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Nadel im Heuhaufen Der Mann, der 8.000 Bitcoin im Müll finden will

Wie findet eine millionenschwere Festplatte ihren Weg unter einen gigantischen Haufen Müll im Waliser Süden? Die legendäre Geschichte eines eisernen Bitcoiners, der zurückhaben will, was ihm gehört.

Marlen Kremer
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James Howells

Beitragsbild: Shutterstock

| James Howells will nach der millionenschweren Nadel im Heuhaufen suchen. Doch der Stadtrat stellt sich quer.

Wir schreiben das Jahr 2013. James Howells aus Newport, Wales, liest die Nachrichten, als es bei ihm plötzlich klick macht. Er schnellt zu einer Schublade in seiner Wohnung, zieht an dem Griff und findet: nichts. Statt des Schlüssels zu 8.000 Bitcoin hält er die leere Festplatte, die er eigentlich entsorgen wollte, in seinen Händen. Und das digitale Gold? Hat er versehentlich weggeworfen – statt der Festplatte, die er nun auffindet. Sein Vermögen liegt nun tief unter einem Müllhaufen vergraben. Wie Howells die Platte wiederfinden will, hat er BTC-ECHO erzählt.

“Das Ding ist ganz schön laut”

Howells beschäftigt sich schon 2009 mit Bitcoin. Das Whitepaper veröffentlicht Satoshi nur ein Jahr zuvor. Damit gehört der Waliser zu den ersten Menschen, die mit dem digitalen Gold in Kontakt kommen.

“Als ich das erste Mal mit Bitcoin zu tun hatte, war es nur ein Experiment”, erinnert sich Howells im Gespräch mit BTC-ECHO und beschreibt, wie einfach es damals war, BTC zu minen. Meistens lässt er einfach seinen Laptop über Nacht angeschaltet und schürft neue Coins sozusagen im Schlaf. “In den meisten Nächten bekam ich 200 Coins, 300 Coins, 500 Coins für einen Tag”, so der IT-Ingenieur. Er fährt lachend fort: “Eines Tages bekam ich 1.200 Münzen. Und der Grund dafür war, dass ich verschlafen hatte.”

So schürft der Waliser für einige Wochen munter weiter. Bis seine Partnerin andeutet, dass das Gebläse von Howells Gaming-Laptop – er beschreibt ihn als Hightechgerät, eines der ersten Alienware-Modelle – durch das Mining etwas laut sei. “Sie hat mir zwar nicht gesagt, dass ich aufhören soll”, sagt er. Für ihn sei die Geräuschkulisse ohnehin kein Problem gewesen: “Weil ich ein Computeringenieur bin, könnte ich in einem Rechenzentrum auf dem Boden schlafen, das stört mich nicht. Aber für sie war es ärgerlich”, erklärt der 37-Jährige.

“Bitcoin war zu der Zeit nichts Wichtiges.” Und damit packt Howells die metaphorische Hacke und schmutzige Arbeitskleidung ganz weit nach hinten in sein Bewusstsein: Er hört auf, Bitcoin zu schürfen.

“Wenn überhaupt, dann ist das mein größtes Bedauern in dieser ganzen Situa­tion”, gibt Howells im Gespräch zu bedenken. “Nicht, dass ich die Festplatte weggeworfen habe.” Nachdenklich fährt er fort: “Mein größtes Bedauern ist, dass ich mit dem Mining aufgehört habe, denn wir reden heute über 8.000 Coins. Aber wenn ich weitergeschürft hätte, hätten wir über 800.000 Coins sprechen können.”

Der Moment der Wahrheit

2010 kauft sich Howells einen neuen Computer, diesmal einen Mac. Zu dem Zeitpunkt funktioniert das Bitcoin-Protokoll jedoch noch nicht auf Geräten von Apple. Während der Datenübertragung von seinem alten Laptop auf die neue Maschine lässt er also seine Bitcoin-Daten aus, weil sie nicht kompatibel sind. Als Techie ist es für ihn ein Leichtes, seinen alten Laptop auseinanderzuschrauben und die Einzelteile zu verkaufen – bis auf den RAM und die Festplatte mit den Bit­coin, die er verstaut. “Sie lag einfach in der Schublade, während ich mich mit anderen Dingen im Leben beschäftigte”, erklärt Howells. “Und offensichtlich hat Bitcoin sozusagen ohne mich weitergemacht.”

Der Waliser fängt 2013 an, auszumisten. Tastaturen, Mäuse, Monitorständer: Als ITler wird er oftmals geradezu überschwemmt von kaputten Hardware-Teilen. “In der Schublade befanden sich zwei Festplatten, die fast identisch aussahen”, erinnert sich Howells. Eine davon enthält all seine persönlichen Daten: Bilder, Musik, den Private Key für seine Bitcoin. Die andere Festplatte ist brandneu, wurde noch nie benutzt. Er ist in Eile und greift nach einer der Festplatten. “Leider habe ich die falsche in den Müll geworfen”, so Howells gegenüber BTC-ECHO. Damit rekonstruiert der Waliser eine Millisekunde, an die er sich sein Leben lang genauestens erinnern sollte.

