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Kryptokritikerin im Interview Molly White: “Das Web3 ist reines Marketing”

Molly White ist die Krypto-Kritikerin Nr. 1 weltweit. Warum hält sie das Web3 für Bullshit? Und lässt sich etwas davon retten? Ein Interview.

Giacomo Maihofer
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Molly White

Beitragsbild: BTC-ECHO

| Krypto-Kritikern Molly White im BTC-ECHO-Interview.

Molly White ist einer der berühmtesten Web3- und Krypto-Kritikerinnen der Welt. Seit einem Jahr listet sie täglich mit viel Humor die Hacks und Scams im Space auf ihrem Blog “Web3 is going just great” (“Im Web3 läufts einfach super”) auf. Nebenher analysiert sie das Geschehen der Branche auf ihrem eigenen Substack. Als Expertin wird sie von Bloomberg, dem Wall Street Journal und Co. aufgesucht. Auf dem Web Summit in Lissabon hielt sie einen Vortrag: “Is Web3 Bullshit?”. Wir haben mit der 29-jährigen Programmiererin gesprochen. Ein Porträt lest ihr in Kürze.

BTC-ECHO: Du hast sehr früh mit dem Schreiben auf Wikipedia angefangen. Jetzt bist du eine der bekanntesten Wikipedianerinnen. Wie hat diese Erfahrung deine Sicht auf das Internet und Gemeinschaften geprägt?

Molly White: Es hat mich zur Idealistin gemacht. Wikipedia hat mir dabei geholfen, den Wert einer sich selbst verwaltenden Gemeinschaft zu erkennen. Und auch gezeigt, dass Menschen bereit sind, etwas beizutragen, das ihnen wichtig ist, selbst wenn ihnen kein Geld oder Status bringt. Ich bin dadurch auch zu einer Person geworden, die einfach Listen und Dokumente liebt.

Was ist dein Lieblings-Wikipedia-Artikel?

Ich mag all die wirklich seltsamen Artikel, die wie Listen von Listen sind. Ich liebe es, wenn man merkt, da ist jemand, der sich für ein total esoterisches Thema interessiert und hat da wahnsinnig viel Arbeit reingesteckt, beispielsweise über irgendein Druckerzeugnis aus vergangenen Jahrhunderten.

Würdest du sagen, dass Wissensdurst deine Hauptmotivation ist?

Es geht mir mehr um das Bedürfnis, Wissen verfügbar zu machen. Mir ist offener Zugang zu Informationen wirklich wichtig. Ich hasse Paywalls. Deshalb stelle ich meine Sachen umsonst ins Netz, ob Texte oder Talks. Ich bin einfach eine sehr neugierige Person.

Wie verdienst du dann Geld?

Jetzt gerade habe ich ein Stipendium des Innovation Lab der Harvard-Bibliothek bekommen. Das geht für ein Jahr. Vorher verdiente ich mein Geld als Softwareentwicklerin. Das Schreiben war meine Nebentätigkeit.

Podcast

Du hast deine Webseite “Web3 is going just great” letztes Jahr gestartet. Was bedeutet das Web3 für dich heute?

Es ist pures Marketing. Die Leute konnten das Wort Krypto nicht mehr hören, also fing man an, ihnen das Web3 zu pitchen. Sie wollten ein neues Argument dafür haben, warum Krypto etwas wert ist – und im Preis steigt. “Du musst auf jeden Fall einsteigen.” Und dieses Marketing war sehr erfolgreich. Es wird nicht einfach als eine Technologie, die man benutzen kann oder auch nicht. Sondern: das nächste große Ding. Das nervt mich am meisten.

Dezentral organisiert, Open Source, frei und privat: Das sind einige der Kernversprechen des Web3. Kannst du dich damit nicht identifizieren?

Natürlich kann ich das. Aber für Dezentralisierung braucht es keine Blockchain. Das erste Web war dezentral und Open Source. Blockchains sind oft in einem technischen Sinne dezentral. Heißt: Ethereum läuft auf unterschiedlichen Computern, überall auf der Welt verteilt. Wenn man so denkt, könnte man das Argument machen: Auch Amazon Web Services ist dezentral, denn die Datencenter sind über die ganze Welt verteilt. Das macht natürlich niemand. Wenn wir gewöhnlich von Dezentralisierung sprechen, dann meinen wir Machtverhältnisse. Da gilt für Krypto dasselbe wie für Amazon. Die meisten Netzwerke sind in diesem Hinblick nicht dezentral, oft nicht einmal im technischen Sinne.

Gibt es irgendwas am Web3, das sich für dich retten lässt?

Ich glaube, viele Menschen im Web3 haben gute Intentionen, wir teilen viele Ziele. Mir gefällt auch nicht, dass das Internet von fünf Unternehmen kontrolliert wird, die überall deine Daten ausbeuten. Die guten Leute im Web3 sollten ihren Traum weiter jagen, aber sich nicht zu sehr an die Technologie der Blockchain klammern.

Wenn Blockchain nicht die Lösung unserer Probleme ist, was dann?

Das Internet ist für mich nur eine Reflexion gesellschaftlicher Probleme. Die Leute fühlen sich sehr voneinander abgeschottet. Es herrscht diese “Jeder für sich selbst”-Mentalität. Die Lösungen für unsere Probleme sind nicht Technologien. Sie können vielleicht ein Teil davon sein. Doch wir müssen hier an die Wurzeln gehen und das sind Dinge wie ökonomische Instabilität und soziale Ungleichheit und ganz ehrlich, die Tatsache, dass viele Menschen ihren Regierungen nicht mehr trauen. Wir sollten uns fragen: “Was können wir tun, um uns gegenseitig zu helfen?” Und nicht ausrufen: “Holt euer Bitcoin und dann staked die verdammten Sats.”

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