Die MiCA-Lizenz ist da. Am 22. Juni 2026 hat die Liechtensteiner Finanzmarktaufsicht die europäische Tochter Bitcoin Suisse (Europe) AG als Crypto Asset Service Provider unter MiCA autorisiert. Damit erschließt der Schweizer Krypto-Pionier – gegründet 2013 in Zug, heute mit über 200 Mitarbeitenden in der Schweiz, Liechtenstein, den VAE und auf Bermuda – erstmals systematisch den EWR-Markt. BTC-ECHO hat mit Group CEO und Co-Founder Andrej Majcen über Europa-Strategie, den Weg in die USA, Konsolidierung und seinen Bitcoin-Ausblick gesprochen.
MiCA-Expansion: “Am Ende entscheidet der Business Case”
Andrej, ihr habt die MiCA-Lizenz. Was heißt das für eure Europa-Strategie?
Unser Fokus lag historisch immer auf der Schweiz, wo wir früh eine Pionierrolle eingenommen und uns einen First-Mover-Advantage aufgebaut haben. In den letzten Jahren war aber offensichtlich, dass andere Märkte interessanter werden, schneller wachsen und innovationsfreundlicher sind. Für uns war entscheidend, dass wir auch im Ausland expandieren können. Wir haben uns über die TVTG-Registrierung in Liechtenstein schon früh positioniert, aber Liechtenstein ist ein überschaubarer Markt. Europa ist unser natürlicher Nachbarmarkt, und wir haben seit jeher viele Kunden aus dem europäischen Wirtschaftsraum – sie haben uns über Reverse Solicitation gefunden, ohne dass wir aktiv auf sie zugehen konnten. Genau das ändert sich mit MiCA: Jetzt können wir diese Nachfrage erstmals aktiv bedienen und gezielt neue Kunden in den Zielmärkten gewinnen.
Welche Länder haben besonderen Fokus? Die DACH-Region liegt auf der Hand, aber was kommt danach?
Nach der DACH-Region sind für uns die Nordics spannend, insbesondere Dänemark, Schweden und Norwegen. Danach folgen Portugal, Spanien und eventuell Frankreich. Bestimmte Länder in Osteuropa können ebenfalls interessant sein, da gehen wir opportunistischer vor. Wir machen das abhängig von der Nachfrage. Aktuell haben wir bereits sechs oder sieben Sales-Leute in der Pipeline. Sie haben klar das Ziel, die einzelnen Märkte zu analysieren und gezielt anzusprechen. Am Ende entscheidet der Business Case.
Bleibt der Fokus auf professionelle Investoren, institutionelle und High Net Worth Individuals – auch in den neuen Märkten?
Wir machen kein Retail, weder in der Schweiz noch in anderen Märkten. Der Fokus liegt genau auf diesen Gruppen, ergänzt um ausgewählte institutionelle B2B-Kunden, auch im Bereich von Vermögensverwaltungsprodukten, Strategien und Fonds für die Distribution. Bei Events sind daher auch Formate wie das alljährliche World Venture Forum in Kitzbühel spannend. Das ist keine Hardcore-Krypto-Konferenz, dort sind viele Investoren aus unterschiedlichen Sektoren vertreten. Für uns ist genau das interessant: die traditionelle Welt mit der Krypto-Welt zu verbinden. Mit der Tokenisierung von Real-World-Assets werden sich die beiden Welten sowieso verbinden.
Wenn du beide Frameworks nebeneinanderlegst: Was findest du an MiCA stark, was ist in der Schweiz noch besser?
Der zentrale Vorteil von MiCA ist das Passporting. Damit erhält man Zugang zu einem deutlich größeren Wirtschaftsraum mit entsprechendem Wachstumspotenzial. Die Schweiz ist in diesem Punkt aufgrund ihres Nicht-EWR-Status regulatorisch eigenständig, was den grenzüberschreitenden Marktzugang strukturell einschränkt. Die Schweiz hatte lange den First-Mover-Advantage im Krypto-Bereich. In den letzten Jahren standen mit der Integration von Credit Suisse in die UBS aber andere finanzmarktpolitische Prioritäten im Vordergrund, sodass Krypto und Innovation regulatorisch weniger im Fokus lagen. Bei bestimmten Themen, etwa Stablecoins oder Staking, senden die aktuellen Rahmenbedingungen international nicht ganz das Signal aus, das man von einem führenden Innovationsstandort erwarten würde.
Ihr habt auch Lizenzen in Bermuda und Abu Dhabi. Wie passt Bermuda in die Landkarte – ist das die Offshore-Struktur für internationale Kunden?
