Vitalik Buterin hat wieder einen dieser Texte geposted. Einen, bei dem alle nicken, zustimmend retweeten. Und danach exakt so weitermachen wie vorher. In seiner Neujahrsbotschaft auf X erinnert der Ethereum-Gründer die Community daran, was Ethereum eigentlich sein sollte: der “Weltcomputer”. Eine Infrastruktur für ein freies, offenes Internet. Anwendungen, die ohne Zensur funktionieren, ohne Betrug oder zentrale Eingriffe. Produkte, die man nutzen kann, ohne monatlich zur Kasse gebeten zu werden oder von einem Konzern abhängig zu sein, der jederzeit den Stecker ziehen kann. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht mehr.
Der Walkaway-Test: Hält dein dApp ohne dich durch?
Besonders interessant ist ein Begriff, den Vitalik wieder ins Spiel bringt: der Walkaway Test.
Eine Anwendung ist nur dann wirklich dezentral, wenn sie weiterläuft, selbst wenn die ursprünglichen Entwickler verschwinden. Keine Notfall-Keys, kein “wir müssen kurz was fixen”, kein Discord-Announcement mit “maintenance“”. Wenn du weggehst und alles bricht zusammen, dann war es nie dezentral. Dann war es nur ein Startup mit Blockchain-Branding. In einem Space, in dem selbst “dezentrale” Apps regelmäßig an Cloudflare hängen, an einzelnen Frontends, an wenigen Multisigs oder an politischen Realitäten, ist das ein ziemlich harter Maßstab. Und genau deshalb ist er so unbequem.
Vitalik spricht auch etwas aus, das viele spüren, aber selten klar benennen: Alles wird zum Abo. Software, Medien, Infrastruktur, selbst Alltagsprodukte. Du besitzt nichts mehr, du mietest nur noch, solange du zahlst und dich richtig verhältst. Ethereum, so Vitaliks Anspruch, soll genau dagegenstehen. Nicht als Investment-Vehikel, nicht als “Meta”, sondern als Basisinfrastruktur für Dinge, die niemand einfach abschalten kann: wegen Politik, Insolvenz, Ideologie oder Laune. Das ist kein Bullcase. Das ist ein Werte-Statement.
Das Timing ist kein Zufall
Ironischerweise kommt diese Mahnung in einem Moment, in dem Ethereum technisch so gut dasteht wie lange nicht. Pectra, Fusaka, mehr Skalierung, bessere Wallet-Usability, günstigere Fees, ein klarer Rollup-Fokus. Auf dem Papier läuft alles. Und trotzdem dümpelt der Preis seit Monaten. Vielleicht liegt genau darin der Grund für Vitaliks Tonfall. Während der Markt fragt: “Warum pumpt Ethereum nicht?”, fragt Vitalik: “Was genau bauen wir hier eigentlich?” Gewinnen wir die nächste Meta oder bauen wir etwas, das auch noch existiert, wenn niemand mehr hinschaut?
Vitalik Buterin ist in diesem Space so etwas wie eine Art letzter Romantiker. Während der Rest der Branche fragt, wann etwas pumpt, fragt er immer noch, warum es überhaupt existiert. Er wirkt manchmal wie jemand, der auf einer Techno-Party plötzlich über Kant spricht, korrekt, aber leicht fehl am Platz.
Der Space hat sich von dieser Vision entfernt. Wir haben gelernt, Narrative zu handeln. Zyklen zu deuten. Liquidity-Flows zu prognostizieren. Aber verlernt, Produkte zu bauen, die man einfach benutzt, ohne Thread, ohne Erklärung, ohne Hoffnung auf Airdrops. Ethereum soll ein Weltcomputer sein. Aber die meisten wollten halt einen Spielautomaten.
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