Widerspruch Blockchain Mit dem E-Euro zur finanziellen Planwirtschaft

Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 8 Minuten

Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

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Grüner Trabant steht symbolisch für Digitaler Euro vor Graffiti Wand

Quelle: Shutterstock

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Im Zuge der Corona-Krise bekommt der Ruf nach einem digitalen Euro immer mehr Gewicht. Was dabei gerne vergessen wird, ist die Frage wie dieser von Notenbanken herausgegeben werden soll. Über Geschäftsbanken oder direkt an Unternehmen und Haushalte? Warum sich in der Krise das Spannungsfeld zwischen zentral und dezentral auf die Spitze treibt, wir FedAccounts gegenüber skeptisch sein sollten und trotz aller Risiken der digitale Euro unausweichlich ist.

Der Widerspruch könnte nicht größer sein: Die Blockchain-Technologie ist eine dezentrale Infrastruktur, die die Ineffizienzen der zentralen Steuerung überkommen möchte. Zentrale Steuerungseinheiten sind beispielsweise Zentralbanken. Wie ihr Name schon andeutet, handelt es sich um einen Akteur, der zentral die Marktkräfte steuert oder zumindest beeinflusst.

Gegenüber einer dezentralen Steuerung gibt es viele Vorteile, die eine Steuerung über zentrale Akteure mit sich bringen kann. Insbesondere dann, wenn das dezentrale Marktchaos zu sozioökonomischen Schieflagen führt, ist die direkte und zentrale Steuerung oftmals im Vorteil. Das beste Beispiel ist die aktuelle Corona-Krise, bei der es eine Tendenz von dezentralen zu zentralen Strukturen in der Lenkung der Real- und Finanzwirtschaft gibt. Gerade in Krisenzeiten wie Krieg, Naturkatastrophen oder eben Seuchen, hat sich die tendenziell zentrale Steuerung gegenüber der dezentralen durchgesetzt. 

Dezentralität vs. Zentralität

In der Theorie ist ein dezentrales System, also eines ohne einen zentralen Lenker oder Primus inter pares, einem zentralen System grundsätzlich überlegen. Dies liegt daran, dass sich Informationen zwischen den Marktteilnehmern besser verteilen und zu markteffizienteren Ergebnisse führen. Vereinfacht gesagt finden Angebot und Nachfrage besser zusammen.


Die bessere Informationsallokation führt zu einem höheren Marktoptimum, als wenn ein einzelner Akteur, wie eine staatliche Behörde oder eben Notenbank, die Lenkung übernimmt. Auf ebenjener Grundlage stützen sich viele liberale Theorien, die eine kritische Haltung gegenüber Notenbanken einnehmen. So zum Beispiel die Österreichische Schule. Diese steht diametral zur Planwirtschaft, wie wir sie beispielsweise in der DDR hatten. Dort gab es bis auf den Schwarzmarkt kaum dezentral wirkende Marktkräfte, da alles einer zentralen Steuerung durch den Staat unterlag.

Mit unserem heutigen Wirtschaftssystem haben wir uns für einen Mittelweg zwischen Österreichischer Schule (wirtschaftlich dezentral) und Planwirtschaft (wirtschaftlich zentral) entschieden.

Die Janusköpfigkeit unseres Bankensystems

Vor diesem Hintergrund müssen wir uns die aktuelle Situation unseres Bankensystems genauer anschauen, um zu verstehen, warum digitale Zentralbankwährungen das bestehende System auf den Kopf stellen können. So haben wir das planwirtschaftliche Element (die Notenbank) und das annähernd dezentrale Element (private Banken und Finanzdienstleister).

Möchte die Notenbank durch ihre Geldpolitik Einfluss auf unser Finanz- und indirekt Wirtschaftssystem ausüben, so muss sie über die Geschäftsbanken gehen. Nicht die Notenbanken, sondern die Geschäftsbanken sind für die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen verantwortlich. Aus wirtschaftsliberaler Brille ist dies auch vollkommen richtig, da viele private und im Wettbewerb stehende Akteure zu einem höheren Marktoptimum führen als eine einzelne Zentralbank.

