BTC-ECHO Insider Report 

MiCA im Praxistest: Das sagen Krypto-Insider zur EU-Regulierung

Mit dem Auslaufen der Übergangsfristen ist MiCA in der Praxis angekommen. Was hat die EU-Regulierung wirklich gebracht? 44 Krypto-Insider ziehen im BTC-ECHO Report für Q3 2026 Zwischenbilanz. Darüber hinaus finden sich wie gewohnt auch die Bitcoin-Kursprognosen und Markteinschätzungen der Branchenexperten.

Sven Wagenknecht
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Eine goldene Bitcoin-Münze umreundet von den Sternen der EU auf blauem Hintergrund, der brüchig ist.

Beitragsbild: Shutterstock

| Hat die MiCA-Regulierung den europäischen Krypto-Sektor nach vorne gebracht? Das Urteil von 44 Brancheninsidern fällt kritisch aus

Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, unseren BTC-ECHO Insider Report für Q3 2026 vorstellen zu können. Erneut haben zahlreiche Krypto-Insider an diesem Report teilgenommen und liefern mit ihren Antworten wichtige Erkenntnisse darüber, wo der Bitcoin-Kurs zukünftig stehen könnte, wie es um das Sentiment in der Krypto-Industrie bestellt ist und was ihre Meinung zu unserer Sonderfrage ist. In dieser Ausgabe wollten wir wissen, wie unsere Insider die bisherige Wirkung der MiCA-Regulierung auf den europäischen Krypto-Sektor bewerten.

Damit Umfrage und Auswertungen höchste methodische Standards erfüllen, ist BTC-ECHO mit der IU Internationale Hochschule eine Kooperation eingegangen. Dies geschieht unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. David Florysiak von der IU Internationale Hochschule. Mit der Expertenumfrage möchten wir das führende Stimmungsbarometer für die Krypto-Branche liefern, vergleichbar mit dem ifo-Geschäftsklimaindex oder den ZEW-Konjunkturerwartungen.

1. Krypto-Optimismus-Index: So ist die Stimmung der Experten

Wie optimistisch blicken unsere Insider auf die Krypto-Branche? Anhand einer Skala von 0 bis 100 haben wir einen Krypto-Optimismus-Index entwickelt, der darüber Aufschluss geben soll. Der Indexstand liegt aktuell bei 60,5 Punkten, basierend auf 44 Beobachtungen. Im Vorquartal (Q2 2026) waren es noch 67,5 Punkte, im ersten Quartal 2026 sogar 71,2 Punkte. Der Optimismus bröckelt also das dritte Quartal in Folge. Dabei waren 40,9 Prozent optimistischer, 34,1 Prozent weniger optimistisch und 25 Prozent sahen keine Veränderung in ihrem Optimismus im Vergleich zum vorherigen Quartal.

2. Krypto-Geschäftsklima-Index: Die aktuelle Lage

Um Aufschluss über die aktuelle wirtschaftliche Lage im Krypto-Sektor zu erhalten, wurde der Krypto-Geschäftsklima-Index aufgesetzt. Hierfür werden die Expertinnen und Experten nach ihrer Einschätzung gefragt, die “gut”, “normal” oder “schlecht” ausfallen kann. Der Index bleibt tief im negativen Bereich und bestätigt damit die angespannte Lage des Vorquartals.

Lediglich 7,1 Prozent sehen die aktuelle wirtschaftliche Situation der Krypto-Unternehmen als gut an. Im Vorquartal (Q2 2026) waren es 9,3 Prozent. 47,6 Prozent bewerten die Lage als schlecht, 45,2 Prozent als normal. Damit liegt der Indexstand bei minus 40,5 Punkten, basierend auf 42 Beobachtungen. Zur Einordnung: Im zweiten Quartal 2026 stand der Index bei minus 27,8 Punkten, im ersten Quartal noch bei plus 16,7 Punkten. Die wirtschaftliche Lage hat sich aus Sicht der Insider also erneut spürbar eingetrübt. Der Index wird berechnet, indem der Prozentsatz der positiven Bewertungen von dem Prozentsatz der negativen Bewertungen abgezogen wird.

