Bofingers Bitcoin-Bashing Ex-Wirtschaftsweise lässt kein gutes Haar an Bitcoin

Christopher Klee

von Christopher Klee

Am · Lesezeit: 5 Minuten

Christopher Klee

Christopher Klee hat Literatur- und Medienwissenschaften sowie Informatik an der Universität Konstanz studiert. Seit 2017 beschäftigt sich Christopher mit den technischen und politischen Auswirkungen der Krypto-Ökonomie.

Zerstörte Bitcoin-Münze (3D-Illustration)

Quelle: Shutterstock

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Aus dem EX-Wirtschaftsweise Peter Bofinger wird so schnell wohl kein Hodler mehr. In einem Interview erneuerte er seine Bitcoin-Kritik. BTC – nichts als Spielgeld?

Der Ökonom Peter Bofinger kann Bitcoin noch immer herzlich wenig abgewinnen. Das Narrativ vom digitalen Gold fruchtet bei dem Ex-Wirtschaftsweisen nicht – für ihn ist Bitcoin nach wie vor Spielgeld, der Kursabsturz vorprogrammiert. Im Interview mit dem Nachtrichtensender n-tv begründet der 66-Jährige seine Bitcoin-Skepsis vor allem mit dem Umstand, dass es sich um ein rein digitales Asset handelt.

 Es ist immer noch nichts anderes als digitales Spielgeld. Die Gefahr, dass es implodiert, besteht weiterhin. Im Fall eines Vertrauensverlustes gibt es nichts, was eine solche Entwicklung bremsen könnte,


prophezeit Bofinger den Untergang der Kryptowährung. Und ignoriert dabei großzügig die Entwicklungen, die sich jenseits der Kursverläufe abgespielt haben. Offenbar konnte weder das deutlich gestiegene Engagement institutioneller Investoren noch die Krypto-Integration durch PayPal aus Bofinger einen Bitcoin-Fan machen.

Transparenz hilft bei Gulasch, nicht bei Geld

Die Blockchain-Technologie, die durch Bitcoin zu Weltruhm gelangte, taugt für den Würzburger Wirtschaftsweisen bestenfalls dazu, die Herkunft von Lebensmitteln nachzuvollziehen.

Wenn ich gefrorenen Hirschbraten aus Litauen kaufe, ist es gut zu wissen, wann wurde das Tier geschossen, wo wurde es verarbeitet, wann und wie transportiert, gab es Unterbrechungen in der Kühlkette. Aber für Währungen ist das nutzlos.

Wenn es um den Mammon geht, hält Bofinger Transparenz indes für hinderlich:


Die Blockchain hält für alle Zeit alle Transaktionen fest, die mit einem konkreten Zahlungsobjekt vorgenommen wurden. Wir wüssten etwa bei einem Zehn-Euroschein: Irgendwann wurde er von dieser Notenbank herausgegeben, dann von jener Bank an Frau Müller ausgezahlt, dann an jenen Händler gezahlt, usw. Diesen immer länger werdenden Rattenschwanz an Informationen trägt jeder Bitcoin mit sich herum. Wozu soll das gut sein? 

Fragt Bofinger, und die Frage soll an dieser Stelle nicht unbeantwortet bleiben.

Rattenschwanz: Kein Bug, sondern ein Feature

Die Transparenz der Bitcoin Blockchain ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Bitcoin ohne Mittelsmänner funktioniert. Damit sich ein dezentrales Finanznetzwerk organisieren kann, braucht es ein Hauptbuch (Ledger), auf das sich alle Netzwerkteilnehmer verständigen können. Dazu muss jeder einzelne Teilnehmer Einblick in dieses Hauptbuch nehmen können. Man spricht bei der Blockchain daher von einem verteilten Hauptbuch, woraus sich der englische Begriff der Distributed Ledger Technology (DLT) ableitet. In der Blockchain werden Transaktionen in Blöcken organisiert und bestätigt. Dabei bestätigt jeder neue Block gleichzeitig die Gültigkeit aller vorangegangen Transaktionen. Was Bofinger als „Rattenschwanz“ bezeichnet, ist vielmehr eine Stärke Bitcoins.

Bitcoin ≠ Shitcoin

Dass Dezentralität bei Bofingers Bitcoin Bashing offenbar keine Rolle spielt, darauf lässt seine Antwort auf die Frage des n-tv-Redakteurs schließen, ob Bitcoin-Kritiker schlichtweg vor der Komplexität von Kryptowährungen kapitulierten.

