Digital Twins Fabian Vogelsteller im Interview: „In Zukunft wird eine digitale Garderobe ganz normal sein.“

Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 8 Minuten

Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Quelle: Fabian Vogelsteller

Fabian Vogelsteller zählt zweifelsfrei zu den bekanntesten Köpfen im Ethereum Space. So hat er als Ethereum-Entwickler nicht nur den Mist-Browser und die Ethereum Wallet entwickelt, sondern auch den ERC-20-Tokenstandard mit Vitalik Buterin kreiert und damit den Grundstein für heutige ICOs gelegt. Seit einiger Zeit arbeitet Vogelsteller gemeinsam mit seiner Frau Marjorie Hernández an dem Projekt LUKSO. Die Blockchain-Plattform soll einen neuen Standard im Mode- und Lifestylebusiness etablieren. Neben der Überprüfung der Echtheit sollen sogenannte digitale Zwillinge ganz neue Möglichkeiten für die Modeindustrie und deren Konsumenten schaffen. Was es mit dem Projekt LUKSO genauer auf sich hat und wie er den Markt für ICOs verändern will, hat uns Fabian Vogelsteller im persönlichen Interview erzählt.

Wir haben im Jahr 2019 unzählige interessante Interviews geführt, die es wert sind, wiederholt veröffentlicht zu werden. So ist das folgende Interview bereits im Januar 2019 bei BTC-ECHO veröffentlicht worden. 

BTC-ECHO: Der Ansatz, mithilfe einer Blockchain die Lieferkette zu tracken, ist nicht neu. Worum geht es bei LUKSO denn noch, außer darum, die Echtheit respektive den Ursprung von Kleidungsstücken zu prüfen?

Fabian Vogelsteller: Es geht nicht primär um das Tracken einer Lieferkette. Unsere Blockchain ist in erster Linie für die Community da, also die Designer, Instagram Influencer etc. Mit LUKSO bieten wir eine Blockchain-Infrastruktur, die speziell für diese Vertikale, also Mode und Lifestyle, konzipiert ist. Das heißt: Sowohl ein Luxusartikelhersteller wie Prada oder Gucci kann unsere Infrastruktur nutzen als auch der Fashion-Blogger oder der Endkunde wie du und ich. Genau hier liegt auch die Zukunft der zukünftigen Blockchains. Der Trend geht zu branchen- oder kontextspezifischen Blockchains, die für eine bestimmte Community da sind – das Mindset passt zur Blockchain. Zu versuchen, eine „Super-Master-Blockchain“ zu schaffen, auf der sämtliche Anwendungen innerhalb der Krypto-Ökonomie ablaufen, ist – zumindest vorerst – nicht realistisch. Eine solche Blockchain wird es innerhalb der nächsten zehn Jahre sicherlich nicht geben.

BTC-ECHO: Ein Grundpfeiler eurer Blockchain-Lösung ist die Erstellung von Digital Twins. Was hat es damit auf sich?

Fabian Vogelsteller: Bei Digital Twins geht es darum, neben der physischen Version, also z. B. eine Handtasche, auch eine digitale Version, ein Item oder Collectable zu besitzen. Das Markenbewusstsein wird immer stärker im virtuellen Raum geprägt und vermarktet. So gibt es nicht nur virtuelle Models, sondern auch Kleidungsstücke und Accessoires, die ausschließlich digital erhältlich sind. Das Gaming-Unternehmen Fortnite hat so beispielsweise mit digitaler Kleidung mehr Gewinn gemacht als Amazon, insgesamt über 3 Milliarden US-Dollar. Insbesondere durch das Aufkommen von Virtual Reality wird es in Zukunft ganz normal sein, neben seiner physischen Garderobe auch eine digitale zu besitzen. Egal ob für den eigenen Instagram-Account, Gaming oder das virtuelle Business Meeting.


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Neben digitalen Items auf der Blockchain geht es bei Digital Twins aber auch darum, die Wertschöpfung für alle Akteure dezentral zu gestalten. So können zum Beispiel Markenhersteller Token an Influencer oder treue Kunden vergeben. Treueprogramme in der Form, wie wir sie heute kennen, wären damit obsolet. Auch könnten so Token von einzelnen Brands auf Exchanges gehandelt werden. Steigt also die Popularität einer bestimmten Kollektion, kann damit auch der Digital Twin in Verbriefung eines Token an Wert gewinnen. Es entsteht ein neuer Markt, von dem Hersteller wie Endverbraucher profitieren können.