Entsprechend sinnvoll ist es, dass sich die Notenbanken eher zurückhalten und das Verteilen von Krediten den freien Finanzmarktakteuren überlassen. Das Ergebnis ist im Idealfall ein Zins, der sehr gut bestehende Marktrisiken beziehungsweise potentielle Chancen wiederspiegelt und die Nachfrage nach Geld (Krediten) bedient.

Das Problem mit der freien Wirtschaft

In der Corona-Krise zeigt sich das Problem, dass der dezentrale Teil unserer Wirtschaft nur noch bedingt funktioniert. Die Kreditvergabe der Banken untereinander und gegenüber der Realwirtschaft trocknet aus. Die Notenbank als verlängerter Arm der Staaten möchte unmittelbar und effektiv Krisenbekämpfung betreiben. Das Ergebnis ist allerdings, dass die Gelder der Notenbanken nicht von den Geschäftsbanken weitergereicht werden. Die Folge ist, dass Staaten und Notenbanken überlegen wie sie den aus ihrer Sicht trägen Mittelsmann, das Bindeglied so zu sagen, umgehen können.

Welcher Unternehmer, der aktuell staatliche Hilfe benötigt, würde sich nicht freuen, direkt Kapital zu bekommen? Anstatt den Umweg über die Hausbank zu gehen, die wiederum mit der staatlichen KfW verbunden ist, da diese für das groß oder inzwischen die gesamten Risiken haftet. Am Ende ist es also der Staat, der als zentrale Instanz die Kreditversorgung gewährleistet und damit die Markkonditionen mitprägt.

Wenn der Staat sich etwas wünschen könnte

Was wäre, wenn Notenbanken und Staat nicht mehr auf die Geschäftsbanken-Infrastruktur angewiesen wären? Man also nicht von Banken abhängig ist, die man im Zweifel auch noch retten muss, wenn es zu größeren Kreditausfällen oder Spekulationsblasen kommt. Der Gedanke ist aus vielen Gründen sehr verlockend und der Gestaltungsspielraum des Staates würde enorm hinzugewinnen. Sollte dann auch noch die bisherige Unabhängigkeit der Zentralbanken, die aktuell schon genug in der Krise zu leiden hat, weiter aufweichen, dann hätten Politiker ein unglaublich mächtiges Werkzeug.

So verlockend in der Krise diese Möglichkeit wäre, zeigt es doch auf welch gefährlichem Eis man sich bewegt. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch mit Hinsicht auf unsere demokratischen Standards. Nicht ohne Grund hat man insbesondere in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg sehr viel Wert auf eine unabhängige Notenbank und eine dezentrale organisierte Kreditwirtschaft durch viele einzelne Sparkassen und Volksbanken gelegt.

Helikoptergeld via FedAccount

Ein aktuelles Beispiel ist der Gesetzesvorschlag aus dem Demokratenhaus in den USA. Um die extreme Ineffizienz in der Distribution und Einlösung von Schecks zu verbessern, wurde der Vorschlag eingebracht, dass die US-Notenbank Fed einen digitalen US-Dollar ausgeben könnte. Jeder US-Bürger könnte so einen so genannten FedAccount, also eine Art Wallet bei der Notenbank, erstellen und dort seine Hilfszahlung erhalten. Gerade der ärmeren Bevölkerung, die sonst mit dem Scheck zu einer kostspieligen Wechselstube gehen muss, würde man damit entgegenkommen.

Gerade aus sozialen Gesichtspunkten, aber auch um die unmittelbaren Ausfälle in der Wirtschaft zu reduzieren, würde eine solche Form von digitalen Zentralbankgeld Sinn ergeben. Man muss sich dann nur im Klaren sein, dass es im Grunde Planwirtschaft ist. Auch wenn die Krise irgendwann mal vorbei ist, könnte ein Politiker, zum Beispiel Donald Trump, sich dem Werkzeug bemächtigen und über die FedAccounts im Extremfall Politik respektive Wahlkampf machen. Nicht umsonst hat sich daher auch der Ökonom Peter Bofinger im Interview mit BTC-ECHO kritisch gegenüber einem digitalen Euro geäußert.

Die Gefahren wären nicht nur politisch enorm, sondern auch der nachhaltige Schaden für die Wirtschaft.

