What is money? Für die philosophische Einordnung und letztlich seine Existenzberechtigung ist die Frage nach dem Zwecke des Geldes eine essenzielle für Bitcoin. In einem Interview mit dem Handelsblatt spricht der irische Ökonom David McWilliams über staatliche, archaische und moderne Geldformen. Bitcoin hingegen spricht er den Wert ab. Dabei sind seine Argumente wenig überzeugend.
Das Wesen des Geldes ist ergründlich
Es ist schön, wenn Ökonomen den Blick über den Tellerrand wagen und die Grundformel aller Modelle im Detail zu verstehen versuchen. Man könnte daher meinen, dass es zum Rüstzeug der Volkswirte gehört, das Wesen des Geldes zu kennen. Als Alumni eines volkswirtschaftlichen Studiengangs kann ich aber sagen: Weit gefehlt. “Über Geld spricht man nicht”, das gilt nicht nur im Volksmund, sondern auch in den Hörsälen deutscher Universitäten.
McWilliams hingegen, der sprach vor kurzem sehr ausführlich über Geld, im Interview mit dem Handelsblatt. Einige seiner Aspekte waren dabei zweifelsfrei faszinierend, andere hingegen weniger. Der Reihe nach.
Für die Entwicklung komplexer Gesellschaften ist die Erfindung des Geldes nicht nur Beiwerk, sondern eine notwendige Bedingung. “In den letzten 5000 Jahren war Geld noch wichtiger, weil wir nur so die wachsende Komplexität menschlicher Gesellschaften bewältigen konnten”, so der Ökonom.
Damit hebt er darauf ab, dass Geld ökonomisches Handeln von Individuen, die sich weder kennen noch vertrauen, koordiniert. Es ist richtig, dass Geld Warenhandel erst ermöglicht; Tauschhandel ist ab einer gewissen gesellschaftlichen Komplexität nicht mehr gangbar. Archaische Geldformen wie der Ishango-Knochen oder die Rai-Steine auf der Südseeinsel Yap sind typische Beispiele für historische Geldformen, die in Bitcoiner-Kreisen gerne herangezogen werden.
“Geld ist eine Technologie des Staates”
So weit, so gut. Interessant wird das Interview aber mit Blick auf moderne Geldformen wie Bitcoin. Den hält McWilliams nämlich für reine Spekulation. Denn: “Geld ist eine soziale Technologie des Staates.”
Eine Einordnung, die in gänzlichem Widerspruch zu dem zuvor gesagten steht. Der Ishango-Knochen ist ein etwa 20.000 Jahre altes Relikt, das im Gebiet des heutigen Kongo gefunden wurde. Damals existierte so etwas wie Staatlichkeit überhaupt noch nicht. Trotzdem hat sich eine Geldform herausgebildet, weil sie notwendig und sinnvoll war – ganz ohne staatliche Koordination.
Zu behaupten, dass Geld schon immer eine “soziale Technologie des Staates war”, ist daher schlicht falsch. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn sie greift die Prämisse an, mit der McWilliams Bitcoin kurzerhand die Existenzberechtigung abspricht. Es wird aber noch besser.
“Bitcoin ist ein Spekulationsobjekt”
Bitcoin sei obendrein eine schlechte Geldform, denn: “Er wird gehortet, nicht ausgegeben. Sobald eine Währung gehortet wird, wird sie zum Spekulationsobjekt. Geld ist nur als weit verbreitetes Tauschmittel wertvoll.”
Auch dieses Argument ist Bitcoinern bekannt. Sparen, hier polemisch “horten” genannt, sei per se schlecht. Dass nur ausgegebenes Geld, gutes Geld ist unter Zentralbankern wie David McWilliams ein beliebtes Mittel um schleichende Entwertung zu rechtfertigen. Bitcoin hingegen, so der Ökonom, sei “eine Lösung, die nach einem Problem sucht. Denn das globale Finanzsystem funktioniert genauso gut auch ohne.”
Im globalen Norden: Vielleicht. Im globalen Süden: Eher nicht. Es ist faszinierend zu sehen, wie man mit aller Kraft Bitcoins Existenzberechtigung angreift, ohne zu sehen, dass ein Asset mit einer Marktkapitalisierung von über 1,7 Billionen US-Dollar scheinbar für einen ganzen Haufen Menschen einen echten Mehrwert bietet. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Der Siegeszug von Gold in den letzten Monaten ist ein weiteres Zeichen, dass private Geldformen einen Bedarf decken, den es offensichtlich gibt: Den nach einem Wertspeicher, der nicht diskretionär entwertet werden kann.
Das ist der Unterschied zwischen einer Währung und einem Geld
Und hier wird eben der entscheidende Fehlschluss sichtbar: Bitcoin ist Geld, der Euro ist eine Währung. Dass Bitcoin kaum für Bezahlungen genutzt wird unterminiert nicht seine Eignung als Geld, denn das ist nicht das Problem, das Bitcoin löst. Es wäre hirnrissig, seine täglichen Einkäufe mit einer disinflationären Währung zu tätigen; die Opportunitätskosten der Ausgabe bei einem durchschnittlich jährlichen Wertzuwachs von 50 Prozent sind exorbitant. Es mag schon sein, dass der Euro eine bessere Währung ist, dafür ist der Bitcoin ein besseres Geld. Die Wette, welche der zwei Ideen sich durchsetzt, machen Bitcoiner in ihren Portfolios.
Auch der Vergleich mit Sprachen hinkt. Ebenso wie Geld sind auch Sprachen soziale Konstrukte, die nicht der Deutungshoheit des Staates unterliegen. “Esperanto als künstliche Plansprache konnte sich nicht durchsetzen, obwohl es leichter, logischer, konsistenter [als Englisch] ist. Weil die Welt mit Englisch schon eine dominante Sprache hatte. Bitcoin ist wie das Esperanto des Finanzwesens”, sagt McWilliams.
Das Gegenteil ist der Fall: Fiatgeld ist das Esperanto des Finanzwesens, weil es durch staatlichen Zwang künstlich in Existenz gehoben wird, obwohl es bessere Alternativen gibt. Englisch hingegen hat sich als soziales Konstrukt von ganz allein verbreitet. Eine natürliche Verbreitung als Weltsprache dauert aber Zeit, genau wie beim Geld.
Quelle