3. Krypto-Geschäftsklima-Index: Der Blick in die Zukunft (6 Monate)

Doch wie schaut es auf Sicht der kommenden sechs Monate aus? Um dies herauszufinden, haben wir die Erwartungen der Insider in “verbessern”, “nicht verändern” und “verschlechtern” eingeteilt. Hier zeigt sich ein deutlich freundlicheres Bild als bei der aktuellen Lage. Der Indexwert liegt bei 46,3 Punkten, basierend auf 41 Beobachtungen. Und anders als bei der aktuellen Lage zeigt der Trend hier klar nach oben: Im zweiten Quartal 2026 lag der Erwartungsindex bei 31,5 Punkten, im ersten Quartal bei 35,7 Punkten. Der Prozentsatz der positiven Erwartungen beträgt 56,1 Prozent, der Prozentsatz der negativen Erwartungen 9,76 Prozent. Die Insider rechnen also mehrheitlich damit, dass die Talsohle durchschritten ist.

4. Bitcoin-Kurs: Wo er in einem Monat stehen könnte

Die Bitcoin-Kurseinschätzungen von unseren Insidern werden im BTC-1M-Kurserwartungs-Index zusammengefasst. Der Indexstand liegt bei rund 61.489 US-Dollar, basierend auf 44 Beobachtungen. Das entspricht einer erwarteten Rendite von 0,6 Prozent über einen Monat. Im Vorquartal (Q2 2026) hatten die Insider den Kurs auf Sicht eines Monats noch bei rund 73.655 US-Dollar gesehen – die Erwartungen sind also deutlich nach unten gewandert. Um noch besser die Erwartungshaltung unserer Expertinnen und Experten zu verstehen, haben wir weitere Kurseinschätzungen eingeholt, die neben einem Basisszenario für das wahrscheinlichste Auskommen auch ein besonders bearishes und bullishes Szenario beinhalten.

Im schlechtesten Fall, mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent beziehungsweise 1 zu 10, würde Bitcoin auf einen Kurs von rund 50.045 US-Dollar innerhalb eines Monats fallen. Umgekehrt, im Best-Case-Szenario, ebenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent, ist ein Bitcoin-Kurs von durchschnittlich rund 71.727 US-Dollar möglich. Damit bleiben die Experten angesichts des anhaltenden Bärenmarktes am Krypto-Markt vorsichtig.

Aus den Umfragedaten wird ebenfalls der BTC-1M-Volatilitäts-Index berechnet, der die durchschnittlich erwartete Schwankungsbreite des Bitcoin-Kurses über einen Monat zusammenfasst. Er liegt bei 13,4 Punkten und damit etwas niedriger als im Vorquartal (Q2 2026: 15,7 Punkte). Die historische Volatilität vor der Umfrage betrug 12,4 Punkte.

5. Bitcoin-Kurs: Wo BTC in sechs Monaten stehen könnte

Die gleiche Umfrage zur Bitcoin-Kurseinschätzung haben wir auch für den Zeitraum von sechs Monaten durchgeführt. Bis Anfang 2027 erwarten die Umfrageteilnehmer einen Bitcoin-Kurs von im Schnitt rund 74.545 US-Dollar, basierend auf 44 Beobachtungen. Das entspricht einer erwarteten Rendite von 22,3 Prozent über sechs Monate. Im Vorquartal lag der Sechs-Monats-Index bei rund 82.373 US-Dollar – auch der längerfristige Ausblick fällt damit verhaltener aus als noch im zweiten Quartal, bleibt aber klar im positiven Bereich. Im Worst-Case-Szenario, mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent, sehen die Insider einen BTC-Kurs von rund 48.795 US-Dollar. Im Best-Case-Szenario zeigt sich ein Sprung auf rund 99.295 US-Dollar.

Der BTC-6M-Volatilitäts-Index, der die erwartete Schwankungsbreite über sechs Monate abbildet, liegt bei 31,5 Punkten und damit etwas höher als im Vorquartal (Q2 2026: 29,6 Punkte). Die historische Volatilität vor der Umfrage betrug 30,4 Punkte.

6. Krypto-Markt: Das denken unsere Experten

Der Bitcoin-Bärenmarkt zehrt weiter an den Nerven vieler Investoren. Die Stimmung im Krypto-Markt bleibt spürbar eingetrübt und immer mehr stellen sich die Frage, wann die Kurse endlich wieder nachhaltig drehen.

Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21shares, macht trotz der aktuellen Flaute eine klare Ansage: “Trotz aktuell mangelnder Impulse erwarten wir bis Jahresende einen BTC-Kurs von 100.000 US-Dollar – auch wenn es kurzfristig noch mal nach unten gehen kann.” Eine Zielmarke, die im aktuellen Umfeld nach einer mutigen Wette klingt.

