Skalierung, Sicherheit und die Zukunft von Rollups 

Ethereum Identitätskrise: Vitalik stellt Layer-2s infrage

Ethereum stellt seine eigene Skalierungsstrategie infrage. Vitalik Buterin rüttelt am bisherigen Layer-2-Narrativ und verschiebt den Fokus zurück auf das Mainnet. Warum das eine Identitätskrise auslöst und was sie für Rollups, Nutzer und Investoren bedeutet.

Timur Yildiz
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Das Gesicht von Ethereum-Gründer Vitalik Buterin ist neben einem Smartphone zu sehen, auf dem das Ethereum-Logo abgebildet ist

Beitragsbild: Shutterstock

| Vitalik Buterin stellt die bisherige Rolle von Layer-2-Netzwerken im Ethereum-Ökosystem grundsätzlich infrage

Ethereum galt jahrelang als Paradebeispiel für eine rollup-zentrierte Skalierungsstrategie. Während das Mainnet bewusst schlank gehalten wurde, sollten Layer-2-Netzwerke den Großteil der Transaktionen übernehmen. Nun stellt Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin dieses Grundnarrativ offen infrage. In ungewöhnlich klaren Worten erklärt er: Die ursprüngliche Rolle der Layer-2-Netzwerke “ergibt so keinen Sinn mehr”. Damit stößt er eine Debatte an, die weit über technische Details hinausgeht und die Identität Ethereums selbst betrifft. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Erstmals seit Jahren stellt Ethereum selbst infrage, ob die eigene Skalierungsstrategie noch zur Realität des Netzwerks passt.


Was Ethereum-Scaling laut Vitalik wirklich bedeutet

Im Zentrum von Buterins Kritik steht eine präzise Definition. Ethereum-Scaling, also die Skalierung des Netzwerks, bedeute nicht einfach mehr Transaktionen pro Sekunde, sondern die Schaffung von Blockspace, der “durch die volle Glaubwürdigkeit Ethereums abgesichert ist”. Gemeint sind Garantien wie die Validität von Transaktionen, Zensurresistenz sowie Finalität.

Systeme, die zwar hohe Transaktionszahlen liefern, deren Verbindung zu Ethereum jedoch über Multisig-Bridges oder zentrale Sequencer vermittelt wird, erfüllen diese Kriterien nicht. Sie skalieren aus Buterins Sicht nicht Ethereum selbst, sondern schaffen eigenständige Chains mit lediglich optionaler Anbindung an das Ethereum Mainnet.

Warum Ethereum Layer 1 wieder ins Zentrum rückt

Diese Neubewertung fällt nicht zufällig. Zwei Entwicklungen verändern die Ausgangslage grundlegend. Erstens hat Ethereum in den vergangenen Monaten spürbar an Kapazität gewonnen. Niedrige Gebühren sind nicht mehr Ausnahme, sondern Normalzustand. Gleichzeitig diskutieren Entwickler deutliche Gaslimit-Erhöhungen für voraussichtlich dieses Jahr.

Zweitens entlasten Verbesserungen bei der Datenverfügbarkeit das Mainnet, da Rollups ihre Transaktionsdaten effizienter auf Ethereum bereitstellen können. Damit verliert das ursprüngliche Kostenargument zugunsten von Layer-2-Netzwerken an Gewicht.

Die Daten zeigen: Die Zahl aktiver Ethereum-Adressen ist zuletzt deutlich gestiegen und liegt aktuell bei rund fünfzehn Millionen. Nutzer kehren offenbar verstärkt auf Layer 1 zurück, sobald volle Sicherheitsgarantien und niedrige Transaktionsgebühren gleichzeitig verfügbar sind.

Native Rollups: Der eigentliche Wendepunkt

Der wichtigste Punkt in Buterins neuer Argumentation ist die Idee eines sogenannten “native rollup precompile”, also einer fest im Ethereum-Protokoll verankerten Rollup-Prüffunktion.

Dabei geht es um eine Protokoll-Komponente, mit der Ethereum selbst Zero-Knowledge-EVM-Beweise verifizieren kann. Diese Verifikation wäre Teil des Ethereum-Protokolls, würde automatisch mit Upgrades aktualisiert und im Fehlerfall per Hard Fork korrigiert.

Damit würde eine zentrale Schwachstelle vieler heutiger Rollups entfallen: die Abhängigkeit von Security Councils und administrativen Notfallmechanismen. Ethereum würde selbst zum letzten Verifikationsanker.

