Blick auf die Zahlen  

Abschaffung der Haltefrist – eine irreführende Debatte?

Die Diskussion um die Abschaffung der einjährigen Haltefrist für Kryptowährungen gewinnt an Fahrt. Steuerexperte Matthias Steger hält die Argumente jedoch für fragwürdig.

Matthias Steger
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Bundesfinanzminister Lars Klingbeil

Beitragsbild: picture alliance

| Bundesfinanzminister Lars Klingbeil liebäugelt mit der Abschaffung der Haltefrist

Der folgende Beitrag gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder. Matthias Steger ist Steuerberater, Betreiber von bitcoin-steuerberater.de und Vizepräsident des Steuerberaterverbands Berlin-Brandenburg e. V.

Warum wird die Debatte erneut geführt?

Die Debatte um die Abschaffung der Haltefrist führe ich nicht zum ersten Mal. Jedoch gibt es zum ersten Mal Begehrlichkeiten, angeblich geht es um Steuervorteile in Milliardenhöhe – die Besteuerung sei nicht mehr zeitgemäß.

Wer sich zurückerinnert: schon einmal kam aus Frankfurt ein Weckruf ins Bundesfinanzministerium. Zu den Gewinnen 2017 (erster großer Bullrun) warf man dem Bundesfinanzminister vor, seinen Job nicht richtig zu machen.

Nun erneut der Vorwurf, dass der Bundesfinanzminister es zulässt, dass 97 Prozent aller Krypto-Gewinne nicht oder nicht korrekt versteuert werden. Angeblich seien 47,3 Milliarden Gewinn in 2024 angefallen und zwei Drittel davon laut Gesetz steuerfrei. Das sei “ungerecht”.

Was könnte hier eine Täuschung sein?

Auf der Webseite findet sich eine interaktive Grafik mit verschiedenen Modellen und
Parametern. Ausgangslageparameter: 47,3 Mrd. Gewinn, 33 Prozent Steuerpflicht, 30 Prozent Steuerehrlichkeit. Die vereinnahmten Steuern betragen laut Grafik 4,68 Mrd. Euro. So viel haben die ehrlichen Steuerzahlen somit angeben und dann fehlen noch 10,9 Mrd. Euro, die nicht oder nicht korrekt deklariert werden. Ob das stimmt, weiß leider niemand.

Der Bundesfinanzminister und die Finanzverwaltung müssten also gemäß verfassungsmäßigem Auftrag dafür sorgen, dass die 10,9 Milliarden durch Nichterklärung oder falsche Erklärung erhoben werden. Da sind wir uns alle einig, Steuerhinterziehung ist nicht akzeptabel.

Würde man nun in Szenario 2 schauen, also die Haltefrist für die Zukunft abschaffen und eine Abgeltungssteuer einführen, würden bei 100 Prozent Steuerehrlichkeit nur 8,5 Milliarden Euro an Steuern anfallen. Dies sind rund 40 Prozent mehr als in der Ausgangslage, aber tatsächlich rund 7 Milliarden weniger, als der Status quo dem Bundesfinanzminister für den Haushalt einbringen würde.

In der Grafik wirkt Szenario 2 auf den ersten Blick deutlich attraktiver als der Status quo. Die Darstellung wirft jedoch Fragen auf: Warum erscheint der Balken darin größer, obwohl die zugrunde gelegten Einnahmen im Status quo rechnerisch höher ausfallen würden? Diese grafische Aufbereitung könnte leicht den Eindruck erwecken, dass die Reform fiskalisch vorteilhafter wäre, als sie tatsächlich ist.

Gerade deshalb sollten die Annahmen hinter den Berechnungen transparent offengelegt und kritisch hinterfragt werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die tatsächlichen Auswirkungen auf das Steueraufkommen unterschätzt werden.

Wer würde von “Szenario 2” profitieren?

Das Modell 2 der Gleichbehandlung würde “Zocken”, also Spekulationen innerhalb der Haltefrist, begünstigen und “HODLen”, also langfristiges Sparen und Investieren, bestrafen.

Bisher zahlt der Zocker bis zu 45 Prozent Einkommensteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer, also insgesamt knapp 50 Prozent Steuern. Die Neuregelung würde dies auf 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer senken und damit einen Steuernachlass von knapp 50 Prozent bewirken.