Benjamin Kaemmerer, Executive Director (Trading) vom Broker CMC Markets beschreibt die gespaltene Marktlage: “Der Kryptomarkt befindet sich derzeit in einer Phase, in der die Stimmung im Retail-Segment eher zurückhaltend bis negativ ist.” Doch im Hintergrund laufe eine andere Bewegung. “Gleichzeitig beobachten wir, dass insbesondere Unternehmen aus der Finanzindustrie weiterhin in die Branche investieren, ihre Präsenz ausbauen und langfristig an digitalen Assets und der zugrunde liegenden Infrastruktur interessiert bleiben.”

Agentic Payments als neuer Treiber

Florian Döhnert-Breyer, Managing Director beim Krypto-Fonds F5 Crypto Capital, ordnet die Sonderrolle von Krypto im Anlageuniversum ein: “Fast alle Anlageklassen liefen in den vergangenen zwölf Monaten außerordentlich gut. Krypto bildet die Ausnahme.” Seine Erwartung ist eindeutig: “Ich erwarte eine Kapitalrotation in fundamental starke Kryptowährungen mit echten Cashflows. Das nächste Fokusthema: Agentic Payments über die Blockchain.”

Markus Hujara vom Krypto-VC Greenfield Capital greift noch weiter aus und beschreibt, warum der eigentliche Nutzen von Krypto gerade erst sichtbar wird: “Der Killer-Use-Case für Krypto ist Finance. Lange war das zu abstrakt, um es zu greifen. Jetzt wird es spürbar, in jedem Kernbereich: Globale Überweisungen, die Sekunden statt Tage dauern und quasi kostenlos sind. Märkte, die nie schließen. Anlageklassen, die bisher einer kleinen Elite vorbehalten waren, offen für alle.” Sein Fazit ist so knapp wie zugespitzt: “Krypto verschwindet nicht. Krypto wird nur unsichtbar. Das ist die Zukunft von Finance.”

Normaler 4-Jahres-Bitcoin-Zyklus

Alex von Frankenberg, Bitcoin-Enthusiast und VC-Spezialist, verortet die aktuelle Phase klar im historischen Muster: “Wir befinden uns im ‘normalen’ 4-Jahres-Zyklus am Ende des Bärenmarkts.”

Malte Häusler, CEO der Investmentplattform Timeless Investments, ordnet die Korrektur nüchtern ein: “Die Korrektur ist deutlich – Bitcoin und Ethereum haben stark verloren, getrieben von ETF-Abflüssen und institutionellem De-Risking. Das ist schmerzhaft, aber kein Strukturbruch.” Für ihn trennt der Abverkauf die Spreu vom Weizen. “Der Abverkauf trennt Substanz von Spekulation. Für die nächsten Monate erwarte ich eine Bodenbildung, keine schnelle Rückkehr zum Hoch.” Als möglichen Gewinner sieht er die Tokenisierung von Sachwerten, weil dort reale Wertdeckung dahinterstehe.

Doch nur ein milder Bärenmarkt?

Dass die Schwäche am Krypto-Markt weniger mit Krypto selbst als mit der Konkurrenz um Kapital zu tun hat, betonen mehrere Insider. Moritz Schildt vom Krypto-Vermögensverwalter coinix bleibt bei Altcoins wählerisch: “Wir glauben weiterhin an Altcoins. Die Zeit, in der ein Whitepaper reichte, ist vorbei.” Entscheidend sei der Cashflow. “AI-basierte DeFi-Strategien und Protokolle mit echten Gebühreneinnahmen sind die Segmente, die im Bärenmarkt für Altcoins tatsächlich wachsen – der Rest ist Liquidität auf der Suche nach einer Story.”

Michael Geike, Managing Partner beim Krypto-Fonds 21 Oaks Capital, sieht einen klassischen 4-Jahres-Zyklus, angetrieben von makroökonomischem Gegenwind: “Wir befinden uns mal wieder in einem sehr typischen Bitcoin-4-Jahreszyklus-Bärenmarkt.” Als Treiber nennt er einen starken US-Dollar, zurückgenommene Zinssenkungserwartungen der Fed und eine Rotation aus Krypto in KI-Aktien. Sein Fazit: “Der nächste Zyklus wird nicht über Spekulation entschieden, sondern über regulierte Brücken zwischen TradFi und Web3.”

