Facebook-Coin: Wird die Marktkapitalisierung von Libra über der von Bitcoin liegen?

Quelle: Shutterstock

Facebook-Coin: Wird die Marktkapitalisierung von Libra über der von Bitcoin liegen?

In diesem Gastartikel erläutern Prof. Dr. Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management, sowie seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Jonas Groß und Felix Bekemeier, welche Marktkapitalisierung von dem Facebook-Coin Libra erreicht werden kann. Warum Libra höher bewertet sein kann als Bitcoin und welche Rolle hierbei Staatsanleihen spielen.

In diesem Artikel legen wir dar, dass Libra quasi über Nacht zu den Top 3 der Kryptowährungen gehören würde. Stand heute (Ende Juni 2019) ist der Bitcoin mit 190 Milliarden US-Dollar kapitalisiert. Es kann davon ausgegangen werden, dass – je nach Annahmen – Libra recht zügig in Q1 2020 eine Marktkapitalisierung in Höhe von 250 Milliarden US-Dollar erreichen würde. Dadurch würde Libra ebenfalls relativ kurzfristig zu einem bedeutenden Käufer von Staatsanleihen werden, denn Libra müsste in großen Volumina Finanzanlagen wie Staatsanleihen erwerben, um die Deckung der Libra Token sicherzustellen.

Die Rolle von Staatsanleihen für Libra

Libra ist als Stable Coin konzipiert und wird durch Finanzanlagen, den sogenannten Libra-Reserven – bestehend aus Bankeinlagen und kurzfristigen Staatsanleihen, die von stabilen Volkswirtschaften ausgegeben werden – gestützt, um die Volatilität zu verringern und das Vertrauen zu fördern.

In der öffentlichen Diskussion um Libra wurde bisher zumeist übersehen, dass die Libra Association somit zu einem großen Nachfrager am Markt für Staatsanleihen werden könnte. Jeder Libra Token muss von der Libra Association gedeckt werden: durch Bankeinlagen oder kurzfristige Staatsanleihen. Angenommen, es würden 250 Millionen Menschen zu Libra-Nutzern werden und jeder Nutzer besäße Libra im Wert von 1.000 US-Dollar, dann hätte Libra eine Marktkapitalisierung von 250 Milliarden US-Dollar (siehe Tabelle 1, dunkelgelbe Zelle).

Dadurch wäre Libra quasi über Nacht unter den Top 3 der Kryptowährungen. Stand heute (Ende Juni 2019) ist der Bitcoin mit 190 Milliarden US-Dollar kapitalisiert. Allerdings ist zum aktuellen Stand eine so genaue Schätzung der Nutzerzahlen und der gehaltenen Libra nicht möglich. Eher sollte von einer möglichen Nutzerschaft von 100 bis 500 Millionen Personen ausgegangen werden, die jeweils zwischen 500 und 2.500 US-Dollar in Libra halten. Hieraus würde eine erwartete Marktkapitalisierung von 50 bis 1.250 Milliarden US-Dollar resultieren (siehe Tabelle 1).

Fest steht, dass Facebook derzeit 2,7 Milliarden Nutzer in seinen Anwendungen WhatsApp, Instagram und Facebook Messenger hat. Daher ist die Überlegung, dass hiervon 250 Millionen Personen zu Libra-Nutzern würden (ca. 10 Prozent) nicht unrealistisch.

Da dieses Volumen – neben Bankeinlagen – mit entsprechenden Staatsanleihen hinterlegt werden müsste, würde die Libra Association über Nacht zu einem bedeutenden Akteur an den globalen Staatsanleihenmärkten werden. Allerdings ist die Nachfrage nach Staatsanleihen aktuell aufgrund der hohen Käufe der Zentralbanken bereits sehr hoch. Weltweit sind aktuell laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Staatsanleihen im Wert von ca. 25 Billionen US-Dollar emittiert. Angenommen etwas weniger als die Hälfte dieser Staatsanleihen wären kurzfristiger Natur, dann wären insgesamt kurzfristige Staatsanleihen im Wert von ca. 10 Billionen US-Dollar weltweit im Umlauf. Für Deutschland ist bekannt, dass das Volumen an emittierten Staatsanleihen ca. eine Billion Euro ist. Es kann weiter davon ausgegangen werden, dass das Volumen an kurzfristigen Staatsanleihen ca. 500 Milliarden US-Dollar beträgt.

