diversifikator und Hedge wieder stärker in den Fokus rücken. Die wieder zunehmende Korrelation zum Edelmetall legt nahe, dass Bitcoin mit einer statistisch üblichen Verzögerung hinter einer Gold-Rallye herziehen könnte.
Der Haken: Die Bullen hebeln wieder
Im Einklang mit der Zunahme der CME-Longs beobachten Analysten von Alphractal einen stark wachsenden Long-Bias an allen Derivate-Börsen. Ein Warnsignal dafür, dass Long-Trader womöglich etwas übereifrig auf die Erholung wetten.
Das Verhältnis zwischen Long- und Short-Wetten gerät zunehmend ins Ungleichgewicht, womit das Liquidationsrisiko deutlich steigt. Die Analysten rechnen deshalb mit weiteren Rücksetzern. Eine Erholung könnte entsprechend weniger geradlinig ausfallen als von den Bullen erhofft.
Marktexperte Stefan Lübeck hält einen Rutsch in den Bereich zwischen 60.000 und 62.200 US-Dollar für plausibel, ohne dass das Narrativ eines Stimmungswechsels damit gefährdet wäre. Auf der Oberseite wäre im Kontext der vorliegenden Marktdaten ein Bruch der jüngsten Hochs um 67.000 US-Dollar interessant.
Sind Bitcoins Verkäufer erschöpft?
Der Stimmungswechsel ist aber nicht ausschließlich das Ergebnis einer stärker werdenden fundamentalen Basis. Viele Analysten verweisen auf die jüngste Welle an Negativschlagzeilen und die zunehmende Indifferenz der Anleger als womöglich stärkstes Bodensignal.
“Wer nicht bereits wegen des DAT-Überhangs, der Quantenrisiken, der gesunkenen Wahrscheinlichkeit des Clarity Act oder der relativen Kursunderperformance verkauft hat: Was sollte informierte Marktteilnehmer jetzt noch dazu veranlassen, ihre BTC-Allokation zu reduzieren?”, schreibt Will Clemente, Co-Gründer von Reflexivity Research, auf X.
Der Tenor ist damit klar: Nach fast einem Jahr Bärenmarkt gibt es abgesehen von einem makrobedingten Abverkauf relativ wenig, das die verbliebenen Bitcoin-Halter noch erschüttern dürfte. Die sogenannte “Seller Exhaustion” ist demnach das historisch stärkste Signal für Bitcoins potenzielle Wende.