David Scheider, Chefredakteur von der Digital Asset Boutique Teroxx, relativiert die Heftigkeit des Abverkaufs: “Der aktuelle Einbruch von gut 50 Prozent ist der mildeste Bärenmarkt der Bitcoin-Geschichte, frühere Zyklen kosteten 77 bis 86 Prozent.” Für ihn ist die Ursache außerhalb von Krypto zu suchen, weil parallel auch Gold und Silber nachgäben. “Sie trifft nicht die Idee hinter Bitcoin, sondern nur den Kurs.” Der Bitcoin-Steuerberater Matthias Steger bringt denselben Befund auf eine Kurzformel: “Das Geld fehlt für den Kryptomarkt. Space-X, Gold, AI verschlingen die Ressourcen, die der Kryptomarkt braucht.”

Krypto scheint unterbewertet

Über die einzelnen Stimmen hinaus zieht sich ein gemeinsamer Faden durch die Antworten: Gebaut wird trotz mieser Kurse. Jürgen Kob von Friends & Finance beschreibt einen Markt, der “sich konstruktiv entwickelt, aber stark abhängig von Liquidität, Regulierung, Zinsumfeld und Risikobereitschaft der Investoren” bleibe – mit Vorteilen für regulierte Anbieter mit solider Governance. Ähnlich sehen es Daniela Bobak vom Blockchain Bundesverband, die im Hintergrund “intensiv gebaut und entwickelt” sieht, sowie Oliver Krause (Untitled INC), der eine “stärkere Differenzierung zwischen Projekten, die echten ökonomischen Wert schaffen”, ausmacht. Jannick Broering (Teroxx) verweist auf die “starke Divergenz” zwischen fundamentaler Entwicklung und Preis, Armin Schmid (Copper) mahnt, Europa müsse “nicht nur der bestregulierte, sondern auch der innovationsstärkste Krypto-Standort der Welt werden”.

Georg Brameshuber (validvent) sieht die Grenzen zwischen klassischen Finanzinstrumenten, Kryptowerten und tokenisierten Real-World-Assets “zunehmend verschwimmen”, während Michael Wild (Depositly) und Ed Prinz (neob.ai) den Standortfaktor und konkrete Anwendungsfälle in den Vordergrund rücken. Albert Quehenberger (AQ Forensics) und Andreas Lipkow (CMC Markets) betonen beide das ungebrochene institutionelle Interesse trotz kurzfristiger Schwäche. Martin Postweiler (nupont) schließlich beschreibt die “erstaunliche Diskrepanz” in den Rückmeldungen zwischen den USA und der DACH-Region – gerade beim Thema Stablecoins.

Die Spannbreite der Einschätzungen – vom milden Bärenmarkt über den klassischen Zyklus bis zum Kapitalsog von KI und Gold – macht deutlich: Am Fundament zweifelt kaum jemand, am kurzfristigen Kurs die meisten.

7. MiCA-Sonderfrage: So fällt die Bilanz in Zahlen aus

Erstmals haben wir unsere Insider systematisch gebeten, die bisherige Wirkung der MiCA entlang ihrer zentralen Regulierungsziele zu bewerten. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild mit klarer Schlagseite: Die Verordnung überzeugt dort, wo es um Ordnung und Rechtssicherheit geht und enttäuscht dort, wo es um Innovation geht.

Bei der Gesamtbewertung fällt das Urteil verhalten positiv aus. 43,2 Prozent der 44 Befragten bewerten die bisherigen Auswirkungen der MiCA auf den EU-Krypto-Sektor als eher positiv, 2,3 Prozent sogar als sehr positiv. Dem stehen 25 Prozent gegenüber, die eher negativ urteilen, sowie weitere 25 Prozent, die die Wirkung als teils positiv, teils negativ einordnen. Unterm Strich überwiegt der Zuspruch, doch von einem Vertrauensvotum ist die Regulierung weit entfernt.

