Die Krypto-Welt plagt ein perfides Paradox. Die Technologie funktioniert. Das Ökosystem wächst. Doch viele Token, immerhin das Hauptvehikel, mit dem die meisten Menschen in dieser Branche investieren, scheitern systematisch. Einige der klügsten Köpfe behaupten inzwischen sogar, dass selbst Bitcoin, Ethereum, Solana und XRP langfristig uninvestierbar sind. Was steckt dahinter? Dieser Artikel klärt, warum die meisten Token strukturell gegen ihre Halter arbeiten, zeigt die Red Flags, und liefert einen konkreten Filter für die Token, die das Potential haben, langfristig mehr zu liefern als jede Aktie.
Der Krypto-Friedhof: Zahlen, die wehtun
Die harte Wahrheit für Krypto-Anleger ist: Diese Easy-Mode-Zeiten sind vorbei. 40 Prozent aller Altcoins notieren nahe ihres Allzeittiefs. Laut Blockworks haben Token –außer Bitcoin, Ethereum und Stablecoins – im Median seit 2021 sogar eine Rendite von minus 80 Prozent.
CoinGecko zählte Ende 2025 knapp 20 Millionen Kryptowährungen. Mehr als die Hälfte ist allein in 2025 gescheitert. Das sind über 80 Prozent aller Krypto-Tode in einem einzigen Jahr.
Selbst die größten Token-Launches des Jahres haben versagt. Die sieben größten ICOs 2025 sammelten zusammen drei Milliarden Dollar ein, starteten mit knapp zehn Milliarden Marktkapitalisierung und verloren seitdem im Schnitt 51 Prozent. Fünf der sieben über 80 Prozent.
Entscheidend für Krypto-Anleger, die ja grundsätzlich Schmerz kennen, ist, dass das Problem strukturell geworden ist, nicht saisonal. Was sich verändert hat, reicht tiefer als ein Bärenmarkt.
Bitcoin und Co. “sind das Problem”
Jeff Dorman, CEO einer der renommiertesten Krypto-Investmentfirmen, hat eine These veröffentlicht, die im Space für reichlich Diskussionen sorgte. Der Grund für die systematische Underperformance sei ein struktureller Vertrauensverlust, ausgelöst durch das falsche Framing der vier größten Assets.
BTC, ETH, SOL und XRP seien “uninvestierbar“, ihre Investment-Thesen gescheitert und die Assets strukturell nicht in der Lage, den wirtschaftlichen Mehrwert aus echter Adoption abzuschöpfen. Dorman rechnet förmlich mit den geliebten Blue Chips ab.
Bitcoin
Bitcoin habe in 17 Jahren fast jede Narrative abgeworfen, auf der es aufgebaut wurde, so Dorman. Kein digitales Gold, keine Inflationsabsicherung, kein Zahlungsmittel. Die 21 Millionen Coins klängen knapp, aber mit Derivaten und ETFs kaufe und verkaufe man heute meist nur noch einen Schatten davon.
Ethereum und Solana
Ethereum und Solana gälten zwar als die Gewinner unter den Layer-1-Blockchains, doch das sei laut Dorman weitgehend irrelevant. 99 Prozent der globalen Assets seien noch gar nicht onchain. Und selbst wenn beide Netzwerke wachsen sollten, müssten ihre Token davon nicht profitieren.
XRP
XRP sei vielleicht das ehrlichste Beispiel dafür, wie weit Token-Design von Token-Halter-Interessen entfernt sein könne. Der Token tue nichts, habe kaum eine echte Verbindung zu Ripple Labs und Ripple verkaufe jedes Jahr drei bis vier Milliarden Dollar an XRP, um damit eigene Anteilsrückkaufe zu finanzieren.
Solange sich ihre Investment-Thesen nicht grundlegend ändern, dürften sie anderen Assetklassen (bis auf einige kurze Ausreißer) weiter hinterherhinken, so Dorman.
Diese Mechanismen wirken gegen Krypto-Anleger
Wer in diesem Markt überleben will, muss also verstehen, wie schlechte Token strukturell gegen ihre Halter gebaut sind. Es gibt drei Muster, die sich immer wiederholen.