Der langfristige Anleger zahlt bisher keine Steuern, wenn er die Token länger als ein Jahr hält. Für alle kurzfristig verkauften Token zahlt er natürlich ebenfalls Steuern – genauso wie auf sein Gehalt oder seine Rente. Die Neuregelung müsste die bisher aufgelaufenen steuerfreien Gewinne verfassungsrechtlich zwingend steuerfrei belassen. Daraus würden dem Fiskus auch künftig keine zusätzlichen Steuereinnahmen zufließen.

Neue Investitionen würden nach dem österreichischen Modell (so die Gerüchte) mit der Abgeltungssteuer besteuert, also mit 25 Prozent. Der HODLer würde seine Token weiterhin nicht verkaufen, sodass daraus keine Steuern in den Haushalt fließen. Das erklärt den Rückgang des Steueraufkommens von Szenario 1 zu Szenario 2: Die Steuerlast der Zocker würde um rund 50 Prozent sinken, darüber hinaus verändert sich wenig.

Österreich zeigt mit knapp 34 Millionen Euro Steuereinnahmen aus Krypto im Jahr 2024, dass diese Form der Abgeltungssteuer gegenüber dem Status quo keine Mehreinnahmen bringt.

Gibt es eine solide Datenbasis für die Modellberechnungen?

Als Quelle des Modells wird die BlockPit Studie aus 2024 benannt. Diese hat im April 2025 die Daten des Jahres 2024 von 10.000 BlockPit Accounts verarbeitet und ausgewertet. Spannend dabei, dass die Einreichungsfrist für die Steuererklärung 2024 mit Steuerberater erst im April 2026 endete. Dies bedeutet, dass die verwendeten Daten gar nicht final überprüft wurden und schon gar keine Aussagen über die Höhe der Gewinne geben können. Der BlockPit CEO Florian Wimmer hat mittlerweile angekündigt, dass es keine Fortsetzung dieser Veröffentlichung geben wird – die Zahlen sind nicht valide, um als Basis für wissenschaftliche Studien oder gar eine Steuerschätzung zu dienen.

Hat die Finanzverwaltung nicht konkrete Zahlen?

Seit 2023 hat die deutsche Finanzverwaltung einen kompletten Überblick durch die neue Anlage SO, wo Einkünfte mit virtuellen Werten in zwei Rubriken (Sonstige Einkünfte nach § 22 Nr. 3 EStG und Spekulationseinkünfte nach § 23 EStG) gesondert erfasst werden. Diese Daten könnte die Finanzverwaltung auswerten, bevor man ein neues Gesetz erlässt.

Die Steuereinnahmen 2023 stehen fest, die Daten sind in den Rechenzentren der Finanzverwaltung gespeichert. Es wäre fair, wenn man diese Daten auswertet und erkennt, auf wie hohe Steuereinnahmen man verzichten würde.

Was hat DSC8 und CARF damit zu tun?

Die Finanzverwaltung kann ab 2026 alle Krypto-Anleger auf Steuerehrlichkeit überprüfen – 100 Prozent Steuerehrlichkeit sind zum Greifen nah. Warum sollte man jetzt ein aufwendiges Kapitalertragsteuerverfahren einführen, Dienstleister zwingen mit dem Kunden alle “Kaufdaten” mit jedem Transfer mitzuteilen und ein Bürokratiemonster zu bauen, wenn man doch ab 2026 alle “Sünder” erwischt?

Was ist mit den Verlustjahren?

Bisher sind Verluste nicht mit anderen Einkünften (auch nicht Dividenden) verrechenbar. Das würde sich durch die Neuregelung ändern und der Staat würde statt Mehreinnahmen sogar bisher sicher planbare Steuereinnahmen verlieren.

Fazit

Wenn die Finanzverwaltung mit DAC8 und CARF gegen Steuerhinterziehung im Kryptobereich vorgeht, wären in der Modellrechnung knapp 7 Milliarden höhere Steuereinnahmen in 2024 angefallen als durch die geplante Gesetzesänderung.

Dank DAC8 und CARF ist eine extrem hohe Steuerehrlichkeit ab 2026 sichergestellt – man sollte erst einmal abwarten, Daten erheben und auswerten, bevor man alle Steuerzahler mit einer nicht validen Neuregelung bestraft. Die neu entstehende Lücke muss jeder Arbeitnehmer und Rentner bezahlen, bei 7 Milliarden “Fehler” in der Grafik wäre das fatal, auch wenn die echten Zahlen vermutlich deutlich kleiner ausfallen.

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