Den Beziehungsstatus zwischen Wikipedia und Bitcoin könnte man schon länger als schwierig bezeichnen. Über die Jahre hat man sich immer weiter auseinandergelebt, das Feuer der frühen Tage scheint erloschen. Nach einer Liebeserklärung klingen auch die jüngsten Äußerungen des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales nicht. Bitcoin habe nicht nur “als Währung”, sondern auch “als Wertanlage völlig versagt”. Die Kryptowährung verliere in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung – und schließlich auch dramatisch an Wert. Aber Kopf hoch: “Wer glaubt, dass Bitcoin auf null fallen wird, irrt sich wahrscheinlich”, beruhigt Wales. Angesichts seiner vernichtenden Prognose ist das aber nur ein kleiner Trost.
Bitcoin und Wikipedia: Eine On-Off-Beziehung
Wikipedia und Bitcoin waren anfangs so etwas wie “Partner in Crime”: dezentral, Open Source, communitygetrieben, misstrauisch gegenüber zentralen Autoritäten. Für Millionen Menschen war der Wikipedia-Artikel über Bitcoin der erste Zugang zu dem Thema – bis heute zählt er zu den meistaufgerufenen Finanz- und Technologiethemen der Plattform. Wikipedia spielte auch eine kleine Rolle in der Adoptionsgeschichte der Kryptowährung. Ab 2014 akzeptierte die Wikimedia Foundation Bitcoin-Spenden. Da war die Welt noch in Ordnung.
Doch das ist lange her. Heute ist die Beziehung abgekühlter. 2022 stellte Wikimedia nach interner Debatte Bitcoin-Spenden wieder ein. Offiziell aus Umwelt- und Reputationsgründen. Hin- und hergerissen auch das Verhältnis von Jimmy Wales zu Krypto. 2021 verkaufte er seinen ersten Wikipedia-Eintrag als NFT für 750.000 US-Dollar. Nicht nur schwer vorstellbar, dass er dafür heute noch einmal so viel Geld bekommen würde. Auch Wales, der schon immer gerne Spitzen verteilte, scheint sich von der Krypto-Bubble immer weiter entfremdet zu haben.
“Nicht das dominierende Geld der Zukunft”
Anders lässt sich die jüngste Tweet-Serie des Wikipedia-Gründers zur Zukunft der Kryptowährung jedenfalls nicht interpretieren. Zunächst aber die gute Nachricht: Bitcoin wird nicht untergehen – immerhin. “Wer glaubt, dass Bitcoin auf null fallen wird, irrt sich wahrscheinlich”, so Wales. “Das Design ist so robust, dass es auf Dauer bestehen bleiben wird”.
Doch damit genug der warmen Worte, was folgt, ist eine gnadenlose Abrechnung. “Was jedoch passieren kann, ist ein Preisverfall auf ein Niveau, das für Hobbybastler akzeptabel ist. Da es als Währung, als Wertanlage usw. völlig versagt hat, wird es nicht das dominierende Geld der Zukunft werden. Daher würde ich ein Kursziel für 2050 von unter 10.000 Dollar vorschlagen. Möglicherweise sogar noch viel weniger”.
Alles wieder auf Anfang?
Das ist nicht unbedingt Musik in den Ohren der Bitcoiner. 2050: Sollte die Kryptowährung da nicht längst die Millionenmarke hinter sich gelassen haben? Doch Wales hat nicht einfach ein paar Nullen vergessen. Er malt eine Zukunft, in der sich Krypto schlicht nicht durchgesetzt hat: der Hype nimmt ab, die Nutzung flacht ab, “das öffentliche Interesse lässt weiter nach”. Und so stünde Bitcoin nach langer Reise und einigen Achterbahnfahrten schließlich wieder am Anfang: als Internet-Spielgeld für Nerds.
Es handelt sich keineswegs um eine erfolgreiche Währung. Es ist bestenfalls ein spekulatives Anlageobjekt. KI-Bots setzen Kryptowährungen nicht in nennenswertem Umfang ein.
Entsprechend gibt Wales noch einen aus seiner Sicht gut gemeinten Rat mit auf den Weg: “Wenn Sie im Leben gute Entscheidungen treffen wollen, sollten Sie vorsichtig sein, wenn Sie sich von einem Hype mitreißen lassen, der Sie anspricht. Vielleicht wäre es schön, wenn das wahr wäre, aber das ist es nicht”.
Alles oder nichts
Eingefleischte Bitcoiner werden sich von solchen Aussagen kaum vom Kurs abbringen lassen. Mit Bitcoin kann es schließlich immer nur weiter bergauf gehen. Doch wenn man ehrlich ist: Dafür gibt es genauso gute Gründe wie für die Prognose von Wales. Mit denen ist es ohnehin wie mit Wettervorhersagen: Am Ende kommt es meist anders. So lässig die Sonnenbrille auch sitzt, ein Regenschirm für den Notfall hat selten geschadet.
Es sei denn, man vertraut auf das andere Extrem. Vermögensverwalter VanEck hat für 2050 schließlich eine ganz andere Bitcoin-Rechnung aufgestellt. 2,9 Millionen US-Dollar pro Coin – wenn es schlecht läuft. Im “Ultra-Bull-Case” soll ein Bitcoin dann 53 Millionen US-Dollar wert sein. Was realistischer ist – ein von Wales erwarteter Kursrückgang um 85 Prozent oder ein von VanEck prognostizierter Anstieg um mehrere Tausend Prozent –, muss am Ende jeder selbst entscheiden.
