Charles Edwards erneuert in einem neuen Report seine ausdrückliche Warnung vor der Bedrohung Bitcoins durch Quantencomputer. Seine These ist drastisch. Sollte es dem Netzwerk nicht rechtzeitig gelingen, auf quantensichere Kryptografie umzurüsten, könnte Bitcoin laut Edwards im Extremfall vollständig entwertet werden. Wörtlich heißt es: “Wenn diese Probleme nicht gelöst werden, glauben wir, dass der Wert von Bitcoin auf null fallen wird.”
Im Zentrum seiner Analyse steht die Annahme, dass leistungsfähige Quantencomputer innerhalb der kommenden Jahre in der Lage sein könnten, die heute von Bitcoin genutzte Kryptografie zu brechen. Der Zeitpunkt, an dem dies geschieht, wird in dem Bericht als “Q-Day” bezeichnet. Ab diesem Moment könnten Wallets mit offengelegtem Public Key theoretisch angegriffen und Bestände in großem Stil auf den Markt geworfen werden.
Quantenrisiko bereits eingepreist
Edwards argumentiert, dass der Markt die Gefahr durch Quantencomputer längst zu berücksichtigen beginnt. Seiner Einschätzung nach ist die schwache Kursentwicklung von Bitcoin im Jahr 2025 nicht allein mit makroökonomischen Faktoren zu erklären. Trotz günstiger Rahmenbedingungen habe Bitcoin auffallend schwach performt. Im Report heißt es, der Markt preise das Quantenrisiko bereits ein. Bitcoin befinde sich bereits im “Quantum Event Horizon”, also in jenem Zeitfenster, in dem die Zeit bis zu einer realen Quantenbedrohung ungefähr so lang sei wie die Zeit, die für ein Netzwerk-Upgrade benötigt werde.
Quelle: Charles Edwards
Besonders alarmierend ist für Edwards die daraus abgeleitete Bewertung. Nach seiner Modellrechnung liegt der “Quantum Discount Factor” für Bitcoin aktuell bei rund 20 Prozent. Gemeint ist damit jener Abschlag, den Anleger aus seiner Sicht auf den fairen Wert von Bitcoin anwenden müssten, um das Risiko eines möglichen Quantenangriffs zu berücksichtigen. Ohne Fortschritte bei einer technischen Lösung werde dieser Abschlag in den kommenden Jahren massiv steigen. In 2027 läge er bei 38 Prozent, in 2028 bei 58 Prozent.
“Bitcoin-Upgrades sind langsam”
Ein zentrales Argument des Reports: Selbst wenn das Problem erkannt ist, reagiert Bitcoin strukturell langsam. Änderungen am Protokoll müssten durch Entwickler, Nodes, Miner, Börsen und Wallet-Anbieter getragen werden. Genau darin sieht Edwards die eigentliche Gefahr. “Bitcoin ist langsam beim Upgraden”, schreibt er. Realistisch sei ein Zeitrahmen von etwa zwei Jahren, um den Großteil der aktiven Nutzer auf quantensichere Strukturen umzustellen. In einem besonders optimistischen Szenario könne es schneller gehen, wahrscheinlicher sei jedoch ein längerer Prozess.
Edwards verweist darauf, dass es aus seiner Sicht nicht ausreicht, nur aktive Nutzer auf neue Wallet-Strukturen zu migrieren. Darüber hinaus müsse auch das Problem alter, verlorener oder bereits öffentlich exponierter Coins gelöst werden. Laut seiner Analyse könnten 20 bis 30 Prozent des Bitcoin-Angebots betroffen sein. Würden diese Bestände nach einem “Q-Day” durch Angreifer entschlüsselt und liquidiert, hätte das nicht nur finanzielle, sondern auch psychologische Folgen für das gesamte Netzwerk.
