Nach Schätzungen der Krypto-Analysefirma Chainalysis sind zwischen 2,3 und 3,7 Millionen Bitcoin für immer verloren. Beim aktuellen BTC-Kurs entspricht das einem dreistelligen Milliardenbetrag, der irgendwo auf der Blockchain liegt und nie wieder bewegt werden könnte. Die tatsächlich verfügbare Menge liegt damit deutlich unter den 21 Millionen, die das Protokoll vorsieht. Umso erstaunlicher ist, was einem britischen Bitcoin-Frühinvestor jüngst gelang. Nach zwölf Jahren bekam er Coins zurück, die er längst abgeschrieben hatte. Der Wert heute: rund 3,3 Millionen Pfund.
Bitcoin-Verlust durch Börseninsolvenz
Seine ungewöhnliche Geschichte begann bereits 2011, als ein Freund den Mann, der anonym bleiben möchte und in Medienberichten “Chris” genannt wird, zum Bitcoin-Einstieg überredete. Ein Coin kostete damals gerade einmal 2,94 Pfund. Chris investierte vorsichtig: Insgesamt 1.500 Pfund über Intersango, vormals Britcoin, eine der ersten britischen Bitcoin-Börsen überhaupt.
2012 geriet die Plattform allerdings in ernsthafte Schwierigkeiten, Anfang 2014 ging sie dann offline, und Auszahlungsanfragen blieben unbeantwortet. Als Chris die Coins abziehen wollte, war sein Konto eingefroren. Zum damaligen Zeitpunkt waren seine dort gelagerten Bitcoin-Bestände rund 4.000 Pfund wert.
Da Intersango nicht von der Finanzaufsicht FCA reguliert wurde, hatte er kaum Handhabe, um gegen den Handelsplatz vorzugehen. “Sie hatten das Privileg, einfach dichtzumachen und wegzugehen”, sagte Chris dem Sender LBC. Danach verfolgte er den Kurs immer seltener. Auf dem Höchststand im Oktober des vergangenen Jahres kostete ein Bitcoin 94.000 Pfund respektive 126.000 US-Dollar.
Anwälte eilten zur Bitcoin-Rettung
Im Jahr 2018 erreichten ihn E-Mails von zwei Intersango-Mitgründern, die ehemalige Kunden suchten. Chris vermutete zunächst Betrugsversuche und löschte diese Nachrichten entsprechend. Erst Anfang dieses Jahres wandte er sich auf Drängen seiner Frau schließlich an die Kanzlei CEL Solicitors, die auf die Rückholung verlorener Kryptowährungen spezialisiert ist. Und siehe da: Innerhalb weniger Monate waren die Coins zurück.
Für andere Betroffene könnte diese Rettungsaktion zu einem bedeutenden Präzedenzfall werden. Die drei Mitgründer streiten seit Jahren vor Gericht über die Abwicklung der Börse, wobei einer von ihnen 5.500 Bitcoin im Wert von etwa 500 Millionen Pfund halten soll. Nach Einschätzung von Rechtsanwalt Ryan Sweetnam gehört zumindest ein Teil davon früheren Kunden. Ausschlaggebend für den Erfolg sei der Moment im Verfahren gewesen, als einer der Gründer bestätigte, die Coins noch immer zu verwahren.
Warum alte Wallets so schwer zugänglich sind
Chris hatte also insofern Glück, dass seine Bitcoin bei einem Dritten lagen, der sie herausgeben konnte. In den meisten Fällen ist das nicht möglich. Wer seine privaten Schlüssel verliert, hat prinzipiell keine Instanz, an die er sich wenden könnte. Es gibt keine Hotline und keine Möglichkeit zur Zurücksetzung des Passworts. Erschwerend funktionierten frühe Wallets technisch anders als heutige. Der Standard für Seed-Phrasen, sprich die Wiederherstellung über zwölf oder 24 Wörter, wurde erst 2013 entwickelt.
Wer davor Bitcoin hielt, verwaltete meist eine verschlüsselte Datei auf der Festplatte. Ging diese kaputt oder geriet das Passwort in Vergessenheit, war der Zugang endgültig weg. Außerdem waren Anleger in den Anfangsjahren noch vergleichsweise sorglos in Hinblick auf Backups, weil der Bitcoin-Kurs so viel niedriger notierte als heute. Der Waliser James Howells etwa entsorgte 2013 versehentlich eine Festplatte mit 8.000 Bitcoin, die inzwischen mehrere hundert Millionen US-Dollar wert sind. Seine enormen Anstrengungen, die Festplatte auf einer Mülldeponie zu finden, waren jedoch vergeblich.

