Faktencheck Bitcoin: Wo die Reise für den BTC-Kurs hingehen dürfte

Gastautor Pascal Hügli wagt den Blick in die Krypto-Glaskugel: Wo geht die Reise für den Bitcoin-Kurs hin? Eine Prognose.

Pascal Hügli
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Bitcoin Prognose

Beitragsbild: Shutterstock

| Wohin der Bitcoin-Kurs sich entwickelt, kann niemand genau vorhersagen – man kann allerdings fundiert prognostizieren

“Sell in May and go away” – diesen bekannten Finanzmarkt-Leitspruch scheinen einige Bitcoin-Halter wohl zu ernst genommen zu haben. Just mit dem Start in den neuen Monat ist der Bitcoin-Kurs nämlich unter die 60.000-US-Dollar-Grenze gefallen. 

Von einer sogenannten On-Chain-Perspektive ist das deshalb bedeutend, weil wir damit auch unter die sogenannte “Cost Basis” der Kurzzeithalter gefallen sind. Gemeint ist der durchschnittliche Preis, zu dem Kurzzeithalter ihre Bitcoin-Bestände erworben haben – ihre Anschaffungskosten also. Zu Erinnerung: Bitcoin gelten dann als von Kurzzeithalter gehalten, wenn sie innerhalb der letzten 155 Tage das letzte Mal bewegt worden sind. 

2 von 3 Kurzzeithaltern im Verlust 

Aktuell liegt die “Cost Basis” der Kurzzeithalter bei ungefähr 59.600 US-Dollar. Mit der jüngsten Preis-Korrektur unter diesen Preis hat “Mr. Market” den Kurzzeithaltern nun gewissermaßen das “Messer an den Hals gelegt”. Sie sitzen auf Verlusten. Genau genommen befinden sich von den 4,95 Millionen Bitcoin, die derzeit von Kurzzeithaltern gehalten werden, 3,31 Millionen im Minus. Oder anders gesagt: 2 von 3 oder über 66 % aller Kurzzeithalter sind in die roten Zahlen abgerutscht. 

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Quelle: Checkonchain

Warum aber ist das Unterschreiten dieser Kurzzeithalter-“Cost Basis” kritisch zu sehen?  Statistisch gesehen, gehören diese Kurzzeithalter eben zu jenen Bitcoin-Investoren, die am ehesten zu Panikverkäufen neigen. Es besteht somit die “Gefahr” einer möglichen Kapitulation durch die Kurzzeithalter, welche ihre Bitcoin mit Verlust auf den Markt werfen und so den Preis weiter nach unten ziehen könnten.  

Einige Kurzzeithalter haben ihre Verluste denn auch schon realisiert. Die Frage ist: Wie groß ist der Anteil der sogenannten “Diamond Hands” unter den Kurzzeithaltern? Das wird sich in den nächsten Tagen bis Wochen zeigen. 

Was gesagt sein soll: Das Unterschreiten der Kurzzeithalter-“Cost Basis” ist nicht das Ende der Welt und auch nicht zwingend das Ende des aktuellen Bullenmarktes. Ganz grundsätzlich ist es ein positives Phänomen, wenn Personen, die zu einem höheren Preis gekauft haben, nun mit Verlust verkaufen und dadurch die “Cost Basis” dieser Coins auf einen niedrigeren Wert senken. Natürlich, und das ist der springende Punkt: Wo es einen Verkäufer hat, muss es auch einen Käufer geben. 

Spot-Bitcoin wird gerade stärker verkauft

Und hier stockt es ein wenig. Wie es scheint, ist es die Nachfrage nach Bitcoin, die aktuell verhalten ausfällt. Wenn Kurzzeithalter eben den Bettel hinschmeißen und ihre Bitcoin mittels “Market Sell Order” möglichst loswerden möchten und dann zu wenig Käufer in die Bresche springen, sinkt der Preis.

Dass die Spot-Nachfrage nach Bitcoin derzeit schwach ist, zeigt die untenstehende Grafik. So übersteigt das Verkaufsvolumen das Kaufvolumen momentan um $50 Millionen pro Tag. Noch im März rund um das Allzeithoch bei 73.000 US-Dollar zeigte sich ein ganz anderes Bild: Damals überragte das Kaufvolumen das Verkaufsvolumen um 100 Millionen US-Dollar pro Tag. 

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Quelle: Checkonchain

US-Bitcoin-ETFs geraten ins Stocken

Im ersten Quartal dieses Jahres noch waren die US-Bitcoin ETFs eine bemerkenswerte Nachfragequelle nach Bitcoin. Im April hat diese durch die ETF generierte Bitcoin-Nachfrage nun nachgelassen, sodass in den letzten Tagen netto mehr Gelder aus den ETFs ab- als zugeflossen sind.

In der Woche vom 22. April bis 26. April verzeichneten die US ETFs einen Nettoabfluss von insgesamt 328 Millionen US-Dollar. Und zum Mai-Start haben die ETF-Halter Anteile von 564 Millionen US-Dollar abgestoßen. Wie es aussieht, sind die ETF-Käufer doch nicht die “Diamond Hands”, für die sie gehalten worden sind. 

