Die Zukunft des Geldes Libra – die letzte Chance für den Euro?

Pascal Hügli

von Pascal Hügli

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Pascal Hügli

Pascal Hügli ist Journalist der financialmedia AG in Zürich. Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Bitcoin, Blockchain und Krypto und tritt auch als Moderator und Redner auf.

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Können Währungen privater Unternehmen Fiatgeld langfristig ersetzen und stellt das Eindringen von Konzernen im Finanzsektor eine Gefährdung unserer Währungsstabilität dar? Im zweiten Teil der Artikelserie „Die Zukunft des Geldes“ geht Pascal Hügli den fundamentalen Fragen auf den Grund und gibt einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen des Geldsystems.

Der folgende Artikel ist ein Gastbeitrag – BTC-ECHO übernimmt keine Haftung für den Inhalt. Trotz gewissenhafter Prüfung kann keine Garantie für die dargestellten Ausführungen gegeben werden.

Im ersten Teil dieser Artikelserie wurde beschrieben, wie die Kappung des Goldankers und der darauf losgetretene Entwertungskampf zwischen nationalen Währungen die Suche nach neuen Geldalternativen incentiviert hat. Zum ersten Teil der Artikelreihe.

Finanz- und Geldgeschäfte erleben daher derzeit „The Great Unbundling“ – flächendeckendes Aufbrechen der Wertschöpfungskette. Der Kunde bezieht seine Dienstleistungen nicht mehr länger unisono bei einer Universalbank, sondern folgt einem Best-In-Class-Ansatz, bei dem er sich die für ihn besten Angebote zusammenträgt. Kreditkarte bei Revolut, die Vorsorge über Descartes Finance und den Wertpapierhandel vielleicht schon bald via Robinhood. Neben FinTechs drängen auch die BigTechs wie Amazon, Apple, Google und Facebook in den Finanzbereich vor. So bietet Amazon in einigen Ländern bereits Kredite und weitere Finanzdienstleistungen an. Apple und Google Pay gehören bei einigen iOS- und Android-Nutzer bereits zum Alltag. Auch Facebook lancierte jüngst sein Zahlungssystem Facebook Pay.

Braucht es einen Libra?


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Was das größte soziale Netzwerk der Welt betrifft, so wurden die Ziele noch höher gesteckt. Mitte 2019 verkündete der Tech-Riese, die auf einem Konsortium basierende Digitalwährung Libra ins Leben rufen zu wollen. Während Facebook Pay als Zahlungsnetzwerk konzipiert ist, wäre Libra eine eigene Währung, die in Form eines Coins (manchmal auch Token genannt) daherkommt. Wie das Beispiel von WeChat in China zeigt, ist eine solche Ausgestaltung nicht notwendig, um auf breiter Front Erfolg zu haben. Ein eigener Libra Coin dürfte die Massentauglichkeit und damit die Massenadaption eher einschränken, wäre der Libra Token doch vor allem über Krypto-Börsen zugänglich, die für viele Menschen noch immer ein rotes Tuch sind.

Als kursstabile Digitalwährung (auch Stable Coin genannt) repräsentiert diese eine Art Reservefonds. Dieser gleicht einem Anlagefonds basierend auf einem Währungskorb und ähnelt damit den Sonderziehungsrechten des Internationalen  Währungsfonds. Stable Coins werden vor allem von Politikern und sonstigen Funktionären als Bedrohung für das weltweite Finanzsystem wahrgenommen. Bedenken der Geldwäsche, Terrorfinanzierung sowie Steuerhinterziehung werden in diesem Zusammenhang in Spiel gebracht.

Die Tage des staatlichen Geldmonopols sind gezählt

Was Politikern letztlich missfällt: Die mögliche Lancierung eines privaten Geldes durch einen privaten Großkonzern, der sich in der Vergangenheit nicht immer als vertrauenserweckend erwiesen hat. Letztlich handelt es sich um einen Angriff auf die heilige Kuh der Gegenwart: das staatliche Geldmonopol. Ob das Libra-Projekt daher wirklich eine reale Chance hat, wird erst die Zeit zeigen. Zurzeit scheinen die US-Verantwortlichen dem Unterfangen wenig abgewinnen zu können. Das könnte sich in naher Zukunft allerdings ändern. Immerhin erwägt man bereits, Libras Reservefonds nur mit US-Staatspapieren zu decken. Das käme den USA natürlich gelegen und würde Libra zu einem geeigneten Werkzeug im Tech-Wettlauf mit den Chinesen machen. Ein Facebook-Projekt mit Blockchain-Assoziation als geopolitische Geheimwaffe also. Vielleicht ist Libra gar Fiats letzte Chance“, relevant zu bleiben?

Wenngleich es Politiker nicht wahrhaben wollen, so zeigt die Libra-Geschichte deutlich: Die Tage des exklusiven staatlichen Geldmonopols sind gezählt. Es bläst ein neuer Wind und zwar jener des privaten Geldwettbewerbs. Allen Widerständen gegen Libra zum Trotz, die Idee nichtstaatlichen Geldes ist gekommen, um zu bleiben. Der Geist ist aus der Flasche entwichen!