Libra: Ein neuer Käufer am Markt für Staatsanleihen

Insofern ist die zu erwartende Marktkapitalisierung von Libra relativ hoch im Vergleich zum Volumen kurzfristiger Staatsanleihen. Das Angebot an Staatsanleihen müsste erhöht werden, um die Nachfrage zu decken. Dementsprechend könnten sich Regierungen nun günstig verschulden und milliardenschwere Anleihen platzieren, wohlwissend, dass die Libra Association als Abnehmer fungieren wird. In jedem Falle aber würde Libra relativ kurzfristig zu einem bedeutenden Käufer von Staatsanleihen werden, wie die oben genannten Zahlen illustrieren.

Je nach Entscheidungsfindung innerhalb der Libra Association, könnte Sie grundsätzlich auch den Ankauf von Anleihen von bestimmten Staaten beenden. Auch wenn dies spekulativ erscheinen mag, so könnten Regierungen möglicherweise sogar abhängig vom Libra-Konsortium werden. Der Grund für ein mögliches, sehr hohes Level dieser Abhängigkeit ist letztlich die schiere Größe der Nutzerschaft, die – aufgrund der Konstruktion des Konsortiums – auch zügig zu echten Nutzern werden könnten.

„Financial Inclusion“ als ein wesentliches Ziel von Libra

Am 18. Juni 2019 wurde das White Paper zu Facebooks Projekt „Libra“ veröffentlicht, einer neuartigen Kryptowährung. Erste Informationen über die Vision, das Ziel und die Umsetzung des Projekts wurden hierin erläutert.

Das Hauptziel von Facebook ist es, eine Infrastruktur bereitzustellen, die es ermöglicht, weltweit Zahlungen schnell, einfach und kostengünstig abzuwickeln. Im Kern des Projekts geht es um eine eigene Kryptowährung namens „Libra“, die auf einer Distributed-Ledger-Technologie (DLT), der „Libra Blockchain“, basiert und hauptsächlich über Mobiltelefone zugänglich gemacht werden soll. Das Projekt hat das Potenzial, Transaktionskosten – vor allem für grenzüberschreitende Transaktionen für Hunderte von Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern – deutlich zu senken. Heute verlangen Intermediäre häufig etwa zehn Prozent des Transaktionsvolumens als Gebühren.

Dem White Paper zufolge sind derzeit 1,7 Milliarden Erwachsene weltweit vom Finanzsystem ausgeschlossen (31 Prozent der Weltbevölkerung). Zwei Drittel davon besitzen jedoch Mobiltelefone mit Internetzugang. Somit könnte der Libra Token eine Infrastruktur schaffen, um Zahlungen per Smartphone – ohne Zugang zu Bankdienstleistungen – durchzuführen und die Teilnahme am allgemeinen Zahlungsverkehr zu ermöglichen („financial inclusion“). Für den Fall, dass der Libra Token bei etablierten Netzwerken wie WhatsApp und Instagram mit ihren Hunderten von Millionen Nutzern eingesetzt wird, wäre die Akzeptanz in kurzer Zeit ermöglicht. Hunderte von Millionen Nutzern könnten durch bereits bestehende und etablierte Formen der digitalen sozialen Interaktion erreicht werden.

Governance von Libra als Problem und Risko

Das Projekt Libra wirft allerdings auch Fragen in Bezug auf Zentralisierung, Datensicherheit und Regulierung auf. Facebook beschloss, Macht aufzugeben, um mit allen anderen Partnern im gesamten Libra-Konsortium auf Augenhöhe zu agieren. Facebook hat das Tochterunternehmen „Calibra“, den Initiator des Projekts, gegründet und bisher zahlreiche namhafter Partner wie Visa, MasterCard, PayPal, Uber und Spotify gewinnen können.