Noch aufschlussreicher wird das Bild bei den sieben Einzelzielen. Am stärksten wirkt MiCA dort, wo sie Ordnung schafft: Die Schaffung von Rechtssicherheit bewerten 79,6 Prozent positiv (59,1 Prozent eher positiv, 20,5 Prozent sehr positiv), einheitlichere Regeln im EU-Binnenmarkt kommen auf 75 Prozent Zustimmung. Auch bei Marktintegrität (61,4 Prozent positiv) und Verbraucherschutz (56,8 Prozent positiv) fällt die Bilanz freundlich aus. Umso deutlicher der Bruch beim Thema Innovation: Die Unterstützung von Innovation im Krypto-Sektor bewerten nur 18,2 Prozent positiv, während 45,5 Prozent negativ urteilen – 31,8 Prozent eher negativ, 13,6 Prozent sogar sehr negativ. Kein anderes Ziel schneidet so schlecht ab. Genau hier liegt der wunde Punkt der europäischen Krypto-Politik.

Entsprechend klar fallen die Nachbesserungswünsche aus. Auf die Frage, wo die EU bei der Weiterentwicklung der MiCA am dringendsten ansetzen sollte, entfielen bei möglichen Mehrfachnennungen 104 Nennungen. An der Spitze stehen schnellere und besser planbare Lizenz- und Zulassungsverfahren (43,2 Prozent der Befragten), gefolgt von einer einheitlicheren Auslegung in allen EU-Mitgliedstaaten und einer stärkeren Berücksichtigung kleinerer Anbieter und Start-ups (jeweils 38,6 Prozent). Auch weniger aufwendige Berichts- und Compliance-Vorgaben werden häufig genannt (36,4 Prozent). Der viel diskutierte Bereich Stablecoins landet dagegen mit 15,9 Prozent eher am unteren Ende der Prioritätenliste.

Dass die Regulierung den Standort Europa nicht automatisch attraktiver macht, zeigt der internationale Vergleich besonders deutlich. Nach der Attraktivität einzelner Krypto-Standorte gefragt, bewerten nur 29,6 Prozent der Insider die Europäische Union als attraktiv (27,3 Prozent eher, 2,3 Prozent sehr). Die USA kommen auf 84,1 Prozent, die Schweiz auf 75 Prozent, die Vereinigten Arabischen Emirate und Golfstaaten auf 68,2 Prozent und der asiatische Raum auf 70,4 Prozent. Die EU rangiert damit abgeschlagen mit Großbritannien und Lateinamerika am unteren Ende der Auswertung. Die Zahlen untermauern, was viele Insider in ihren Kommentaren befürchten: Rechtssicherheit allein macht noch keinen Leitmarkt.

8. MiCA im Praxistest: So bewerten Insider die Regulierung

Mit dem Auslaufen der Übergangsfristen zur Jahresmitte 2026 ist die europäische Krypto-Regulierung MiCA endgültig in der Praxis angekommen. Höchste Zeit, unsere Insider zu fragen: Was hat die Verordnung bislang wirklich gebracht – und wo drückt der Schuh?

Dietmar Schantl-Ransdorf von Bitpanda Wealth benennt das Grundproblem wie folgt: “MiCA hat der EU die ersehnte Rechtssicherheit gebracht, aber Regulierung darf kein statisches Konstrukt sein.” Bleibe man bei DeFi und Staking im Ungewissen, drohe Kapitalflucht. “Wenn wir bei zukunftsträchtigen Innovationen wie DeFi und Staking-Modellen weiterhin im Trüben fischen, wandert das Kapital und die technologische Speerspitze schlicht in Krypto-Hubs wie Dubai oder die Schweiz ab. Die EU muss jetzt Agilität beweisen, anstatt sich auf dem ersten Regelwerk auszuruhen.”

Andreas Lipkow, Chefmarktanalyst bei CMC Markets, zieht eine ausgewogene Bilanz: “Grundsätzlich begrüße ich die MiCA-Verordnung als wichtigen Meilenstein für den EU-Kryptomarkt. Sie schafft ein harmonisiertes Regelwerk mit klaren Anforderungen an Transparenz, CASP-Lizenzen und Verbraucherschutz, das Vertrauen stärkt und besonders durch das EU-weite Passporting institutionelles Kapital anzieht.” Doch er benennt auch die Kehrseite: “Gleichzeitig erhöht sie jedoch die Compliance-Kosten erheblich und vergrößert die Gefahr einer Marktkonsolidierung zulasten kleinerer innovativer Unternehmen.” Sein Urteil: MiCA positioniere Europa als regulierten Leitmarkt, doch es bleibe “die Gefahr bestehen, dass junge und innovative Ansätze sich nicht mehr durchsetzen können”.