Bitcoin vs. Gottspieler

Das Libra-Projekt ist dabei nur eine Iteration dieser Idee privaten Geldwettbewerbs. In absehbarer Zukunft dürften noch weitere Manifestationen folgen. Initiiert hat diese neue Geld-Ära Bitcoin. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise geboren, stellt Bitcoin die Antithese zur bestehenden Finanzordnung dar. Das Krypto-Asset ist der Versuch, Geld als eine auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einwirkende Kraft aus den Händen zentralplanerischer Gottspieler zu entreißen. Geld soll knapp und dezentral sein, um so den unendlichen Appetit von Politikern, Funktionären und Wirtschaftsgrößen zu bändigen. In den Augen seiner Befürworter ist Bitcoin eine Gegenreaktion auf das mit Fiatgeld betriebene Schindluder.

Aus Sicht von Bitcoin-Enthusiasten sind die Bestrebungen von Fin- und BigTech eben nicht Lösung, sondern Teil des Problems. Ob ein Geld durch das staatliche Geldmonopol gestützt oder ob es durch private Banken oder gar Konzerne emittiert wird, die Problematik bleibt dieselbe: Es verbleibt in zentralistischer Hand und kann nicht selbstsouverän gehalten werden.

Digitale Zahlungslösungen, die aus gegenwärtigem Geld Fiatgeld 2.0 machen wollen, sind bloß „Lipstick on a pig“, so das Argument der Bitcoin-Aficionados. Das fundamentale Problem des Geldsozialismus unseres heutigen Geldsystems würde dadurch nicht gelöst. Geld sei weiterhin an Intermediäre gebunden und jede getätigte Zahlung werde in zentralen Buchungsregistern erfasst, die von einigen Drittparteien kontrolliert sind. Transaktionen können bei Bedarf jederzeit untersagt werden.

Bitcoin: Echte Alternative zum bestehenden Finanzsystem

Aus diesem Grund ist zwischen Digitalwährungen und Kryptowährungen zu unterscheiden. Letztere können exklusiv mittels kryptografischer Methoden durch Einzelpersonen beherrscht werden. Sogenannte Krypto-Werte können also ähnlich wie materielle Sachen direkt durch Inhaber und ohne Intermediäre gehalten und verwendet werden. Anstatt durch einen Intermediär verwaltet, basieren Krypto-Werte auf einer Blockchain. Dabei handelt es sich um eine dezentral verteilte Datenbank, bei der niemand die alleinige Kontrolle innehat. Die Blockchain ist letztlich ein Computerprotokoll beruhend auf Programmiercode. Das macht Krypto-Werte technisch betrachtet zu purer Information und Mathematik.

Folglich steht Bitcoin für eine alternative Art und Weise, ein Finanzsystem zu denken. Schon heute ist unsere Finanzordnung ein Konglomerat abstrakter Konstrukte wie Verträge, Versprechungen und Bilanzen. Das legt Zeugnis davon ab, dass unsere Wirtschaft seit jeher abstrakter geworden ist. Diese Tendenz zu immer stärkerer Abstrahierung hat schon der große Philosoph und Soziologe George Simmel in seinem Werk „Philosophie des Geldes“ festgestellt. Es ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung auch in Zukunft weitergehen wird. Geld im engeren Sinne, auch Base Money genannt, dürfte immer mehr in den Hintergrund treten. Geld im weiteren Sinne, also Geldsurrogate wie Bankeinlagen, Kreditkarten und andere Kreditvereinbarungen, dürften hingegen noch prominenter werden.

Finanzalchemie

Getrieben ist diese Entwicklung von der Finanzialisierung der vergangenen Jahrzehnte, die Wirtschaft- und Finanzwelt stärker hat verschmelzen lassen. Dieses Amalgam bedingt eine Finanzalchemie, die heute auf drei Grundbausteinen basiert: Institutionen, Anreize und menschliche Beteiligung. Im bestehenden Finanzsystem überwiegt das menschliche Element. Verträgen und Versprechen sind zwar durch Institutionen ein Rahmen gesetzt, durchgesetzt werden sie jedoch von Menschenhand.

Dagegen reduziert Bitcoin auf Protokollebene das menschliche Element in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und gewichtet die beiden anderen Komponenten stärker. Einerseits sollen Anreize, das menschliche Element in Schach halten, andererseits kommt der Technologie aufgrund von Mathematik, Kryptographie und Informatik eine größere Bedeutung zu. Eine Finanzalchemie wie wir sie heute kennen, der jedoch Bitcoin zugrunde liegt, dürfte weniger vom menschlichen Element abhängen, sondern durch Computer, Formeln und Code gesteuert und umgesetzt werden. Welche Art von finanzieller Alchemie in einem objektiven Sinne besser ist, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht ausmachen. Die neue Ära des Geldwettbewerbs hat gerade erst begonnen. 

Im dritten Teil dieser Artikelserie wird es um die verschiedenen Basisgelder der Zukunft gehen, die miteinander im Wettbewerb stehen werden. Dabei sollen die Vor- und Nachteile der einzelnen Geldkonzeptionen diskutiert werden.

Pascal Hügli ist Chief Research Officer bei Schlossberg&Co, einem Schweizer Asset Manager mit Fokus auf digitale Assets.

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