Bermuda adressiert einerseits ein internationaleres Kundensegment, ist regulatorisch aber klar auf den Vermögensverwaltungsbereich fokussiert. Das beinhaltet Advisory, Portfolio Management bis hin zu diskretionären Mandaten sowie das Verwalten eigener Anlagestrategien wie Fonds oder ETPs. Hinzu kommt die geografische Nähe: Bermuda liegt eineinhalb Flugstunden von New York und zwei von Miami entfernt. Es ist eine Jurisdiktion, die international tätige Vermögensverwalter und institutionelle Kunden gut kennen und akzeptieren. Darum war Bermuda für uns ein strategischer Schritt, um unser internationales Geschäft im Vermögensverwaltungsbereich auszubauen.
Produktstrategie Bitcoin Suisse: “Wir müssen das Rad nicht neu erfinden”
Eure Kernprodukte sind unter anderem Brokerage, Krypto-Verwahrung und Staking. Was wird in Zukunft noch für euch wichtig?
Die größte Erweiterung wird Richtung Asset Management gehen, das ist unser strategischer Schwerpunkt. Abu Dhabi mit der Lizenz für den Derivate- und Effektenhandel ist eher ein Add-on zu dem, was wir bereits anbieten. Die effektive Erweiterung wird Vermögensverwaltung sein. Wir versuchen, innerhalb der Gruppe den Kunden das bestmögliche Angebot bereitzustellen, sind aber sehr offen dafür, mit den besten Partnern der gesamten Krypto-Branche zusammenzuarbeiten. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir sehen uns mehr als Investment- oder Sparring-Partner unserer Kunden.
Auf der einen Seite haben wir die Assets, auf der anderen die Geldseite. Wie steht ihr zu tokenisierten Money-Market-Fonds und Stablecoins?
Wir sehen uns weniger auf der Issuer-Seite solcher Produkte, aber wir wollen unseren Kunden Zugang dazu bieten. Viele unserer Kunden haben zwar Bankkonten und teils Zugriff auf Krypto-Exchanges, aber keinen echten Ansprechpartner für Krypto-Entscheidungen. Der Markt für tokenisierte Real-World-Assets wird sich meiner Meinung nach in den nächsten drei bis fünf Jahren mit tausenden Produkten stark verdichten. Da wird es umso schwieriger, sich zu orientieren. Entweder man weiß genau, was man will, oder man macht es mit einem Partner, der einem hilft, sich in diesem Angebot zurechtzufinden. Da sehen wir unsere Rolle.
Krypto-Branche: “Konsolidierung wird stattfinden”
Nicht jedes Krypto-Unternehmen hat es geschafft, eine MiCA-Lizenz zu erhalten. Auch schwächelt aktuell der Krypto-Markt. Siehst du verstärkte Konsolidierungstendenzen in der Branche?
Konsolidierung wird stattfinden, in die eine oder andere Richtung. Wir haben regelmäßig solche Gespräche und sind grundsätzlich offen für Partnerschaften und M&A. Wir haben in den letzten zwei Jahren diverse Player angesehen. Größere Retail-Plattformen mit ein paar hunderttausend Kunden sind für uns aber nicht so interessant, weil sie eine andere Ausrichtung und Positionierung haben. Wir möchten unsere Marke nicht verwässern. Bei ein paar hunderttausend Usern ist die Frage: Mit wem verdient die Plattform Geld? Häufig ist es ein breiter Longtail mit Altrisiken. Ich glaube, viele Plattformen, die auf dem Papier Konsolidierungskandidaten wären, werden einfach aussterben, weil die Diskussionen sehr schwierig sind.
Blick nach vorne: Wie schaust du auf die nächsten zwölf bis 24 Monate?
Ich versuche das Thema jenseits des Hypes und langfristiger zu sehen. Wir sind lange am Markt und haben schwierige Zeiten überlebt. Im Vergleich zu bisherigen Zyklen glaube ich nicht unbedingt, dass die Vierjahres-Zyklen noch relevant sind, auch wenn die Daten dem teilweise widersprechen. Es sind mittlerweile andere Kräfte im Spiel – die Wall Street ist drin, Institutional Money, BlackRock. Die geopolitische Situation spielt hinein, hinzu kommt Trump mit seiner hohen Frequenz an Tweets und neuen Ideen. Bis sich die Lage stabilisiert, bleibt es volatil. Ich rechne kurzfristig eher mit anhaltender Volatilität als mit einem neuen Bull Run. Gleichzeitig erinnert mich die aktuelle Marktstruktur an frühere Phasen, in denen nach einer Bereinigung ein Boden gefunden wurde. Wann eine nachhaltige Erholung einsetzt, lässt sich seriös nicht vorhersagen. Aber die strukturellen Treiber, allen voran das institutionelle Kapital, sind intakt. Das ist keine Anlageempfehlung, sondern meine persönliche Markteinschätzung.
Also viel Makro, viel Politik, wenig intrinsische Krypto-Treiber. Ist das der große Unterschied zu früher?
Genau. Früher war Geopolitik weitgehend irrelevant, da ging es mehr darum, dass ein ICO gerade ein Listing bei Binance gemacht hat. Heute sind die Märkte sehr stark miteinander verwoben.
Vielen Dank für das Gespräch!