Pest oder Cholera
Der Autor identifiziert deshalb zwei Kernprobleme. Erstens müsse Bitcoin aktive Nutzer rechtzeitig auf eine quantensichere Lösung migrieren. Zweitens müsse der Umgang mit alten, nicht migrierten oder durch ihre Public Keys exponierten Coins geklärt werden. Genau an diesem Punkt wird die Debatte heikel.
Als mögliche Lösung bringt Edwards eine Art “Dead Man’s Switch” ins Spiel. Demnach könnten Coins, die nicht rechtzeitig auf eine quantensichere Struktur übertragen werden, nach einer Übergangsfrist eingefroren werden. Das würde aus seiner Sicht verhindern, dass ein Quantenangreifer große Altbestände stehlen und verkaufen kann. Zugleich wäre ein solcher Eingriff ein massiver Bruch mit Grundüberzeugungen vieler Bitcoin-Anhänger, insbesondere mit dem Prinzip “Not your keys, not your coins”.
Quelle: Charles Edwards
Edwards räumt selbst ein, dass ein solcher Schritt philosophisch und politisch extrem schwer durchzusetzen wäre. Trotzdem hält er ihn für das kleinere Übel. Andernfalls drohe ein Szenario, in dem verlorene oder alte Bestände nach und nach auf den Markt kämen und einen historischen Verkaufsdruck auslösen würden.
Bitcoin ist “besonders verwundbar”
In seinem Report wendet sich Edwards auch gegen die verbreitete Annahme, Banken seien durch Quantencomputer stärker bedroht als Bitcoin. Diese Einschätzung weist er entschieden zurück. Banken und andere zentralisierte Finanzinstitutionen könnten Sicherheitslücken deutlich schneller schließen, Transaktionen rückgängig machen und im Zweifel auf Versicherungsmechanismen zurückgreifen. Bitcoin hingegen sei ein System, dessen gesamter Wert auf dem Vertrauen in unveränderlichen Code beruhe.
Hinzu kommt aus seiner Sicht, dass Bitcoin für Angreifer ein besonders attraktives Ziel wäre. Alte Wallets, verlorene Coins und bekannte Adressen großer Bestände würden ein einzigartiges Angriffsziel darstellen. Allein mit Satoshi Nakamotos Wallet im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar könnte man die gesamte mehr als zehnjährige Geschichte der weltweiten Quantenforschung finanzieren.
Erste Bewegung, aber keine Entwarnung
Ganz ohne Hoffnung ist der Report allerdings nicht. Edwards verweist auf erste Entwicklungen, die aus seiner Sicht in die richtige Richtung gehen. Dazu zählt er neue Diskussionen im Entwicklerumfeld, erste technische Vorstufen im Bitcoin Code sowie eine wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema. Auch Aussagen prominenter Marktteilnehmer wertet er als Zeichen dafür, dass das Problem inzwischen ernster genommen wird.
Für eine echte Entwarnung reicht das seiner Meinung nach aber nicht. Solange keine belastbare Lösung auf dem Tisch liege, bleibe der volle Risikoabschlag bestehen. “Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen Tag zu spät zu kommen”, warnt Edwards. Die zentrale Forderung seines Reports lautet deshalb, dass Bitcoin noch im Jahr 2026 substanziell bei einer quantensicheren Lösung vorankommen müsse.
Fazit
Auch wenn die Ansichten über die Gefahr von Quantencomputern für Bitcoin auseinandergehen – ein CoinShares-Forscher äußerte sich im BTC-ECHO-Interview beispielsweise gelassen –, hat der Report von Edwards die Debatte nochmals angefacht. Und trotz der negativen Auswirkungen auf den Kurs ist die Sensibilisierung positiv zu bewerten, da sie die Chancen einer erfolgreichen Transition verbessert. Anleger, die noch an der Seitenlinie stehen, erhalten so außerdem eine günstige Einstiegsmöglichkeit. Beiseite wischen sollte man die Bedrohung durch Quantencomputer jedoch nicht.
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