Um beantworten zu können, ob Bitcoin und der Krypto-Sektor in den kommenden Monaten wieder kräftig ansteigen können, steht für mich eine Frage im Vordergrund: Rechnen sich die KI-Investments und Kapitalmaßnahmen von Anthropic und Co. in den kommenden 24 Monaten?
Investoren opfern Bitcoin für KI
Aktuell reicht es nicht aus, nur auf die Makrodaten zu schauen. Natürlich haben Inflationsraten, Notenbankpolitik und Zinsen einen signifikanten Einfluss auf den Kurs von Bitcoin. Dieser Einflussfaktor wird aktuell allerdings von dem Hype um Künstliche Intelligenz untergraben. Ein Großteil des Kapitals und der Aufmerksamkeit fließt in KI-Aktien und die anstehenden Mega-IPOs von SpaceX, Anthropic und OpenAI. Die Kapitalrotation in KI hat zu einem anhaltenden Kapitalabzug aus anderen Sektoren und Assetklassen geführt.
Solange der Kapitalsog in die genannten Aktienwerte anhält, scheint es praktisch unmöglich, dass der Krypto-Sektor in einen nachhaltigen Bullenmarkt umschwenkt. Ohne einen Wechsel des Narrativs oder der dominierenden KI-Investment-These wird es keine relevanten Kapitalströme gen Bitcoin, Ether etc. geben können.
Was kann also dazu führen, dass sich die Kapitalrotation umkehrt und ein Teil der unzähligen Milliarden an US-Dollar seinen Weg wieder in Kryptowerte findet? Wenn man das Makroumfeld für diesen Gedankengang ausblendet, dann gibt es nicht viele Optionen im Spannungsfeld zwischen KI und Krypto.
Die zwei Optionen
Eine Option wäre, dass sich ein neues Narrativ im Krypto-Sektor herausbildet, das es schafft, wieder das Interesse der Anlegerschaft für sich zu gewinnen. Dies könnte auch ein KI-Narrativ sein, das wir gerade bei den genannten KI-Coins beobachten können. Zusätzlich macht auch das eher institutionell geprägte Tokenisierungs- und Stablecoin-Narrativ Hoffnung, das allerdings im aktuellen KI-Investmentregime komplett untergeht.
Die andere Option wäre, dass die Erwartungen der KI-Investoren enttäuscht werden. Das muss nicht bedeuten, dass irgendeine KI-Blase platzt. Gerade weil KI realen Nutzen stiftet, kann die Blase sogar gefährlicher sein. Anders als bei der Dotcom- oder Metaverse-Blase geht es also weniger um eine Produkt- als um eine CAPEX-Blase (CAPEX = Investitionsausgaben). Schließlich müssen sich die Investments und neuen Unternehmensbewertungen rechnen. Jeder Anleger möchte eine Rendite auf sein Investment erhalten, das sich am Gesamtmarkt behaupten kann.
Billionen für Künstliche Intelligenz: Doch wie lange noch?
Ohne die KI-Revolution infrage zu stellen, bestehen ernsthafte Zweifel, wie es in den nächsten 12 bis 24 Monaten gelingen soll, derart hohe Bewertungen zu rechtfertigen. Vorschusslorbeeren sind ganz normal an der Börse, aber irgendwann wollen Anleger Ergebnisse, ergo eine Kapitalrendite auf das eingesetzte Kapital sehen. Dies gilt für die Hunderte Milliarden US-Dollar, die Nvidia, Google oder Microsoft in KI investieren, aber auch für die Bewertungen der IPO-Kandidaten SpaceX, Anthropic und OpenAI.
Deren IPOs werden gerade allesamt oberhalb der Billionenmarke zum Start prognostiziert. Die angestrebte Bewertung von SpaceX soll sogar 1,8 Billionen US-Dollar betragen. Zusammen könnten das bislang wenig ertragreiche Trio also eine Bewertung erreichen, die der gesamten Wirtschaftsleistung der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt entspricht.