Calibra und die anderen Partnerunternehmen bilden die Libra Association mit Sitz in Genf (Schweiz). Die Libra Association wird als unabhängige gemeinnützige Organisation tätig sein und ist für die Entwicklung des Ökosystems verantwortlich. Der genaue Dezentralisierungsgrad kann anhand des White Papers noch nicht vollständig ermittelt werden. Auch wenn Facebook nur ein Mitglied des Libra-Konsortiums ist, sind die meisten anderen Partnerunternehmen mit einer erheblichen Marktmacht ausgestattet. Ein zentralisierter Rahmen würde das Risiko mit sich bringen, dass das gesamte System von einigen wenigen zentralisierten Parteien kontrolliert werden würde.

Fazit: Beeindruckendes Projekt mit signifikanten Risiken und Herausforderungen

Libra hat das Potenzial, im Rahmen eines weltweiten, dezentralen Finanzökosystems beeindruckende Vorteile zu erzielen, wie z. B. die Senkung der Kosten von Finanztransaktionen (z. B. im Hinblick auf Überweisungen) und die Förderung der finanziellen Inklusion in Entwicklungs- und Schwellenländern – und zwar für Hunderte Millionen Menschen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Libra zügig eine Marktkapitalisierung in Höhe von 250 Milliarden US-Dollar erreichen könnte. Dadurch würde Libra ebenfalls zu einem bedeutenden Käufer von Staatsanleihen werden.

Gemäß des veröffentlichten White Papers sind Dezentralisierung und Datensicherheit Schwerpunkte des Projekts. Allerdings müssen weitere Entwicklungen in Bezug auf die technische Architektur und den Umgang mit dem Thema „Datenschutz” genau beobachtet werden, um zu bewerten, ob Dezentralisierung und Datensicherheit tatsächlich gewährleistet sein werden. Diese Faktoren werden den Erfolg des Projekts maßgeblich beeinflussen. Weiterhin sind auch makroökonomische Implikationen zu analysieren, wenn das Projekt ganzheitlich bewertet werden soll.

JETZT NEU: DER BTC-NAVIGATOR

Das deutschsprachige Blockchain-Ökosystem an einem Platz vereint:

HANDELSPLÄTZEJOBSEVENTSUNTERNEHMENPRODUKTEAKZEPTANZSTELLENWEBSEITEN

Mehr zum Thema:

Ähnliche Artikel

Blockchain-Lobbyismus zwischen Berlin, Brüssel und Washington – Warum jetzt ein anderer Wind weht
Blockchain-Lobbyismus zwischen Berlin, Brüssel und Washington – Warum jetzt ein anderer Wind weht
Kommentar

Mit dem Einzug von Konzernen in die Krypto-Wirtschaft ändert sich auch das politische Umfeld. Während die Start-up-Szene zu fragmentiert und mit sich selbst beschäftigt ist, haben Konzerne eine klare politische Agenda, die sie mit Lobbyisten effektiv an die Politik adressieren. Was der Automobilverband mit Blockchain-Lobbyismus zu tun hat, woran es aktuell noch bei den Krypto-Verbänden mangelt und warum Start-ups Gefahr laufen, von den Konzerninteressen ausgebootet zu werden.

Marco Polo: Commerzbank und LBBW gelingt weiterer Meilenstein auf DLT-Plattform
Marco Polo: Commerzbank und LBBW gelingt weiterer Meilenstein auf DLT-Plattform
Tech

Auch jenseits von Bitcoin & Co. blickt die Geschäftswelt sehnsuchtsvoll auf die Potenziale von Blockchain und Distributed-Ledger-Technologie (DLT). Die Commerzbank und die LBBW demonstrierten mit einer gemeinsam abgewickelten Transaktion jüngst ein weiteres Mal die Anwendungsmöglichkeiten, die DLT dem Welthandel zu bieten hat. Dafür machten sie von der auf Corda basierenden Plattform Marco Polo Gebrauch.