1. Verwässerung: Die stille Steuer
Das Standard-Modell im Space: Ein Projekt prägt beim Start ein festes Gesamtangebot, das einem Freischaltplan für Insider, Venture-Investoren und Teammitglieder unterliegt. Das anfängliche Angebot ist bewusst niedrig gehalten, um mit wenig Kapital Hype zu erzeugen. Bei den späteren Freischaltungen verwässert das neue Angebot bestehende Investoren systematisch.
Die Zahlen sind eindeutig: Projekte mit über 200 Prozent Angebotserweiterung verloren laut Tokenomist bis zu 99 Prozent ihres Wertes. Token, die beim Start mit dem 50-fachen des eingesammelten Kapitals bewertet wurden, brachen im Schnitt um über 87 Prozent ein. Die Faustregel lautet: Projekte mit großen anstehenden Unlocks nicht halten.
2. Fehlende Fundamentals
Token ohne Einnahmen, ohne Nutzerwachstum, ohne wirtschaftlichen Mehrwert für Halter haben strukturell keine Chance. Sie existieren zu Millionen und dienen fast ausschließlich der Spekulation, ohne Rechte an Cashflows zu gewähren. Starke Narrative und starkes Marketing können dieses Fundament nicht ersetzen, sie verzögern nur den Einbruch.
3. Buybacks als PR-Maßnahme
Token-Rückkäufe klingen nach Aktienrückkaufen. Das ist Absicht. EtherFi kaufte 2 Prozent seiner Token zurück und schüttete gleichzeitig 64 Prozent neu aus. Macht eine Netto-Inflation von 62 Prozent. Das Buyback-Programm war eher PR als ein Mehrwert.
Entscheidend ist die Quelle des Geldes. Treasury-finanzierte Buybacks aus angehäuften Rücklagen performten auf 90-Tage-Sicht im Schnitt minus 33,8 Prozent. Einnahmen-finanzierte Buybacks hingegen mit plus 73,6 Prozent. Der Unterschied ist also fundamental.
Gute Token existieren – zu fairen Bewertungen
Dorman hat eine Matrix entwickelt, um Token-Projekte in vier Quadranten einzuteilen: erfolgreiche Projekte mit schlechtem Token-Design (die größte Tücke), schwache Projekte mit schwachem Token, starke Projekte mit starkem Token und alles dazwischen. Folgt man seiner Logik, landet man bei maximal 10 bis 20 Token, in die man heute guten Gewissens investieren kann.
Zusammen mit den oben angesprochenen Mechanismen lassen sich 3 Fragen ableiten, die jeder Krypto-Investor stellen sollte.
1. Wie hoch ist die Bewertung und wie viel kommt noch? FDV relativ zum eingesammelten Kapital. Welche Unlocks stehen an? Auf Seiten wie Companies Market Cap lässt sich die FDV mit der Marktkapitalisierung “echter” Unternehmen vergleichen.
2. Woher kommen Buybacks und Renditen? Protokolleinnahmen oder Token-Inflation? Wer nicht weiß, wo die Rendite herkommt, ist meist selbst die Rendite.
3. Welcher Wert fließt euch zu? Echte Stimmrechte? Anteil an Einnahmen? Braucht es den Token für echte Benefits im Ökosystem, oder ist er nur Spekulationsvehikel?
Lassen sich diese Fragen überzeugend beantworten, landet man bei Token, die das Beste aus Aktien mit der Innovation von Krypto verbinden. Der Markt beginnt jetzt gerade, sie zu entdecken, und die Bewertungen sind teilweise überraschend fair.
Hyperliquid: 97 Prozent der Protokollgebühren fließen in HYPE-Rückkäufe. Gesamtvolumen über 650 Millionen Dollar, was rund 46 Prozent aller Krypto-Rückkäufe branchenweit ausmacht. Die Netto-Emission beträgt minus 10 Prozent, das Kurs-Umsatz-Verhältnis 14x.
Aave: Wöchentliche Rückkäufe von einer Million Dollar aus echten Betriebsüberschüssen, annualisiert 50 Millionen. Staker erzielen 8,3 Prozent jährliche Rendite aus echten Krediterträgen. Kurs-Umsatz-Verhältnis ist 3x und damit günstiger als Coinbase (9x), Visa (15x) oder die CME Group (16x).