Die Chance, dass es auf Anlegerseite zu Enttäuschungen kommt, schätze ich als hoch ein. Hier liegt aus meiner Sicht auch die Chance für Krypto, dass sich die Bewertungs- und Gewinnfantasien im KI-Sektor nicht schnell genug materialisieren. Bislang gab es an den Börsen immer Kapitalrotationen von einer Anlageklasse oder einem Sektor in einen anderen. Dieser Zyklik dürfte sich sogar KI nicht gänzlich entziehen können.
It’s the infrastructure, stupid!
Während Krypto als klarer Verlierer der KI-Welle gehandelt wird, könnte sich dies zukünftig drehen. Es ist schlichtweg falsch, anzunehmen, dass es um Krypto vs. KI geht. Stattdessen profitieren Krypto und KI voneinander. Krypto muss nicht gegen KI gewinnen, sondern als Infrastrukturthese in KI hineinrutschen.
Ganz egal, wie man die KI-Adoption weiterdenkt, kommt man nicht um Krypto herum. Qua Logik benötigen KI-Agenten offene Schnittstellen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Open Finance beziehungsweise offene Blockchain-Protokolle sind die Antwort, um digitale Wertschöpfung im KI-Zeitalter überhaupt auf die nächste Wertschöpfungsstufe zu heben. Ein KI-Agent wird immer einen global kompatiblen und programmierbaren Stablecoin bevorzugen, als die Kreditkarte der Hausbank. Unsere traditionelle Finanzinfrastruktur ist schlichtweg nicht für die Anforderungen der KI-Wertschöpfung gemacht, damit Informationen und Kapital gemäß der neuen Effizienzlogik frei fließen können.
Dezentralisierung oder Dystopie: KI braucht Krypto
Diese Dezentralisierungsthesen hören aber nicht bei der reinen Transaktionsinfrastruktur auf. Neben einer Dezentralisierung von Rechenleistung geht es auch um eine Ausstattung mit digitalen Identitäten. Wenn deutsche Behörden bereits damit überfordert sind, in unter einem Monat einen neuen Personalausweis auszustellen, wie sollen sie dann global tätige KI-Akteure wie KI-Agenten oder humanoide Roboter mit Identitäten ausstatten, die im globalen Wirtschafts- und Informationskontext funktionieren? Der Staat kann schlichtweg nicht mehr mit der digitalen Transformation mithalten.
Doch wer steuert dann die Identitätsvergabe und Verifizierung? Sucht man die Antwort auf Unternehmensebene, dann bleiben nur die amerikanischen oder asiatischen Tech-Konzerne übrig, die in einem dystopischen Szenario dazu potenziell in der Lage wären.
Ledger of Last Resort: Lieber Ethereum als Google
Solange wir aber nicht von einem solchen Szenario ausgehen, dass ein einzelner Tech-Konzern wie Google oder Meta das Staats- und Finanzwesen vereinnahmt und zum “Ledger of Last Resort” wird, sehe ich keine Alternative zu dezentralen Infrastrukturen. Dieses strukturelle Wertversprechen mag einem als Krypto-Investor Hoffnung geben, allerdings ist es gegenwärtig noch viel zu abstrakt, um sich auf die Kurse der Kryptowerte niederzuschlagen.
Bis sich diese fundamentale Infrastrukturthese materialisiert, ist es wahrscheinlicher, dass ein finanzmarktbedingter Dämpfer die KI-Kapitalakkumulation zugunsten von Krypto verschiebt. Sollte dann auch noch das in diesem Kontext ausgeklammerte Makroumfeld auf Grün springen, könnte ein neuer Bullenzyklus Bitcoin in wenigen Monaten wieder in den Bereich seiner alten Allzeithochs führen.
Wer wissen möchte, welchen Einfluss KI-Agenten auf den Krypto-Sektor haben, der kann dies im kostenlosen BTC-ECHO Insider Report nachlesen.
