Bitcoin für Syrien: Anarchistische Hacktivisten befeuern Revolution in Rojava

Im vom Krieg gezeichneten nordsyrischen Rojava wollen kurdische Aktivisten Wirtschaftssanktionen mit Hilfe von Kryptowährungen überwinden. Eine vom anarchistischen Krypto-Programmierer Amir Taaki unterstützte Gruppe will dort Bildungsstätten für Kryptografie und Kryptowährungen aufbauen. So soll eine neue ökonomische Infrastruktur für eine junge Demokratie entstehen, die unabhängig von den umliegenden Staaten funktioniert.

Die Lage in Rojava, der Demokratischen Föderation Nordsyriens, ist derzeit friedlich, aber alles andere als stabil. Nach sechs Jahren Krieg sind die kurdischen Bewohner dort Opfer der Wirtschaftssanktionen, die von allen umliegenden Staaten – Syrien, Iran, Irak und der Türkei – erzwungen werden. Die Menschen in Rojava wünschen sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Autonomie und hoffen nun, in Kryptowährungen ein effektives Werkzeug zur Selbstverwaltung gefunden zu haben.

Rojava – Hoffnung für Demokratie im Krisenherd?

Rojava ist eine Region im Norden Syriens entlang der türkischen Grenze. Die circa fünf Millionen Einwohner dort gehören hauptsächlich der kurdischen Minderheit an, aber auch Assyrer, Turkmenen und zahlreiche andere Ethnien sind dort vertreten. Bis vor wenigen Jahren war dies eine ländliche und wenig beachtete Gegend, in der die Kurden von ihren Nachbarn Türkei, Syrien, Irak und Iran keinerlei rechtliche Anerkennung erhielten. Als 2011 die Proteste gegen das syrische Regime wuchsen, zog Assad seine Truppen aus den kurdischen Gebieten ab, um die Rebellion in den Zentren zu stoppen.

Eine kleine demokratische Partei (PYD) konnte das so entstandene Machtvakuum nutzen und errichtete kleine selbstverwaltete Zonen unter dem Namen Rojava ein. In diesen Zonen sollen Mitglieder aller ethnischer Gruppen gleiche Rechte genießen. Auch die Gleichberechtigung der Frauen ist gesetzlich festgelegt. Frauen in Rojava haben Wahlrecht, können sich uneingeschränkt am kulturellen und politischen Leben beteiligen und kämpfen in der Armee Seite an Seite mit männlichen Soldaten.

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Im syrischen Bürgerkrieg konnten die kurdischen Milizen von Rojava beachtliche Erfolge gegen ISIS erzielen und die Islamisten zurückdrängen. Die Autonomie der Demokratischen Föderation Nordsyrien, wie Rojava offiziell heißt, ist aber alles andere als gesichert. Von syrischer Seite wird sie nicht anerkannt und die Türkei will sie, genau wie die dort als Terrororganisation eingestufte PKK, mit aller Macht bekämpfen.

Kann Krypto die Wirtschaft in Rojava retten?

Derzeit basiert die rojavanische Wirtschaft ausschließlich auf Papiergeld, das einer ständigen Inflation unterliegt. Die Einwohner müssen große Mengen an Bargeld horten, um ihr Vermögen zu sichern und Handel treiben zu können. Wirtschaftssanktionen sorgen dafür, dass jeder Geldtransfer ins Ausland hohe Gebühren kostet. Eine Überweisung in die Türkei kostet derzeit zehn Prozent. Mit Kryptowährungen erhoffen sich die Aktivisten globale Transaktionen mit etwa zwei Prozent Gebühren erreichen zu können.

Der Plan ist es, neben der Errichtung selbstverwalteter Kommunen auch Akademien zu gründen, in denen die Menschen von Rojava Programmierkenntnisse und Einsichten in Kryptografie und Kryptowährungen lernen können. Die instabile syrische Lira soll durch Bitcoin und später durch lokale Kryptowährungen ersetzt werden. Blockchain-Technologien sollen dazu beitragen, eine dezentral gelenkte Gesellschaft aufzubauen.

Als erste Schritte für die Umstellung auf Kryptowährungen sollen lokale Wechselstuben mit Bitcoin-Technologie ausgerüstet werden. Entsprechend sollen Einwohner in lokale Sprachen übersetzte Wallet-Software erhalten. Als Zahlungsinfrastruktur könnte das Lightning Network oder ein anderes angepasstes Netzwerk dienen.

Da in diesen Gebieten nicht jeder über einen Laptop oder Smartphone verfügt, forschen die Hacktivisten auch an alternativen Lösungsansätzen. Unter den Ideen sind Krypto-Transaktionen, die per Radiowellen übertragen werden können und eine Papierwährung, die an eine Kryptowährung gebunden ist.

Initiative und fachliche Unterstützung kommt von dem britischen Hacker Amir Taaki. Dieser setzt sich schon lange mit dem revolutionären Potenzial von Bitcoin auseinander und bezeichnet die kurdische Führungsfigur Abdullah Öcalan als ideologisches Vorbild.

Wer ist Amir Taaki?

Amir Taaki ist ein britischer Hacktivist und Unternehmer mit iranischen Wurzeln. Er brach die Universität ab, um sich Open-Source-Projekten zu widmen und lebte dabei in besetzten Häusern in London. Früh erkannte er das revolutionäre Potenzial hinter Kryptowährungen. Er war aktiv an der Weiterentwicklung von Bitcoin und dem Electrum-Client beteiligt und Mitbegründer von Dark Wallet und dem Vorläufer des OpenBazaar-Projektes.

2015 ging Taaki in das autonome Gebiet Rojava. Die Bewegung dort sieht er als die wichtigste Revolution dieses Jahrhunderts. Als Anarchist fühlte er sich verpflichtet, dort für seine Ideale zu kämpfen. Dreieinhalb Monate war er an der Front und kämpfte mit der Volksverteidigungseinheit YPG gegen die Truppen von ISIS, danach engagierte er sich dort für ein weiteres Jahr im sozialen Bereich.

Taaki sieht zentralistische Finanzinstitute als Teile eines repressiven Systems, das mit militärischen Mitteln seine eigene Macht aufrechterhalten will. Für ihn sind Kryptowährungen die einzigen Möglichkeiten für die Menschen, ihr eigenes ökonomisches System außerhalb dieser Machstrukturen aufzubauen. Zu seinen Haupteinflüssen gehört Abdullah Öcalan. Dessen Vision eines demokratischen Konföderalismus basiert auf der Abschaffung von Hierarchien und Selbstverwaltung durch kommunale Basisorganisierung. Außerdem haben Öcalans Ideen auch das System in Rojava inspiriert. Neben seinen Bemühungen für Rojava widmet sich Taaki in Katalonien derzeit dem Aufbau einer Krypto-Akademie.

BTC-ECHO

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