Armin Schmid, CEO der Copper Markets (Liechtenstein) AG, fasst das Kosten-Nutzen-Verhältnis knapp zusammen: “MiCA hat die Grundlagen für einen sicheren und professionellen europäischen Krypto-Markt geschaffen, jedoch mit sehr viel Aufwand und somit Kosten für die Unternehmen.”

Wachstumstreiber für die Regulierten

Für etablierte, regulierte Anbieter ist MiCA durchaus eine Chance. Nils von Schoenaich-Carolath, Chief Growth Officer bei der Wertpapierhandelsbank tradias, macht das an seinem eigenen Geschäftsmodell fest: “MiCA ist für tradias ein struktureller Wachstumstreiber. Durch den einheitlichen europäischen Regulierungsrahmen können wir unser Geschäftsmodell deutlich skalierbarer ausrollen und den EU-Markt flächendeckend adressieren, ohne in jedem Land eigene Lizenzstrukturen aufbauen zu müssen.” Für weniger regulierte Wettbewerber werde es hingegen enger. “Für institutionell aufgestellte und regulierte Unternehmen wie tradias entstehen daraus erhebliche Chancen – durch Marktanteilsgewinne, Partnerschaften und eine steigende Nachfrage nach belastbarer Krypto-Infrastruktur.”

Frederic Meyer vom Digitalverband Bitkom rückt die politische Dimension in den Vordergrund und warnt vor reflexhaftem Misstrauen: “Europa und insbesondere Deutschland stehen als Krypto- und Blockchain-Standort an einem wegweisenden Punkt. Mit dem Auslaufen der MiCA-Übergangsfristen wird 2026 zum Praxistest.” Gerade deshalb solle die Politik den Sektor “nicht reflexhaft in die Nähe von Spekulation und Kriminalität rücken”. Meyer greift dabei zu einem prominenten Zitat: “Ronald Reagan wird sinngemäß mit dem Satz zitiert: ‘If you want more of something, subsidize it; if you want less of something, tax it.'” Das sei “kein Argument gegen Steuern, sondern für eine kluge politische Weichenstellung zugunsten eines starken, regulierten und wettbewerbsfähigen Blockchain- und Krypto-Sektors in Deutschland und Europa”.

Daniela Bobak vom Blockchain Bundesverband bestätigt den positiven Effekt für institutionelle Akteure: “MiCA hat aus meiner Sicht vor allem institutionellen Akteuren mehr Rechtssicherheit gegeben und den europäischen Markt attraktiver gemacht. Das erleben wir auch im Bundesblock: Das Interesse am europäischen und insbesondere am deutschen Markt ist spürbar gestiegen.” Doch auch sie sieht die Gefahr, “dass innovative Ideen kleiner Unternehmen an den regulatorischen Anforderungen scheitern”. Die Herausforderung sei, “Rechtssicherheit und Innovationsfähigkeit künftig besser auszubalancieren”.

Der Preis für kleine Anbieter

Ein Befund zieht sich durch fast alle Antworten: Die Compliance-Last trifft die Kleinen härter als die Großen. Albert Quehenberger, CEO des Krypto-Forensik-Spezialisten AQ Forensics, erkennt die Notwendigkeit der Regulierung an – “MiCA war notwendig” –, zeigt sich aber nachdenklich über die praktische Wirkung: “Der regulatorische Aufwand und die Compliance-Kosten sind deutlich gestiegen, die Auswirkungen auf die organisierte Kryptokriminalität bleiben aus unserer Erfahrung bislang jedoch überschaubar.” Seine Forderung: “weniger auf zusätzliche Bürokratie und stärker auf operative Maßnahmen setzen”.

Kerstin Kee Eismann von Autonomous Ventures warnt vor einer regelrechten Auswanderungswelle: “Durch MiCA ist ein Brain-Drain zu befürchten.” Besonders Gründer würden abwandern. “Diese Zielgruppe, die so wichtig ist für unser Land, wird vermutlich in die USA, UAE oder nach Asien auswandern, da geringere regulatorische Hürden, Access zu Market und Kapital dort eher gegeben sind.”