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Etwa drei Jahre später erfährt die Mutter aller Kryptowährungen einen enormen Schub nach oben. Es ist 2013, Bitcoin legt einen Bullrun hin und durchbricht erstmals die 1.000-US-Dollar-Marke. Der Gegenwert von Howells Coins liegt zu dem Zeitpunkt bei etwa zehn Millionen US-Dollar.

“In den ersten Wochen, sagen wir für den Rest des Oktobers und Anfang ­November, bin ich allein damit umgegangen. Ich habe es nicht einmal meiner Partnerin gegenüber erwähnt”, erinnert sich Howells zurück. Denn sie sei letztendlich diejenige gewesen, die die Mülltüte mit der millionenschweren Festplatte zur Deponie gebracht habe. “Es war keine Absicht. Sie hat mir nur einen Gefallen getan und mir geholfen”, erklärt Howells. “Also mache ich ihr in dieser Hinsicht keine Vorwürfe.”

Howells überlegt, zu der Mülldeponie in Newport zu fahren, um mit den Betreibern dort zu sprechen. Er hat Bedenken, dass sie ihn für verrückt erklären würden. Trotzdem wagt er es und fragt, ob es möglich sei, den Müll zu durchsuchen. Die Betreiber erklären ihm, dass er eine Genehmigung von dem eigentlichen Grundbesitzer brauche – in diesem Fall vom Stadtrat in Newport.

“Wie verhandelt man mit einer Steinmauer?”

Doch der Waliser stößt mit seinem Vorhaben nicht auf Gegenliebe. Seit Jahren versucht Howells, den Stadtrat in Newport von seinen Plänen zu überzeugen. “Es ist ja nicht so, dass wir etwas Neues erfinden müssen”, meint Howells. Mülldeponien seien bereits des Öfteren durchsucht worden, beispielsweise von der Polizei, um Tatwaffen zu finden.

2013 versucht Howells zum ersten Mal, die Genehmigung für sein Projekt zu erhalten. “Es war eine Art Oliver-Twist-­Situation: ‘Bitte, kann ich Ihre Mülldeponie durchgraben?'”, erinnert sich der 37-Jährige zurück. “Im Laufe der Zeit wurde aus meinem Betteln ein professionelles Team von millionenschweren Unternehmen.”

Metallrecyclinganlage im Hafen von Newport, Südwales, UK. Quelle: picture alliance | Adrian Sherratt

Denn Howells gibt nicht auf, werkelt weiter an seinem Projekt, die Festplatte auf der Waliser Mülldeponie wiederzufinden, wird sogar von Kapitalgebern aus Deutschland und der Schweiz finanziell unterstützt – vorausgesetzt, der Stadtrat gibt grünes Licht. Dieser lehnt sein Vorhaben jedoch mehrere Male ab. Zu groß sei das “ökologische Risiko”, erklärte der Stadtrat in Newport gegenüber der BBC. Auch aufgrund ihrer Lizenz dürfe man Howells Unterfangen nicht in Betracht ziehen.

Dem Waliser zufolge sei die Ablehnung des Stadtrats nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens. “Es geht nicht darum, dass es nicht möglich wäre. Es geht darum, dass sie nicht den Willen haben, es zu tun”, so Howells und zieht Bilanz: “Sie wollen, dass ich einfach verschwinde.”

Die millionenschwere Nadel im Heuhaufen

Während des Allzeithochs des letzten Jahres erreichte Howells digitaler Goldschatz einen Gegenwert von etwa 550 Millionen US-Dollar. Seit dem Marktcrash verringerte sich der Gegenwert auf aktuell über 165 Millionen US-Dollar.

Doch Howells lässt sich nicht unterkriegen und arbeitet unermüdlich an dem Plan, seinen Bitcoin-Schatz nach Hause zu bringen. Er stellt ein professionelles Team zusammen, bestehend aus Spezialisten zur Datenwiederherstellung, Deponiesanierung, künstlichen Intelligenz (KI) sowie Experten zum Thema Asbest, gefährliche Abfälle und Luftqualität. Sogar der ehemalige Manager der Mülldeponie ist Howells’ Team beigetreten.

“Wir rechnen derzeit mit einem Wiederherstellungsverfahren im Wert von fünf bis zehn Millionen Pfund. Und das hängt davon ab, wie weit der Stadtrat von Newport uns gehen lässt”, erklärt der Waliser in unserem Gespräch. Mithilfe von künstlicher Intelligenz soll der Müllhaufen gescannt werden, um die wertvolle Festplatte herauszufiltern. Sollte Howells die Genehmigung für eine größere Operation erhalten, plane man zum Beispiel auch, Roboterhunde einzusetzen, um das kostbare Metallkästchen aufzuspüren.

