Zukunftsmusik Vitalik Buterin: “Dezentrale Governance muss auf das nächste Level”
Leon Waidmann

von Leon Waidmann

Am · Lesezeit: 5 Minuten

DeFi Vitalik Buterin

Quelle: PR/Flickr/TechCrunch

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Ethereum-Gründer Vitalik Buterin ist überzeugt, dass die Hauptaufgabe vieler Blockchain-Projekte in den nächsten Jahren darin besteht, von einer zentralen zu einer effektiven dezentralen Governance-Struktur zu wechseln – wie kann das gelingen?

Am 16. August hat Vitalik Buterin einen Beitrag veröffentlicht, in dem er sich eingehend mit der Governance von dezentralen Protokollen befasst hat. Der Ethereum-Gründer ist der Meinung, dass die bestehenden Verwaltungsmechanismen (Governance) fehlerhaft sind und insbesondere Protokollen aus den Decentralized Finance (DeFi) davon abhalten, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen.


Derzeit verwaltet die Mehrheit der DeFi-Projekte ihre Protokolle mit sogenannten Governance-Token. Beispielsweise können bei Uniswap die Inhaber von UNI-Token Vorschläge zu Protokolländerungen miteinbringen und darüber abstimmen, welche Upgrades implementiert werden sollen und welche nicht. Andere Beispiele für DeFi-Projekte, bei denen diese Governance-Mechanismen ähnlich ablaufen, sind Yearn Finance (YFI), Synthetix (SNX) und Compound (COMP). Aber auch außerhalb des Ethereum-Ökosystems gibt es eine Vielzahl von dezentralen Protokollen, die Governance-Entscheidungen treffen müssen. Egal, ob es um die Finanzierung von Infrastruktur, die Einführung eines Upgrades oder andere Verbesserungen gehe; Governance im DeFi-Space ist allgegenwärtig und essenziell für den Erfolg eines Projekts, so Vitalik Buterin.

Vitalik Buterin übt Kritik an dezentraler Governance

Immer wieder geraten DeFi-Projekte in die Kritik, weil sie es zulassen, dass bei Governance-Abstimmungen große Wale quasi im Alleingang bestimmen, was mit einem Projekt passiert. Viele klagen an, dass diese große Mengen an Governance-Token besitzen, mit denen sie ausschließlich Entscheidungen treffen, die ihrem eigenen Interesse dienen.

Darüber hinaus kann eine zu hohe Token-Konzentration dazu führen, dass Projekte Opfer von feindlichen Übernahmen werden. Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit für einen solchen Fall ist die Übernahme von Steem durch Tron. Gemeinsam mit mehreren Krypto-Börsen nutzte Tron eine große Menge an STEEM-Token dafür, um Entscheidungen innerhalb der dezentralen Plattform gezielt zu beeinflussen. Was genau sich damals ereignete, könnt ihr hier nachlesen.

Vitalik Buterin ist der Meinung, dass solche Angriffe auf dezentrale Anwendungen unvermeidbar sind und in der Zukunft eher zu- als abnehmen werden. Deshalb hält er es für wichtig, dass dezentrale Governance weiterentwickelt werden muss und über die derzeitig auf Governance-Token basierenden Abstimmungsprozesse hinausgehen muss.

Das Wichtigste, was heute getan werden kann, ist die Abkehr von der Vorstellung, dass Abstimmungen mit Governance-Token die einzige legitime Form der dezentralen Verwaltung von Protokollen ist.

Ansonsten gibt es laut Vitalik Buterin immer böswillige Akteure, die durch “Stimmenkauf” die Governance-Systeme von dezentralen Protokollen manipulieren. Aber welche Lösungsvorschläge hat das Ethereum-Mastermind für diese komplizierten Probleme?


“Dezentrale Governance muss auf das nächste Level”

In seinem Beitrag plädiert Buterin für die Erforschung von drei Governance-Systemen, deren Idee wir uns im Folgenden näher anschauen wollen:

1. Begrenzte Governance

Eine Möglichkeit, um die oben genannten Probleme zu lösen, wäre die Implementation von bestimmten im Code festgelegten Governance-Limitationen. Dadurch könnte man beispielsweise festlegen, dass bestimmte Eigenschaften eines dezentralen Protokolls ähnlich wie in einer Verfassung nicht verändert werden dürfen. Uniswap tut dies bereits, indem es der Governance nur erlaubt, über die Verteilung von UNI-Token und die Gebührenstruktur zu entscheiden. Eine weitere wäre die Implementation von Verzögerungen bei der Einführung eines neuen Upgrades. Eine zum Zeitpunkt T getroffene Governance-Entscheidung wird erst nach T + 90 Tagen wirksam. Dies ermöglicht es Nutzern und Anwendungen, die die Entscheidung für inakzeptabel halten, zu einer anderen Anwendung zu wechseln.

2. Governance ohne Token

Eine Weitere Option, die Buterin vorschlägt, ist es, gänzlich auf Governance-Token zu verzichten. Anstatt dessen könnte man auch ein Governance-System einzuführen, an dem lediglich Nutzer oder aktive Mitglieder einer dezentralen Anwendung teilnehmen dürfen. In einem solchen System würde jeder Nutzer eine Stimme erhalten, was “fairere” Abstimmungen ermöglicht. Zudem könnte man die Stimmen von äußerst aktiven Nutzern stärker gewichten als die von weniger aktiven Nutzer. Als Beispiel für Projekte, die sich mit solchen Governance-Systemen befassen, nannte Vitalik Buterin ProofOfHumanity und BrightID.

3. Skin in the Game Governance

Als dritten Ansatz schlägt Vitalik Buterin vor, die Regeln bei Abstimmungen selbst zu ändern, um das grundlegende Problem von auf Token-basierenden Governance-Systemen zu ändern.

Token-basierte Governance-Entscheidungen scheitern daran, dass die Wähler zwar kollektiv für ihre Entscheidungen verantwortlich sind, aber nicht jeder Wähler individuell für die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidung.

Derzeit sind bei Governance-Abstimmungen alle Wähler kollektiv für den Ausgang einer Entscheidung verantwortlich. Sollten daher alle eine schädliche Entscheidung treffen, fällt der Wert ihrer Token. Andererseits leiden diejenigen, die eine solche Entscheidung unterstützt haben, nicht mehr als diejenigen, die dagegen waren. Indem man diese Dynamik verändert und Einzelne für schlechte Entscheidungen bestraft, könnte man die Dynamik von Governance-Entscheidungen grundlegend verändern. Wähler wären so auch individuell und nicht nur kollektiv für ihre Entscheidungen verantwortlich.

Abschließend wies Vitalik Buterin darauf hin, dass die Governance von dezentralen Protokollen noch ganz am Anfang stehe. Aus diesem Grund solle sich die Community derzeit darauf konzentrieren, so viel wie möglich mit den verschiedenen Governance-Systemen zu experimentieren.


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