Auf dem Weg zur “De-Tokenisierung”
Diese Betrachtung entfachte zuletzt eine neue Debatte in der Branche. Hinter den meisten Krypto-Protokollen steckt eine Firma mit klar definierten Eigentumsrechten. Und der wirtschaftliche Wert fließt häufig primär an die Equity-Inhaber, nicht an die Token-Halter.
Die unbequeme Wahrheit könnte sein, dass man für ein gutes Krypto-Investment gar keinen Token braucht. Stripes neue L1-Blockchain Tempo kommt ohne nativen Token aus, die Einnahmen fließen an Stripe. Coinbases Layer-2-Chain Base hat keinen Token, der bessere Trade ist die Coinbase-Aktie.
Eine Analyse von DWF Ventures zeigt, dass ICOs und IPOs oft bei ähnlichen Bewertungen starten, doch IPOs liefern über längere Zeiträume stetigere Renditen. In vielen Fällen ist die Krypto-Aktie also schlicht der bessere Altcoin.
Das Beispiel des Bridging-Dienstes Across-Protocol macht den daraus resultierenden Trend konkret. Across wandelt seine DAO in eine C-Corporation um und seinen ACX-Token zugleich in eine klassische Aktie. Der Kursreaktion nach zu urteilen wollen Investoren offenbar lieber Equity-Exposure, als einen Governance-Token ohne Value-Capture. Beobachter nennen es den ersten Schritt in Richtung “De-Tokenisierung.”
Regulierung als Katalysator für gutes Token-Design
Wie sind wir hier hingekommen? Zwei Faktoren haben das Ökosystem jahrelang in die falsche Richtung gezogen. Einerseits toxische Anreize, Token narrativ-getrieben und oberflächlich zu entwerfen. Und dazu die panische Angst davor, als Wertpapier eingestuft zu werden.
Das ändert sich gerade. Das am 17. März 2026 veröffentlichte gemeinsame Klassifizierungs-Framework von SEC und CFTC schafft erstmals die rechtliche Klarheit, die gutes Token-Design nicht nur möglich, sondern notwendig macht.
Fidelity erwartet in der Folge eine fundamentale Marktspaltung. Auf der einen Seite “Rights-rich” Token mit echten, einklagbaren Rechten an Einnahmen und Governance. Auf der anderen “Rights-light”, also alles, was diese Rechte nicht bietet. Die Richtung ist klar.
Und damit öffnet sich eine Tür, die bislang verschlossen war. Laut einer Auswertung von Legion können heute lediglich 2 bis 5 Prozent der Kaufkraft aus dem traditionellen Asset-Sektor überhaupt in Token investieren. Staats- und Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungsvermögen stehen aus regulatorischer Pflicht alle an der Seitenlinie. Genau dieses Kapital könnte nun beginnen, in die erste Klasse zu fließen.
Krypto wird erwachsen
Beobachter sehen Krypots Post-Dot-Com-Ära nun für gekommen. Das aggregierte Kurs-Umsatz-Verhältnis der Branche ist von 40.400x auf 170x gefallen. Die Governance-Chips ohne Substanz sterben und die Protokolle, die billiger bewertet sind als Visa und echte Einnahmen an ihre Halter ausschütten, werden das Amazon dieses Zyklus.
Zwei Trends bestimmen fortan, wohin die Reise geht.
Singularität: Projekte werden sich für ein klares Modell entscheiden müssen. Entweder klassisches Startup ohne Token, mit einem Exit über IPO oder M&A, oder dezentralisierte Plattform mit dem Token als einzigem Anlagevehikel. Die Grauzone dazwischen – Unternehmen mit Token als Finanzierungsvehikel ohne Value-Capture – verschwindet unter Regulierungsdruck.
Konvergenz: Klassische Aktien-Mechanismen wandern onchain. Backpack Exchange hat bspw. eine Staking-to-Equity-Funktion eingeführt. Wer den Token ein Jahr stakt, kann ihn in echte Firmenanteile umwandeln. Weitere solcher Modelle dürften folgen. Dividenden in Stablecoins, Performance-Linked Vesting, tokenisierte Beteiligungsrechte. Der Unterschied zwischen Aktie und Token wird immer technischer und immer weniger inhaltlich.
Die Easy-Mode-Ära mag vorbei sein. Aber was folgt, ist komplexer und für die, die gute Token erkennen, attraktiver denn je.

