Self Sovereign Identities Dezentrale Identitäten: Der Weg zur Selbstbestimmung 4.0

Moritz Draht

von Moritz Draht

Am · Lesezeit: 3 Minuten

Moritz Draht

Moritz Draht hat Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Konstanz studiert. Sein Krypto-Engagement widmet sich den Zusammenhängen zwischen soziokulturellen und technischen Entwicklungen.

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Digitaler Fingerabdruck

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Nicht zuletzt durch Corona verbringen mehr Menschen mehr Zeit im virtuellen Raum. Doch mit dem Digitalisierungsschub streckt auch die Datenkrake ihre Greifarme aus.

Die vielbeschworene digitale Wende blieb lange ein Allgemeinplatz. Dann kam ein Virus und von heute auf morgen haben sich Arbeitswelt und Privatleben in den Cyberspace verlagert. Digitalisierung ist keine Worthülse mehr, wir stecken mittendrin. Der Fingerabdruck, den wir dabei im Internet hinterlassen, wird zusehends größer, der Mensch immer gläserner und Big Data von Tag zu Tag „bigger“.

Ohne Gegenwehr wird das Tech-Quartett dieser Welt – Amazon, Facebook, Apple und Google – die digitalen Daumenschrauben nicht lockern. Der Umgang mit Daten als wichtigster Ressource im Informationszeitalter muss daher neu gedacht werden.

Das heikle Thema Datenspeicherung

Vor allem zwei Fragen brennen dabei auf den Nägeln, wie die Debatten um eine Vorratsdatenspeicherung und jüngst um die Corona-Warn-App gezeigt haben: Wie sollen Daten gespeichert und Nutzerrechte gestärkt werden? Zentrale Datensilos, von denen niemand weiß, wer auf welche Informationen und zu welchem Zweck Zugriff hat, ließen sich bei der Tracing-App noch gerade verhindern. Verbraucherschützer protestierten nicht grundlos: Je mehr Daten in wenigen Knotenpunkten zusammenlaufen, umso höher die Anfälligkeit für Datenmissbrauch.


Ein Riesenproblem, vor allem mit Blick auf Google und Co. So nennt auch die Bundesdruckerei den Umstand, dass sich die Internetkonzerne immer mehr Zugangsdaten durch ihre Plattformen und sozialen Netzwerke einverleiben, „eine kritische Entwicklung“. Kommen dann noch laxe Sicherheitsvorkehrungen hinzu, können schon mal Unmengen personenbezogener Daten in die Hände Dritter gelangen.

Zeig mir deine Knochen und ich sag dir wer du bist

Dass diese Bedrohung real ist, konnten Recherchen des Bayerischen Rundfunks vergangenes Jahr aufdecken. Mehrere Millionen Datensätze, darunter 13.000 aus Deutschland, lagen jahrelang frei zugänglich auf ungesicherten Servern – Name und Geburtstag sowie Röntgenbilder der Patienten inklusive. Damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt, müssen Konzepte für digitale Identitäten entwickelt werden, die die Privatsphäre der Verbraucher schützen.

Selbstsouveräne Identitäten

Ein solches Schlüsselkonzept sind „Self Sovereign Identities“ (SSI). Selbstsouveräne Identitäten legen die Kontrolle über Identitätsdaten in die Hände der Benutzer, die entscheiden, wer wann zu welchen Informationen Zugang hat – und wer nicht. Wie auch bei der Corona-WarnApp heißt das Zauberwort: Dezentralität.

Daten liegen in dezentralen Netzwerken nicht bei einem Anbieter gebündelt, sondern verteilen sich auf beliebig viele IT-Systeme. Da Hacker nicht nur einen, sondern zig Rechner gleichzeitig angreifen müssten, sind die Daten manipulationsresistent.

Die Dringlichkeit solcher Identitätslösungen steigt mit dem raschen Wachstum der Digitalwirtschaft. Industrie 4.0, Internet der Dinge und E-Health sind nur einige zukünftige Technologien, in denen uns sichere Authentisierungsverfahren vor Identitätsdiebstahl schützen können. Das haben auch die Gesetzgeber erkannt, die allmählich die Weichen für SSI-Lösungen stellen.

Politik öffnet Türen für dezentrale Technologien

Die EU fördert im Rahmen der Initiative „European Blockchain Service Infrastructure“ (EBSI) bereits Identitätskonzepte, von denen die ersten 2022 marktreif sein sollen. Auch die Bundesregierung unterstützt entsprechende Pilotprojekte im Rahmen des Förderprojekts „Schaufenster Digitale Identitäten“. Doch sowohl auf technischer wie regulatorischer Ebene sind noch einige Hürden zu nehmen.

Eine der größten Herausforderung besteht dem Digitalverband Bitkom nach darin, „Interoperabilität zwischen verschiedenen Identitätsanbietern und – technologien zu erreichen“. Dass die Big Techs ihre Datenmonopole jedoch freiwillig aus der Hand geben, ist äußerst unwahrscheinlich. Daran führt aus Verbrauchersicht aber kein Weg vorbei. Nur wenn sich die Internetriesen an die kurze Leine nehmen lassen, erhalten wir Datensouveränität und somit Selbstbestimmung 4.0.


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