Based Rollups und synchrone Komponierbarkeit

Parallel dazu skizziert Buterin eine neue Rollup-Architektur, die sogenannte Based Rollups mit Preconfirmations kombiniert. Gemeint ist ein Ansatz, der schnelle Transaktionsbestätigungen ermöglicht, ohne dabei die enge Anbindung an Ethereum aufzugeben. Ziel ist es, niedrige Latenz mit synchroner Komponierbarkeit zwischen Layer 1 und Layer 2 zu verbinden.

Konkret sollen Sequencer weiterhin schnelle Transaktionsblöcke bereitstellen, während am Ende eines Slots ein sogenannter “based block” direkt auf Ethereum verankert wird. Dadurch könnten Anwendungen in einem einzigen Ablauf sowohl auf Liquidität auf Layer 1 als auch auf Layer 2 zugreifen – etwas, das bislang nur eingeschränkt möglich ist.

Gleichzeitig verschweigt Buterin die Grenzen dieses Ansatzes nicht. Das Modell setzt voraus, dass Layer-2-Netzwerke Reorganisationen des Ethereum-Mainnets mittragen können, ist nicht automatisch permissionless und benötigt zusätzliche Schutzmechanismen, um Transaktionen im Zweifel auch ohne Zustimmung eines Sequencers zuverlässig in die Blockchain einzubringen.

Die Realität der Layer-2-Reife

Ein Blick auf L2Beat zeigt, wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen.

Arbitrum, Base und Optimism zählen zwar zu den größten Rollups nach gesichertem Kapital, verbleiben jedoch in Stage 1. Das bedeutet: Nutzer können je nach Rollup im Ernstfall zwar aussteigen, zentrale Eingriffsmöglichkeiten – etwa durch Security Councils und teils kurzfristige Protokoll-Upgrades – bestehen jedoch weiterhin.

Vollständig autonome Stage-2-Rollups sind bislang die Ausnahme und meist auf Nischen- oder Appchains beschränkt. Genau diese langsame Reifeentwicklung nennt Buterin als einen der Hauptgründe für seine Neubewertung.

Nutzung und Kapital – ein Spannungsverhältnis

Ökonomisch sind Layer-2-Netzwerke weiterhin hochrelevant. Rund 32 Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten sind aktuell über Ethereum-Rollups abgesichert. Auch die aggregierte Ausführungsaktivität über alle Ethereum-Rollups liegt deutlich über der des Ethereum-Mainnets – gemessen in Benutzeroperationen (UOPS) um rund den Faktor 100.

Doch hohe Nutzung ersetzt aus Buterins Sicht keine strukturellen Sicherheitsgarantien. Die Trennung zwischen Ausführungslast und finaler Absicherung wird zunehmend als Problem wahrgenommen und nicht als Lösung.

Was das für Ethereum und Investoren bedeutet

Für Ethereum selbst bedeutet der Kurswechsel eine Rückbesinnung auf die eigene Basis. Layer 1 wird nicht mehr nur als Abwicklungsinstanz verstanden, sondern erneut als aktiver Skalierungsträger.

Für Layer-2-Projekte verändert sich das Narrativ grundlegend. Skalierung allein reicht nicht mehr aus, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Künftig müssen Rollups klar definieren, welchen zusätzlichen Mehrwert sie liefern – etwa durch spezialisierte Anwendungen, Datenschutz oder neue Ausführungsmodelle. Für Investoren heißt das: Die Wertschöpfung verschiebt sich. Während Ether von einer stärkeren Rolle des Mainnets profitieren könnte, stehen viele L2-Token vor der Frage, ob ihr Nutzen über das bloße “Billiger-als-L1” hinausgeht.

Ethereum beendet nicht die Ära der Layer-2-Netzwerke, aber es beendet das Dogma, dass sie der einzige Weg zur Skalierung sind. Vitalik Buterins Neuausrichtung markiert einen Identitätswechsel: Weg von ausgelagerter Ausführung, hin zu einem stärkeren, eigenständig skalierenden Mainnet. Parallel denkt Buterin auch über tiefgreifende Änderungen am Ethereum-State nach, um langfristig deutlich mehr Skalierung direkt auf Layer 1 zu ermöglichen – ein weiteres Signal, dass Ethereum seine Zukunft zunehmend im eigenen Protokoll sucht. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Ethereum diesen Anspruch einlösen kann. Sicher ist nur: Die Rollen im Ökosystem werden neu verteilt.

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Quellen:

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