Ökonomisch ist das Prinzip doch sehr einfach. Jemand gibt ein Spielgeld heraus und bringt andere dazu, ihm dafür echtes Geld zu geben. Es ist dasselbe, als wenn ich jetzt ‘100 Bofinger’ auf einen Zettel schreiben würde und Menschen finde, die mir dafür 100 Euro geben, ohne dass ich ihnen gegenüber irgendeine Einlösungsverpflichtung habe.

Zwar hat Bofinger Recht damit, dass jedermann mit vergleichsweise wenig Aufwand einen Token kreieren kann. Der ERC-20-Standard von Ethereum macht’s möglich. Und bei den mittlerweile über 6.000 Coins und Token, die Kursseiten wie Coingecko aufführen, finden sich nicht wenige „Bofinger Coins“ – leere Versprechungen in Token-Form, die bisweilen auch unter dem Dachbegriff „Shitcoin“ firmieren.

Dabei ist es gerade Bitcoins Stärke, dass es keinen zentralen Herausgeber gibt – zu keinem Zeitpunkt hat Satoshi Nakamoto, der oder die anonyme(n) Bitcoin-Erfinder, einen Wechselkurs für BTC bestimmt. Dieser hat sich im Laufe der Zeit ergeben. Und zwar als Funktion aus Angebot und Nachfrage, wie es im freien Markt üblich ist. Neue Bitcoin werden mit jedem Block an denjenigen ausgeschüttet, der mit seiner Rechenleistung die Gültigkeit des Blocks bestätigt hat: den Miner.

Bitcoin ist Disinflationär

Freilich kann man nicht beliebig viele Bitcoin „schürfen“ – bei 21 Millionen Einheiten ist Schluss. Überdies erfolgt eine planmäßige Halbierung der pro Block geschürften BTC in regelmäßigen Abständen, nämlich alle 210.000 Blöcke (etwa alle vier Jahre). Sprich: Die Inflation von Bitcoin nimmt alle vier Jahre um 50 Prozent ab. Erst im Jahr 2140 wird das letzte Halving stattfinden und die 21 Millionen BTC-Grenze erreicht. Bitcoin ist disinflationär. Berücksichtig man BTC-Einheiten, die in den nächsten Dekaden – etwa durch verlorene Private Keys – unzugänglich werden, tendiert Bitcoin dazu, ein deflationäres Asset zu sein.

Bitcoin-Kritiker stellen gerne Zweifel darüber an, dass diese Obergrenze von 21 Millionen Einheiten wirklich so unabänderlich ist, wie von der Krypto-Community behauptet. Fakt ist: Jede Änderung am Bitcoin-Protokoll muss eine Mehrheit der Netzwerkteilnehmer (Holder, Miner, Exchanges, Full Nodes, etc) absegnen. Das geschieht, indem sich jeder Netzwerkteilnehmer individuell für die Node-Software entscheidet, die das Upgrade enthält. Mit dem stetigen Wachstum des Bitcoin-Netzwerks werden tiefschürfende Veränderungen wie eine Erhöhung des Gesamt-Supply zunehmend schwerer durchzusetzen sein.

Aufgewärmte Argumente

Derweil scheint Bofingers Bitcoin-kritische Haltung mindestens ebenso unverrückbar zu sein, wie das Supply-Limit des digitalen Goldes. Denn Bofinger hat sich bei BTC-ECHO bereits im April vergangenen Jahres ein Stelldichein gegeben. Schon damals setzte er ein großes Fragezeichen hinter den Nutzen der Blockchain-Technologie für Finanztransaktionen. Und schon damals sah Bofinger im Tracking von Lebensmitteln einen der wenigen sinnvollen Use Cases für die Technologie. Das einzige, was sich geändert hat, ist die Zubereitungsart des Fleisches, dessen Herkunft Bofinger überprüft sehen möchte:

Wenn ich beispielsweise Hirschgulasch aus Litauen kaufe, ist es interessant zu wissen, wo der Hirsch geschossen, auseinander genommen, eingefroren und gelagert wurde,

hieß es seinerzeit noch.

Peter Bofinger steht mit seiner aufgewärmten Bitcoin-Kritik freilich nicht alleine da. Erst vor wenigen Tagen hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine schärfere Regulierung von BTC angemahnt. Auch die obersten Deutschen Finanzaufseher von der BaFin haben Anleger zuletzt davor gewarnt, sich von explodieren Krypto-Kursen mitreißen zu lassen.

Den Bitcoin-Kurs haben diese Unkenrufe bislang herzlich wenig interessiert.


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