Michael Geike (21 Oaks Capital) nennt MiCA “ein historischer Schritt”, verweist aber auf die regressive Wirkung der Compliance-Kosten: Sie “treffen Start-ups härter als global aufgestellte Plattformen und verschieben Aktivität in agilere Jurisdiktionen”. Sein Fazit richtet den Blick nach vorn: “Entscheidend wird MiCA 2: einheitlichere Aufsicht und mehr Proportionalität für kleinere Anbieter.” In dieselbe Richtung argumentieren Jannick Broering (Teroxx), der “zügig nachbessern” bei Teilbereichen wie Stablecoins fordert, Georg Brameshuber (validvent), der ein “echtes Level Playing Field” anmahnt, Ed Prinz (neob.ai), der “schnellere und einheitlichere Zulassungsverfahren” verlangt, sowie Martin Postweiler (nupont), der die Frage aufwirft, ob es nicht “ein Lizenzregime nach Risiko” statt “nach Formularlänge” brauche.

Der Flickenteppich als eigentliches Problem

Über die grundsätzliche Kritik hinaus zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Nicht die Verordnung selbst, sondern ihre uneinheitliche nationale Anwendung wird als größtes Hindernis empfunden. Oliver Krause (Untitled INC) fordert eine Regulatorik, die “radikal Freiheit für Unternehmen schafft” und dabei Transparenz im Sinne des Verbraucherschutzes gewährleistet. Max Wilmeroth (Eve by Eraneos) hält MiCA “grundsätzlich für einen echten Fortschritt” und wertet selbst den Rückzug großer Player ohne Lizenz als “den Preis für einen seriösen Leitmarkt”. Michael Wild (Depositly) beschreibt, dass “aktuell kein wirklich einheitlicher europäischer Markt entsteht, sondern ein Flickenteppich aus nationalen Auslegungen” – mit besonderem Risiko für den Standort Deutschland. Und Daniel Winklhammer, CEO von 21bitcoin, räumt zunächst mit Missverständnissen auf: “MiCA wird von vielen Influencern und Nutzern schlicht falsch verstanden.” Aus der Praxis heraus sei die Rechtssicherheit “definitiv spürbar” besser geworden, das Passporting im gesamten EWR-Raum ein “echter Standortvorteil”. Sein dringendster Nachbesserungspunkt bleibt die Markteintrittsbarriere, die “dringend deutlich reduziert werden” müsse.

Über alle Gruppen hinweg verdichtet sich das Bild zu einer klaren Botschaft: MiCA hat Europa Rechtssicherheit und einen Vertrauensvorschuss beschert, doch ob daraus ein echter Standortvorteil wird, entscheidet sich erst mit der Frage, ob Brüssel und die nationalen Aufseher Proportionalität und Tempo nachliefern. Welch ein Glück, dass die eigentliche Innovationskraft sich nicht per Verordnung abschalten lässt – sie sucht sich nur ihren Standort.

Diese Expertinnen und Experten haben teilgenommen:

Albert Quehenberger, AQ Forensics
Alex von Frankenberg, May Ventures
Alexander Rapatz, Black Manta Capital
Andreas Lipkow, CMC Markets
Anna Graf, Arvato Systems by Bertelsmann
Armin Schmid, Copper Markets (Liechtenstein) AG
Benjamin Kaemmerer, CMC Markets
Bernhard Wenger, 21Shares
Christoph Impekoven, Blocksize Capital
Daniel Winklhammer, 21bitcoin
Daniela Bobak, Blockchain Bundesverband
David Florysiak, IU Internationale Hochschule
David Scheider, Teroxx
Dietmar Schantl-Ransdorf, Bitpanda Wealth
Ed Prinz, neob.ai
Florian Döhnert-Breyer, F5 Crypto
Florian Wimmer, Blockpit
Frederic Meyer, Bitkom
Georg Brameshuber, validvent
Jan-Oliver Sell, Qivalis
Jannick Broering, Teroxx
Joachim Schwerin, Europäische Kommission
Jürgen Kob, Friends & Finance
Kerstin Kee Eismann, Autonomous Ventures
Lutz Victor Wengorz, Agitarex
Malte Häusler, Timeless Investments
Markus Hujara, Greenfield Capital
Markus Schindler, Blockchain Investor AG
Martin Postweiler, nupont
Matthias Steger, Steger Consulting
Mauro Casellini, Celsion Bank
Max Wilmeroth, Eve by Eraneos
Maximilian Bader, Q21 Capital
Michael Geike, 21 Oaks Capital
Michael Wild, Depositly
Moritz Schildt, coinIX
Nils von Schoenaich-Carolath, tradias
Oliver Krause, Untitled INC
Paul Noll, Bluewin
Serge Kaulitz, Luzerner Kantonalbank
Vinzenz Treytl, ABC Research
Werner Hoffmann, Pekuna

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