Um den Umweltbedenken des Stadtrats entgegenzuwirken, soll die Schatzsuche auch mit einer großen Recycling-Aktion einhergehen. “Alles wird zu verschiedenen Orten in Südwales gebracht, wo es gereinigt, dekontaminiert und recycelt wird”, erklärt Howells. “Wir glauben, dass wir 70 bis 80 Prozent des Materials in dieser Deponie wiederverwerten können.”

Ob eine Wiederherstellung der Daten möglich ist, kommt auf den Zustand der Platine an. Ist sie intakt, stehen die Chancen gut. Quelle: Shutterstock

Zugegeben: Ganz ohne Risiko ist ­Howells Vorhaben nicht. Wie hoch ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass die Daten auf der Festplatte wiederherstellbar sind? “Das Einzige, was uns interessiert, ist die Platte im Inneren”, erklärt Howells. “Alles andere kann woanders nachgebaut werden. Wenn die Platte zerschmettert ist wie ein Spiegel in Millionen Stücke, dann halte ich meine Hände hoch und sage, es gibt keine Chance.” Äußerliche Beschädigungen dürften jedoch nichts ausmachen, schätzen die Experten.

Auch mit seinen jüngsten Versuchen im Juli 2022, die Müllherrscher von seinem Projekt zu überzeugen, beißt der 37-Jährige noch immer auf Granit. “Leider kommen sie nicht einmal zu einem Gespräch an den Tisch, um zu diskutieren und zu verhandeln”, klagt Howells gegenüber BTC-ECHO. “Wie verhandelt man mit einer Steinmauer?”

Bitcoin: Der Silberstreif

Dennoch ist der Bitcoiner weit gekommen: Howells will nicht mehr nur die Nadel im Heuhaufen finden. Nein, sein Plan reicht mittlerweile sehr viel weiter. Er will den Heuhaufen beseitigen, aufräumen und dadurch die Nadel zum Vorschein bringen – und damit letztendlich Menschen in der Umgebung die Krypto-Szene näherbringen.

“Es handelt sich um ein Projekt zur Sanierung der Mülldeponie und zur Wiederherstellung der Festplatte. Es gibt zwei Probleme und eine Lösung. Und wenn diese Lösung erfolgreich ist, dann können wir auch Geld an die Gemeinde in Newport in Südwales geben, um die Menschen über Krypto aufzuklären und es zu einem riesigen Krypto-Zentrum für Wales zu machen”, sagt Howells. “Aber was wollen die Machthaber tun? Nichts”, beschwert er sich und meint: “Die Menschen wollen es einfach nur bequem haben, anstatt die schwierigen Dinge zu tun.”

Aufgeben kommt für den Waliser trotz allem nicht infrage. Die Daten auf der Festplatte gehören ihm, würden ihn zu einem sehr reichen Mann machen. Warum solle er also aufhören, für sie zu kämpfen? Mitten in der Misere schafft es Howells sogar, etwas Gutes an seiner Situation zu sehen. “Mein Bitcoin-Verlust beweist, was wir behaupten oder was Satoshi behauptet”, erklärt er gegenüber BTC-ECHO und führt seinen Gedanken fort: “Wenn ich meine Coins nicht zurückbekomme, was dann? Dann kann die Regierung das auch nicht”, sagt ­Howells und argumentiert: “Die Tatsache, dass ich meine Coins nicht bekommen kann, beweist, wie sicher Bitcoin ist, oder nicht?”

Obwohl er sich seine Finger daran verbrannt hat, hält er bis heute an Kryptowährungen fest. Er erzählt, dass er sich tagtäglich damit beschäftige. Während die Euphorie um Bitcoin und Co. wohl gleich geblieben ist, hat sich auf alle Fälle bei dem 37-Jährigen eines verändert: die Art und Weise, wie er seine Coins verwahrt.

“Ziemlich verrückte Reise. Ziemlich verrückte Geschichte. Ziemlich verrückte Situation”, fasst der Waliser unser Gespräch mit einem Lächeln zusammen. “Ich kann sie in keiner Weise ändern. Ich kann mich nicht vor ihr verstecken. Es hat keinen Sinn, deshalb zu weinen”, so Howells. “Das Einzige, was ich tun kann, ist, ein professionelles Team zusammenzustellen, das die Arbeit auf höchstem Niveau erledigen kann. Und genau das haben wir getan.”

Noch immer steht Howells vor einer verschlossenen Tür. Trotz all seiner Bemühungen scheint es unwahrscheinlich, dass ihm der passende Schlüssel in absehbarer Zeit überreicht wird. Doch Howells gibt nicht auf: “Wir haben das Schachbrett aufgebaut. Wir sind bereit, mit dem Spiel zu beginnen. Bringen wir es hinter uns”, sagt der Bitcoiner. “Aber die andere Mannschaft will nicht spielen.”

Disclaimer: Dieser Artikel erschien bereits in der Novemberausgabe des BTC-ECHO Magazins. Hier entlang geht’s zum Shop.

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