Nach dem Bitcoin-Kursabsturz auf rund 60.000 US-Dollar im Februar und zwei Monaten zäher Seitwärtsbewegung mehren sich die bullishen Vorzeichen. Michael Saylors BTC-Akkumulationsmaschine läuft auf Hochtouren, auch die Spot ETFs von BlackRock und Co. verzeichnen an einzelnen Tagen wieder Zuflüsse in dreistelliger Millionenhöhe. Die zittrigen Hände scheinen aus dem Markt gespült worden zu sein. Was bleibt, ist der harte Kern der Langzeit-Hodler. Haben wir den Bitcoin-Boden schon gesehen und dürfen jetzt auf eine echte Erholungsrallye hoffen? Noch zweifeln viele Experten. Wir haben in der eigenen BTC-ECHO Redaktion nachgefragt – mit einem kontroversen Ergebnis.
“Bitcoin wird gnadenlose Brutalität gegen Schönwetterinvestoren zeigen”
Redakteur Tobias Zander: Wohl kaum jemand hätte vor einem Jahr erwartet, dass ein ganzer Bitcoin heute weniger als 80.000 US-Dollar kosten würde. Doch obwohl der Vierjahreszyklus seine überoptimistischen Kritiker einholte – auch ich gehörte zu ihnen – fiel dieser Bärenmarkt bislang erstaunlich mild aus. Der Tiefpunkt am 6. Februar entsprach einer 53-prozentigen Korrektur gegenüber dem Allzeithoch von 126.000 US-Dollar.
Für Bitcoin-Hodler eigentlich keine große Nummer, mussten sie in vergangenen Zyklen doch Kursrückgänge von 80 Prozent und mehr verkraften. Ganz losgelöst von spezifischen On-Chain-Daten, Mustern im Chartbild, Zinssenkungsfantasien oder geopolitischen Krisenherden glaube ich daher: Das kann es noch nicht gewesen sein. Es fehlt noch ein letzter großer Schlag gegen kurzfristige orientierte Privatanleger, die jetzt frohen Mutes auf den fahrenden Bitcoin-Zug aufspringen.
Wenn die Kursentwicklung der Krypto-Leitwährung uns eine Sache wieder und wieder gezeigt hat, dann ist es gnadenlose Brutalität gegen Schönwetterinvestoren, die glauben, dass man mit Bitcoin “einfach” zu Wohlstand gelangen könnte. Deshalb erwarte ich, dass der BTC-Kurs vor einer nachhaltigen Erholungsrallye noch einmal leicht unter 60.000 US-Dollar rutschen wird – wenn auch nur für kurze Zeit. Für echte Überzeugungstäter heißt es dann mal wieder: “Kaufen, wenn die Kanonen donnern”.
“Strategy treibt den Bitcoin-Kurs weiter gen Norden”
Redakteur Johannes Dexl: Kurzfristig bleibt der Bitcoin-Kurs schwer zu greifen. Mittelfristig spricht für mich aber sehr vieles für steigende Kurse. Das valide Risiko durch Quantencomputer wurde bereits stark eingepreist und Onchain-Metriken deuten darauf hin, dass sich ein Boden gebildet hat. Ein wichtiger Treiber wird STRC bleiben, die Vorzugsaktie von Strategy. Diese bietet aktuell 11,5 Prozent Rendite und hat einen Soft Peg bei 100 US-Dollar.
Wird die Aktie darüber gehandelt, kann Strategy neue STRC in den Markt geben und so frisches Kapital einsammeln, das wiederum für Bitcoin-Käufe genutzt wird. In den kommenden drei Wochen wird das STRC-Handelsvolumen kontinuierlich ansteigen, je näher der nächste Dividendenstichtag Mitte Mai rückt. Strategy dürfte damit erneut zu einem massiven Bitcoin-Käufer werden und die Kryptowährung weiter gen Norden treiben.
“Glaube nicht, dass ein neuer Bullenmarkt unmittelbar bevorsteht”
Redakteur Daniel Hoppmann: Kurzfristig sieht es nach Erholung aus, wie verschiedene Indikatoren deutlich zeigen. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass sich Trump im Nahen Osten deutlich verkalkuliert hat und nun in bester TACO-Manier versucht, schnell aus dem Konflikt rauszukommen. Allerdings trübt sich mittelfristig das Bild für mich etwas.
Zum einen dürften wir in den kommenden Monaten beobachten, wie die Inflationseffekte im Zuge des Irankriegs deutlicher durchschlagen und damit auch tendenziell die Fed auf den Plan rufen. Zum anderen sehe ich die Zwischenwahlen in den USA noch als mögliches Event, das die Krypto-Kurse gen Süden befördern könnte. In Umfragen liegen die Republikaner hinter den Demokraten – und Letztere sind auch dank Trumps eigener gewinnorientierter Handlungen nicht wirklich gut auf Krypto zu sprechen.
Gerade mit Hinblick auf den Clarity Act – von dem ich nicht erwarte, dass er noch vor den Midterms den Senat passiert – könnte es hier zu unangenehmen Überraschungen für die Industrie kommen, die Bitcoin im Zweifel auch unter die 70.000 US-Dollar zurückdrücken dürften. Dass wir jedoch nochmal die Tiefs aus dem Februar sehen, glaube ich nicht, ebensowenig, dass nun ein neuer Bullenmarkt unmittelbar bevorsteht. Dafür ist die wirtschaftliche und geopolitische Lage aus meiner Sicht zu angespannt.
“Bitcoin erscheint weiterhin deutlich unterbewertet”
Chefredakteur Sven Wagenknecht: Vieles spricht dafür, dass Bitcoin das Schlimmste hinter sich hat. Die Stimmung am Markt ist derart schlecht, dass ein Großteil der Zweifler bereits verkauft hat. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Bitcoin ein Makro-Asset ist und entsprechend sensibel auf geopolitische Entwicklungen reagiert. Sollten sich die Inflationssorgen im Zuge des Iran-Konflikts bestätigen, sind kurzfristige Rücksetzer durchaus realistisch.
Ein Risiko wird dabei oft unterschätzt: die zunehmende Verwundbarkeit des DeFi-Sektors. Fortschritte im Bereich künstlicher Intelligenz erleichtern es Angreifern, Schwachstellen in Lending-Protokollen, Bridges oder DEXs gezielt aufzuspüren. Größere Hacks könnten das Vertrauen in den Markt erschüttern und auch Bitcoin belasten.
Doch selbst diese Faktoren ändern nichts am übergeordneten Bild. Bitcoin erscheint weiterhin deutlich unterbewertet. Die globale Verschuldung entwickelt sich zunehmend unkontrolliert, während tragfähige Gegenmechanismen fehlen. Genau hier liegt die strukturelle Stärke von Bitcoin – als knappes, nicht manipulierbares Asset gewinnt es in diesem Umfeld eher an Bedeutung als umgekehrt.