Das Prinzip des dezentralen Informationsflusses, würde gekappt werden. Die Fehlallokation von Kapital würde steigen und die ökonomische Wohlfahrt würde sinken. Genauso wie wir nach der Krise aufpassen müssen, dass unsere Datenschutzstandards nicht aufgeweicht bleiben oder werden, muss auch auf die ökonomischen Befugnisse von Staaten und öffentlichen Institutionen ein Auge geworden werden.

Trotzdem: Digitaler Euro ist ein Muss

Wie bereits schon in vorherigen Kommentaren erläutert, gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten eine digitale Zentralbankwährung (CBDC) auszugestalten und in einem politischen Rahmen einzufügen. An digitalen Zentralbankwährungen führt über kurz oder lang kein Weg dran vorbei. Deutschland und Europa brauchen zeitnah den digitalen Euro, um nicht ins Hintertreffen mit China zu geraten.

Eine Digitalisierung unserer Wirtschaft durch das Internet der Dinge und künstliche Intelligenz ist kaum denkbar ohne programmierbares Geld. Was die Beispiele und Gedanken aber zeigen: Wir müssen aufpassen, dass nicht dezentrale Marktstandards umgangen werden und planwirtschaftliche Elementen Überhang nehmen. In der aktuellen Krise wird dieser Kompromiss zwischen effektiver staatlicher Hilfe (zentral) und notwendigen freien Marktkräften (dezentral) auf die Spitze getrieben.

Anstatt Staaten und Notenbanken mit mehr Macht auszustatten, kann es daher sinnvoller sein, das Bindeglied, also den Finanzsektor, zu optimieren. Wenn Kreditanträge immer noch papierhaft und manuell von Sachbearbeitern zwischen 9 und 17 Uhr bearbeitet werden müssen, dann sollte man sich fragen, ob dies noch zeitgemäß ist. Ein höherer Digitalisierungsgrad unserer Finanzwirtschaft durch Blockchain und künstliche Intelligenz sowie den passenden regulatorischen Rahmenbedingungen, ist sinnvoller als der Bevölkerung eine Wallet bei der Fed oder EZB einzurichten. CBDCs führen weder zu einer Planwirtschaft, noch zu einem extrem dezentralen Marktzustand. Es entscheiden die politischen Rahmenbedingungen, wie digitaler Euro, US-Dollar und Co. eingesetzt werden. Mit Hilfe der Blockchain können wirtschaftspolitische Systeme in alle Richtungen bedient werden.

Die Herausforderung einer Re-dezentralisierung

Den meisten Politikern ist durch die höhere Effizienz und dem Scheitern des Kommunismus eine dezentrale Wirtschaft deutlich lieber als eine Planwirtschaft. Sie wissen also sehr wohl, um die Vorzüge einer freien und dezentral organisierten Marktwirtschaft. Das Problem ist nur, dass man immer schwieriger von planwirtschaftlichen Elementen wieder loskommt, wenn man sich von diesem abhängig gemacht hat. Um den Patienten, in dem Fall die Volkswirtschaft, zu stabilisieren, bedarf es zentraler Eingriffe durch den Staat und die Notenbanken. Andernfalls würde der Patient respektive das System kollabieren. Sogar unter Anhängern der Österreichischen Schule wird in Krisenzeiten ein konsequentes Eingreifen des Staates in die Wirtschaft akzeptiert.

In diesem Wissen geht es in den nächsten Monaten also vor allem darum, dort wo es nicht zu verhindern ist, marktinkonform zu handeln und dann den geordneten Rückzug anzutreten. Im Idealfall entwickeln sich die Marktkräfte langsam zurück. Die Gefahr, dass es allerdings schief geht, ist sehr groß. Schließlich benötigt das System viel frisches Kapital, um am Laufen zu bleiben. Was Blut für unseren Körper ist, ist Geld beziehungsweise sind Kredite für unsere Wirtschaft. Sie sorgen für den Austausch im ökonomischen System. Ohne Kredite kommt es folglich zum Zusammenbruch.

Da Kredite aktuell aber vor allem planwirtschaftlich organisiert sind, siehe Programm der KfW, Sicherungssysteme wie ESM oder das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) der EZB, bleibt uns keine andere Wahl, außer das System vorerst weiterhin stark zentralistisch zu steuern, sofern wir nicht einen Kollaps riskieren wollen.


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