BTC-ECHO: Ihr werdet mit LYX einen Utility Token herausgeben. Nun liegt nach dem Platzen der ICO-Blase das Vertrauen gegenüber Utility-Token-Projekten ziemlich im Argen. Ist euer Projekt wirklich so dezentral angelegt, dass es auf jeden Fall einen Utility Token braucht?

Fabian Vogelsteller: LUKSO basiert auf einer Blockchain und eine Blockchain benötigt einen Token. Ohne einen sogenannten nativen Token müsste die Absicherung über zentrale Stellen geregelt werden, wo wir wieder im Web 2.0 wären. Zu Anfang wird das Projekt nicht ganz so dezentral wie Ethereum selbst sein. Anstatt Proof of Work werden wir eine Proof of Stake Governance nutzen. Diese wird wiederum mit einem Proof-of-Authority-Consensus-Algorithmus kombiniert. Dadurch dass wir aber planen, Casper zu adaptieren, also ausschließlich Proof of Stake wie bei Ethereum, wird sich der Grad an Dezentralität an die der Ethereum Blockchain anpassen.

Ich würde nicht mal sagen, dass es sich bei LYX um einen klassischen Utility Token handelt, sondern eher um eine Kryptowährung. Zwar ist dieser Token notwendig, um das Netzwerk zu nutzen, Wert zu transferieren und Smart Contracts auszuführen, aber es handelt sich auch um einen nativen Blockchain Token, der technisch notwendig ist. Ganz im Gegensatz dazu steht ein Großteil der Token, die auf dem ERC-20-Standard herausgegeben worden sind, für welche es meistens keine technische Notwendigkeit gab.

BTC-ECHO: LUKSO baut auf der Ethereum Virtual Machine auf. Wie wollt ihr dem Problem mangelnder Skalierbarkeit nachkommen?

Fabian Vogelsteller: Wir bauen auf der Ethereum Virtual Machine (EVM) auf, nutzen also das Ethereum-Protokoll. Trotzdem handelt es sich dabei um eine separate Blockchain, die neben Caspar auch Sharding zur Skalierung, wie eben Ethereum, übernehmen wird. Der Vorteil unserer Community Blockchain ist, dass man sich die Ressourcen nicht mit anderen Industrien bzw. Communities teilen braucht.

BTC-ECHO: Da ICOs, wie die Vergangenheit gezeigt hat, noch ihre Fehler haben, hast du kurzerhand einen neuen ICO-Standard, der erstmals bei LUKSO zum Einsatz kommen soll, entwickelt: den sogenannten reversible ICO, kurz RICO. Was können wir von dieser neuen Generation ICOs erwarten?

Fabian Vogelsteller: In der damaligen ICO-Welle haben einige ICOs horrende Summen eingesammelt, die nicht im Verhältnis zum Business Case standen. Doch einmal investiert, hatte man als Investor keine Möglichkeit, um wieder an seine Einlagen zu kommen. Mit RICOs stellt jeder Investor sein Kapital nur bereit und lässt es zum Projekt über Zeit fließen. Bei uns, LUKSO, sind das in diesem Fall zwei Jahre, in denen jeder Investor sein Kapital Stück für Stück automatisiert an das Projekt übergibt. Wie bei einem Escrow, welcher niemandem gehört, werden so die bereitgestellten Ether sicher in einem Smart Contract verwahrt. Diese stehen dann entweder in der Verfügung des Investors oder des Projekts. Diese Verfügung verlagert sich in Echtzeit, jedoch in einem vorhersehbaren Zeitrahmen. Dadurch entsteht ein erhöhter Investorenschutz, da jeder selbst entscheiden kann, wann er nicht mehr an das Projekt glaubt und gegebenenfalls Teile seiner bereitgestellten Ether zurückzieht.