Interessant ist nämlich, dass diese Abverkäufe nicht nur dem bereits als notorisches Verkaufsvehikel bekannte GBTC-ETF geschuldet sind – auch die Bitcoin ETF von Fidelity (FBTC), ARK (ARKB) und alle anderen sahen Abflüsse. Und sogar das Flagship-Produkt von BlackRock (IBIT), das einige Tage auf dem Trockenen saß und keine Zuflüsse mehr verzeichnen konnte, wurde um 37 Millionen US-Dollar kleiner.

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Quelle: Checkonchain

ETFs aus Hongkong: Kaum der Rede wert?

Im Zuge des aktuell schwindenden Interesses an US-Bitcoin ETFs hatte sich die mediale Aufmerksamkeit in den vergangenen Tagen daher auf die ETFs in Hongkong verlagert. Die Erwartungen für die Lancierung waren hoch – einige Kommentatoren prognostizierten sogar, dass Hongkong die USA bei den Bitcoin-ETFs in Bezug auf Zuflüsse und Volumen am ersten Tag übertreffen könnte. Diese Erwartungen wurden jedoch nicht erfüllt und das Debüt der ETFs in Hongkong fiel verhalten aus. 

Bei genauerer Betrachtung war die Lancierung nicht ganz so enttäuschend. Die Hongkong-ETFs für Bitcoin und Ether generierten zwar nur ein Handelsvolumen von rund 12 Millionen US-Dollar. Der ChinaAMC Bitcoin ETF konnte am ersten Tag immerhin 123 Millionen US-Dollar reinholen. 

Obwohl diese Zuflusszahlen wohl auch auf ein sogenanntes “Pre-Seeding” zurückzuführen sind, machen diese Zahlen das Produkt zu einem der erfolgreichsten ETF-Produkte der letzten drei Jahre in Hongkong. Ob die Zuflüsse in Asien mögliche fortschreitende Abflüsse in den USA kompensieren können, wird sich zeigen.

Inflation gibt sein Comeback

Was der Bitcoin-Markt also braucht, ist das Comeback des “Nachfrageregimes”, wie wir es im ersten Quartal dieses Jahres gesehen haben. Und dass die Nachfrage, auch gerade von institutionellen Anlegern, zurückkommen wird, ist unbestritten sein. Vorerst ist es aber eben die Inflation, welche ihr Comeback gibt und Anleger dazu veranlasst, bei risikoreichen Anlagen wie Bitcoin vorsichtiger zu sein.

In den USA steigen die Inflationszahlen wieder leicht an. Obwohl die Inflation seit ihrem Höchststand von über 9 % im Sommer 2022 deutlich gesunken ist, hat die US-Notenbank ihr eigentliches Inflationsziel von 2 % immer noch nicht erreicht.

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Quelle: Trading Economics

Keine Zinssenkungen in Sicht

Getrieben durch weiterhin hohe Haushaltsdefizite des US-Staats dürfte die Inflation länger höher bleiben. Das macht es wahrscheinlicher, dass die Zinsen aufgrund des erneuten Anstiegs der Inflation in den kommenden Monaten nicht in dem Ausmaß sinken werden, wie zu Beginn dieses Jahres erwartet.

Noch im Januar hatte der Markt bis zu sieben Zinssenkungen bis Ende 2024 eingepreist. Heute hat er die meisten Zinssenkungen für 2024 wieder ausgepreist und erwartet aktuell nur noch eine Zinssenkung um 25 Basispunkte bis Dezember. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 18 % glauben die Marktteilnehmer sogar, dass wir in diesem Jahr überhaupt keine Zinssenkungen sehen werden und diese erst 2025 kommen werden.

US-Notenbank will Bilanz weniger schnell abbauen 

Dass der Bitcoin-Preis in den vergangenen Tagen also ins Wanken gekommen ist, dürfte somit auch eine Reaktion auf die möglicherweise ausbleibenden Zinssenkungen sein. Immerhin hat die US-Notenbank auch zum Monatsbeginn angekündigt, dass sie das Tempo ihres Bilanzabbaus ab Juni verlangsamen will. Und zwar will man neu nicht mehr 60 Milliarden US-Dollar, sondern nur noch 25 Milliarden US-Dollar an US-Staatsanleihen auslaufen lassen. 

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Quelle: X

Diese Ankündigung wurde von den Markteilnehmern als grundsätzlich bullisch angesehen. Dies deshalb, weil einer Verlangsamung des Bilanzabbaus als Vorstufe für eine mögliche Bilanzausweitung – in der Fachsprache auch als Quantitative Easing (QE) bekannt – gesehen wird. Die generell als “dovish” interpretierte Haltung des US-Notenbankpräsidenten Jerome Powell während des jüngsten FOMC-Meetings hat dem Bitcoin die Möglichkeit gegeben, erst einmal durchzuatmen.

Über den Autoren

Pascal Hügli ist Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ. Als Analyst für den deutschsprachigen Newsletter Insight DeFi möchte er die breite Masse kompetent und prägnant über die Ereignisse und Chancen der neuen dezentralen Welt von Bitcoin und Co. informieren. Auch ist er Autor von Ignorieren auf eigene Gefahr: Die neue dezentrale Welt von Bitcoin und Blockchain.

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