An der Sache vorbei 

Ist Bitcoin nur ein riesiger Betrug? Was Boris Johnson falsch versteht

Der frühere Premierminister Boris Johnson teilt gegen Bitcoin aus. Welchen Irrtümern er unterliegt und warum seine Kolumne bei Krypto-Experten auf deutliche Kritik stößt.

Tobias Zander
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Boris Johnson sitzt auf einer Bühne und trägt einen Anzug

Beitragsbild: picture alliance

| "Was ist Bitcoin? Wer kontrolliert es?" Boris Johnson zeigt sich verwundert

Der intrinsische Wert von Gold sei offensichtlich, auch Pokemonkarten als Wertspeicher könne er noch verstehen – aber Bitcoin? In einer neuen Kolumne bei der DailyMail zeigt sich der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson sichtlich irritiert. Der 61-Jährige fragt mit Verwunderung: “Was ist es? Es ist nur eine Zahlenfolge, die auf einer Reihe von Computern gespeichert ist. Wer kontrolliert es? Wer hat das Sagen?”. Anlass für seine Bitcoin-skeptischen Ausführungen ist ein “netter alter Herr” aus seinem Dorf in Oxfordshire, der nach einer Erstinvestition von 500 Pfund zum Opfer von Betrügern wurde.

X-Post zur DailyMail-Kolumne I Quelle: Boris Johnson

Unerwartet sei sein Freund, ein früherer Geschäftsmann, in finanzielle Schwierigkeiten geraten und habe ihn dann um Hilfe gebeten. “Da fasste ich meinen Mut zusammen und fragte ihn, was schiefgelaufen ist. Es mag Sie überraschen oder auch nicht, dass er in Bitcoin investiert hatte”, schreibt Johnson. Nach dreieinhalb Jahren voller Verwirrung, in denen er alle möglichen Gebühren gezahlt hatte, um sein Geld zurückzuholen, musste der sympathische Nachbar rund 20.000 Pfund abschreiben. Ein offensichtlicher Scam.

Johnson selbst will sich noch genau daran erinnern können, wie Kryptowährungen vor zehn Jahren populär wurden und “die Leute von dem Genie dieses mysteriösen japanischen Programmierers” Satoshi Nakamoto schwärmten, der “angeblich Bitcoin erfunden hat” und dann einfach verschwunden ist. Aufgrund der Dezentralität hänge der Erfolg von Bitcoin aber letztlich von einem “kollektiven Glauben” ab, der äußerst fragil sei. Der einstige Spitzenpolitiker gibt zu Bedenken: “Je mehr ältere Menschen – im Namen von Bitcoin – betrogen werden, desto schneller wird sich eine Desillusionierung einstellen.”

Michael Saylor bricht eine Lanze für Bitcoin

Aus der Bitcoin-Community gibt es deutliche Kritik an den Aussagen von Boris Johnson. So stellt etwa Strategy-Gründer Michael Saylor richtig: “Bitcoin ist kein Ponzi-Schema. Bei einem Ponzi-Schema verspricht ein zentraler Akteur Renditen und bezahlt frühe Investoren mit Geldern von späteren Investoren.” Die Kryptowährung hingegen sei lediglich ein offenes, dezentrales Geldnetzwerk, das “von Code und der Marktnachfrage” bestimmt werde. Nach dem jüngsten Kauf hält Strategy als weltweit größte Bitcoin-Treasury-Firma bereits 738.731 BTC im Wert von 52 Milliarden US-Dollar.

Auch Kwasi Kwarteng, im Jahr 2022 kurzzeitig britischer Finanzminister unter Liz Truss, antwortet auf die Kolumne von Johnson: “Die britische Politikerklasse hinkt in Sachen Bitcoin und digitale Vermögenswerte um Jahre hinterher. Wir schlafen am Steuer.” Bitcoin pauschal mit den schlimmsten Auswüchsen der Krypto-Branche gleichzusetzen, zeuge von mangelndem Verständnis und fehlender Transparenz. Nicht jedes Krypto-Projekt habe seine Berechtigung, aber für ihn sei klar: “Bitcoin ist die Zukunft.”

Bitcoin-Analyst James Check reagierte wiederum mit der kurzen ironischen Feststellung: “Die Bären haben diesen Typen in ihrem Team.” Erst kürzlich wies er auf den überverkauften Status der Kryptowährung hin und empfahl Anlegern, sie sollten nun besser “die Bären ignorieren, sehr bescheiden bleiben und still und leise Sats nach dem DCA-Prinzip horten“.

Diesen Bitcoin-Irrtümern ist der Ex-Premierminister auf den Leim gegangen

Was Johnson völlig außen vor lässt, ist dass der geschilderte Betrugsfall kaum ein spezifisches Bitcoin-Problem darstellt. Der dubiose Bekannte aus dem Pub, der angeblich Geld binnen kürzester Zeit verdoppeln kann, gehört wohl zu den ältesten Maschen überhaupt. Lange bevor Kryptowährungen existierten, lockten Betrüger mit Goldminen oder angeblichen Aktiengeheimtipps. Schon im 18. Jahrhundert verloren Anleger ihr Vermögen in der South Sea Bubble, im 20. Jahrhundert dann in zahllosen Ponzi-Schemes bis hin zu Bernie Madoff. Betrüger nutzen stets die beliebtesten Assets ihrer Zeit und heute gehört eben auch Bitcoin zu diesen.

Der studierte Althistoriker führt zudem ein Argument an, das näherer Betrachtung kaum standhält. Er beruft sich auf die römischen Münzen und schreibt, der Denarius habe seinen Wert behalten, weil die Menschen “fest an die Autorität glaubten, die auf dieser Münze dargestellt wurde”. Doch Vertrauen in Geld entstand auch damals nicht allein durch kaiserliche Macht, sondern durch den Edelmetallgehalt der Münzen. Als spätere Kaiser den Silberanteil reduzierten, verlor der Denarius rapide an Wert. Geschichte zeigt also eher, dass Geld dann Vertrauen genießt, wenn es nicht beliebig vermehrt werden kann. Daher ist die 21-Millionen-Limitierung eines der Hauptargumente vieler Bitcoin-Anhänger.

Hinzu kommt, dass Johnson Bitcoin so behandelt, als wäre es noch immer ein Nischenexperiment. Tatsächlich reden wir im Jahr 2026 aber über einen etablierten Vermögenswert mit rund 1,4 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung. Erste Staaten halten BTC-Reserven, börsengehandelte Spot ETFs verwalten Milliardensummen und Großunternehmen bauen eigene Bitcoin-Treasuries auf. Wer diese Realität auf eine fragwürdige Anekdote aus dem Pub reduziert, hat sich kaum ernsthaft mit Bitcoin beschäftigt.

Zumindest eine Sache darf man dem Ex-Premier zugute halten: Er gesteht offen ein, dass er auch “irren könnte”, und sagt keinen definitiven Untergang von Bitcoin voraus. Das geisteswissenschaftliche Studium in Oxford scheint ihn vor der Anmaßung zu bewahren, die so manchen US-Ökonomen auszeichnet.

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