Die Token der übergebenen Teile behält er natürlich. Also auch, wenn ein Projekt scheitert, kann man einen Teil des Kapitals retten. Die Investoren, die bis zum Ende dabeibleiben, sind deshalb nicht gezwungenermaßen Teil, sondern aus Überzeugung, was sehr im Interesse des Projekts liegt. Um zu verhindern, dass Investoren nur am Ende des Zeitraums eintreten oder ständig raus- und reingehen, können zeitbasierte Discounts eingebaut werden, die einem frühen Investor Vorteile verschaffen und ihn incentivieren, nicht ohne Weiteres herauszugehen, wenn er plant, später wieder reinzugehen.

BTC-ECHO: Theoretisch müsste durch den höheren Investorenschutz auch die Wahrscheinlichkeit steigen, die Erlaubnis zu bekommen, einen (R)ICO in Deutschland, genehmigt von der BaFin, durchzuführen. Wird euer RICO der erste in Deutschland?

Fabian Vogelsteller: Wir haben den Verkauf mit LYX beim Regulator überprüfen lassen und können damit voranschreiten. Das bedeutet allerdings nicht gleichzeitig, dass auch die Form eines RICO selbst erlaubt ist. Das werden wir in den nächsten Monaten mit dem Regulator besprechen. Da dies absolut im Interesse des Investorenschutzes steht, und wir nie die Verfügungsgewalt über die Ether bekommen, sofern sie nicht zu uns allokiert wurden, gehe ich davon aus, dass der Regulator hier positiv entscheiden wird. Die Entität, die aktuell den Private Sale und später den RICO macht, wird zudem in eine foundationähnliche GmbH umgewandelt, um das eingenommene Geld getrennt von der ausführenden Entität zu halten.

BTC-ECHO: Was ist deine Einschätzung für 2019? Wie wird sich die Krypto-Ökonomie dieses Jahr entwickeln?

Fabian Vogelsteller: 2019 wird das Jahr der technologischen Weiterentwicklung, wo wir Projekte sehen werden, die es schaffen, ihren Use Case erfolgreich umzusetzen. Dadurch, dass der Hype jetzt vorbei ist, wird vieles klarer, insbesondere auch aus regulatorischer Sicht. Projekte wie LUKSO werden mit Real World Use Cases das Ökosystem deutlich nach vorne bringen. Schließlich hat sich die Blockchain-Technologie im Grunde nicht verändert und ist genauso funktional wie früher, sodass man sich nicht zu stark von Marktzyklen oder den Krypto-Kursen beeinflussen lassen sollte. An vielen Sachen, die jetzt kommen werden, wird schon seit langer Zeit gearbeitet. Seien es Metatransaktionen, (Public) Blockchain Identity, Reputation Systems, State Channels, Layer 2 Solutions und so weiter. All diese technischen Innovationen brauchen Zeit, um in der Praxis zu funktionieren. 2019 werden wir hier sichtbare Anwendungen verzeichnen können. Auch auf den Krypto-Markt bezogen denke ich, dass wir das Tal erreicht haben.

BTC-ECHO: Du würdest also nicht sagen, dass zwischen 95 und 99 Prozent aller ICOs und Token-Projekte gescheitert sind oder zeitnah scheitern werden?

Fabian Vogelsteller: Viele Projekte hatten keine richtige Token Economy bzw. konnten keinen technischen Mehrwert in ihrem Token Use Case implementieren, weshalb sich einige von ihrem Token verabschieden werden. Es gibt aber auch noch genügend wirklich dezentrale Projekte, die ihren Token benötigen. Des Weiteren darf man die vielen neueren Projekte nicht vergessen, die noch überhaupt nicht gestartet sind und Entwicklung braucht Zeit. Eine dermaßen negative Einschätzung teile ich also nicht.

Hierbei muss allerdings zwischen Services und Ecosystems unterschieden werden. In 2017 haben viele Service-Dienstleister ihren ICO gemacht. Viele von denen werden es schwer haben, da das Token-Modell oftmals keinen Sinn macht. Anders sieht es bei den technologisch anspruchsvollen Ökosystem-Plattformen aus, die, wenn sie sinnvoll und variabel sind, gute Chancen haben, sehr groß zu werden. Entsprechend sind auch die Bewertungsansätze sehr unterschiedlich, was allerdings viele Investoren nicht berücksichtigt haben.


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