Newsletter

Die aktuellsten News kostenlos per E-Mail

Aktuell

Bitcoin-Börse Coinbase will größte Krypto-Verwahrstelle der Welt sein
Bitcoin-Börse Coinbase will größte Krypto-Verwahrstelle der Welt sein
Bitcoin

Die Bitcoin-Börse Coinbase hat sich die Verwahrlösung für institutionelle Kunden von Xapo für 55 Millionen US-Dollar gekauft. Nach eigenen Angaben ist Coinbase damit der weltgrößte Krypto-Verwahrer.

coindex-CEO Kai Kuljurgis: „Eine Diversifizierung macht trotz hoher Bitcoin-Dominanz Sinn“
coindex-CEO Kai Kuljurgis: „Eine Diversifizierung macht trotz hoher Bitcoin-Dominanz Sinn“
Interview

Wir haben uns zum Interview mit Kai Kuljurgis, CEO von coindex getroffen, um mit ihm über die Lage am Krypto-Markt zu sprechen. Neben seiner Markteinschätzung geht es auch um die Frage, wie sich die Verschmelzung zwischen traditionellem Finanzsektor und Krypto-Sektor weiterentwickelt.

Die 5 großen Bitcoin-Erzählungen
Die 5 großen Bitcoin-Erzählungen
Bitcoin

Satoshi Nakamotos Bitcoin Whitepaper legt auf neun Seiten das Fundament für ein digitales Asset, das nach zehn Jahren bereits ein Multimilliarden-Ökosystem geschaffen hat. Woher Bitcoin seinen Wert bezieht, ist eine Frage, auf der es eine Vielzahl an Antworten gibt. Diese Woche betrachten wir fünf Innovationen, die Satoshi möglich gemacht hat.

Ripple unterstützt Coil mit einer Milliarde XRP
Ripple unterstützt Coil mit einer Milliarde XRP
Ripple

Ripple tätigte eine Großinvestition in das Krypto-Start-up Coil. Die Online-Content-Plattform erhielt eine Milliarde XRP, was etwa 260 Millionen US-Dollar entspricht. Es ist nicht das erste Mal, dass das Unternehmen mit XRP in großem Umfang Projekte unterstützt. Bei der Unterstützung von Coil geht es Ripple vor allem um die einfachere Monetarisierung digitaler Inhalte.

Angesagt

Binance: Mutmaßlicher Bitcoin-Börsen-Hacker droht mit neuem Leak
Krypto

Der mutmaßliche Hacker der Bitcoin-Börse Binance droht mit weiteren Veröffentlichungen. Dabei tun sich jedoch viele Fragezeichen auf.

Tezos: Eine Gefahr für Ethereum?
Altcoins

Noch dominiert Etherum die Smart-Contract-Welt. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Tezos versucht, einiges besser zu machen als die Kopfgeburt Vitalik Buterins. Die größte Bank Südamerikas hat Tezos als Plattform für Security Token Offerings gegenüber Ethereum bereits den Vorzug gegeben. Tezos – eine Gefahr für Ethereum?

Blockchain Week Berlin: Treffen der internationalen Tech-Elite
Blockchain

Nächste Woche beginnt die Blockchain Week Berlin. Vom 18. bis zum 29. August versammeln sich in der deutschen Hauptstadt Blockchain-Experten aus aller Welt. 

Blockchain-Lobbyismus zwischen Berlin, Brüssel und Washington – Warum jetzt ein anderer Wind weht
Kommentar

Mit dem Einzug von Konzernen in die Krypto-Wirtschaft ändert sich auch das politische Umfeld. Während die Start-up-Szene zu fragmentiert und mit sich selbst beschäftigt ist, haben Konzerne eine klare politische Agenda, die sie mit Lobbyisten effektiv an die Politik adressieren. Was der Automobilverband mit Blockchain-Lobbyismus zu tun hat, woran es aktuell noch bei den Krypto-Verbänden mangelt und warum Start-ups Gefahr laufen, von den Konzerninteressen ausgebootet zu werden.

Warte mal kurz ... !

Kennst du schon unseren Newsletter? Wir versorgen dich kostenlos mit den spannendsten News der Krypto- und Blockchainszene:

Neue Ausgabe: Das Kryptokompass Magazin inkl. Bitcoin-T-Shirt GRATIS!