Bitcoin unter Druck Krypto-Sektor bald mit weniger Privatsphäre als PayPal?
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 5 Minuten

Flughafenkontrolle unterminiert Privatsphäre.
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Immer wieder liest und hört man, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen ein großes Maß an Privatsphäre bieten. Gar von Anonymität ist manchmal die Rede. Wer sich etwas im Krypto-Sektor auskennt, der weiß, dass diese Annahme nicht ganz korrekt ist. Warum die Privatsphäre im Krypto-Sektor immer weiter abnimmt und sogar der DeFi-Sektor nur in Teilen etwas dagegen machen kann.

Jede weitere Bitcoin-Transaktion trägt dazu bei, dass mehr Zusammenhänge zwischen den Bitcoin-Nutzern beziehungsweise vom gesamten Netzwerk bekannt werden. Mit jedem Tag wird die Bitcoin Blockchain daher ein Stück weit weniger anonym – die Privatsphäre der Nutzer nimmt ab. Diese Transaktionsdaten lassen immer genauere Rückschlüsse zu, wer hinter den Transaktionen steckt. Mit Analysesoftwaresystemen wie Chainalysis oder Diensten wie Merkle Science lassen sich komplexeste Muster und Zusammenhänge auswerten. Die Transparenz der Blockchain macht es möglich, jede jemals getätigte Transaktion zurückzuverfolgen.


Dumme Kriminelle?

Wenn also in der Vergangenheit kriminelle Netzwerke, die Bitcoin und Co. genutzt haben, von den Verfolgungsbehörden ausgehebelt wurden, dann weil sie die Privatsphäre der Kryptowährung überschätzt haben. Entsprechend verwundert es nicht, dass kriminelle Krypto-Transaktionen laut Chainalysis rückläufig sind. Die Erfolge gegen Schmuggler-Ringe konnte man nicht trotz, sondern wegen Kryptowährungen erreichen. Besonders leicht wurde es für die Behörden, wenn sie auf Datenpunkte des regulierten Finanzsektors zugreifen konnten. Wenn also Kryptowährungen auf ein normales Bankkonto eingezahlt worden sind, wurden die bereits bestehenden Blockchain-Transaktionsdaten um wichtige Anhaltspunkte ergänzt.

Während man im traditionellen Banken- und Finanzsektor mit vielen verschiedenen Silos von Kunden- und Transaktionsdaten konfrontiert ist, insbesondere wenn viele ausländische Institute involviert sind und die Regulierung eine andere ist, ist dies bei Blockchain-Transaktionsdaten nicht der Fall. Mit der richtigen Software ist es sogar deutlich leichter Auswertungen vorzunehmen, da man sich nur auf ein Registerbuch (Blockchain), ergo das der jeweiligen Kryptowährung, konzentrieren muss. Auf einen Schlag weiß man, durch welche – vorerst pseudonymen – Hände der entsprechende Coin, jemals gegangen ist. Mit Bar- oder Giralgeld ist dies nicht so leicht möglich.

Privatsphäre: Wie wichtig ist eigentlich die Wahl der Kryptowährung?

Nun mag man den Einwand bringen, dass es auch Kryptowährungen gibt, die eine höhere Privatsphäre bieten als dies beispielsweise bei Bitcoin der Fall ist. Bekannte Beispiele hierfür sind die sogenannten Privacy Coins wie Monero oder Zcash. Diese Kryptowährungen eint, dass sie die hinterlassenen Transaktionsspuren verwischen. Im Fall von Monero kommen sogenannte Ring-Signaturen zum Tragen, die dafür sorgen, dass Transaktionen mit anderen Transaktionen gebündelt werden und dadurch praktisch nicht mehr einem Absender zuzuordnen sind. So ausgeklügelter die Verschlüsselungsverfahren sich auch entwickeln mögen, stoßen sie immer mehr an ihre Grenzen.

Konkret ist damit gemeint, dass Krypto-Dienstleistungen von Unternehmen wie Brokern, Verwahrstellen oder Börsen unter Druck der Staaten sämtliche Daten ihrer Kunden erfassen müssen. Ganz gleich, ob in den USA oder in Deutschland durch Vorstöße wie die Kryptowertetransferverordnung, wird massiv gegen jedwede Form der Anonymität vorgegangen. Welche Kryptowährung man dabei nutzt, spielt eine immer unwichtigere Rolle. Zumal 99 Prozent des Krypto-Handelvolumens über zentrale Krypto-Handelsplätze läuft.

Nicht Kryptowährung, sondern Wallet entscheidet

Der Private Key einer jeden Kryptowährung muss auf einer Wallet abgelegt sein. Wenn man nun eine Wallet vor Nutzung registrieren respektive whitelisten muss, dann nützen einem die Privatsphäre-Eigenschaften der Kryptowährung nur wenig. Zukünftig ist davon auszugehen, dass typische Krypto-Finanzdienstleister personenbezogene Informationen ihrer Kunden erheben müssen. Diese Verifizierung würde ähnlich viele Informationen erfordern, wie etwa bei der Depoteröffnung bei einer Bank. Um Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, könnte das Whitelisting – wie es heute in Teilen schon üblich ist – zum Standard werden. Ohne Whitelisting würde einem dann der Zugang für legale und steuerrelevante Dienstleistungen verwehrt bleiben.


Auch wenn Kryptowährungen keine Wertpapiere sind, reguliert man sie immer ähnlicher. Bei Security Token, ergo Wertpapieren in Tokenform, ist dies bereits heute schon Standard bei den Tokenisierungsplattformen. Wenn man seine Security Token nicht über Drittverwahrer verwahren lassen möchte, dann muss man seine Wallet bei dem Dienstleister whitelisten lassen. Schließlich sind diese bei Wertpapieren dazu verpflichtet, die personenbezogenen Daten zu erfassen.

PayPal mit mehr Privatsphäreschutz als Krypto-Sektor?

Sicherlich mag die Aussage, dass PayPal mehr Privatsphäre, als vergleichbare Krypto-Anwendungen bieten könnte, etwas verrückt klingen. Doch dahinter steckt folgender Gedanke: Während die Transaktionsdaten in der traditionellen Welt bei den einzelnen Banken, Kreditkartengesellschaften und Abwicklungsdienstleistern öffentlich abgeschirmt und isoliert bei dem jeweiligen Institut abliegen, ergo eine Informationsasymmetrie vorliegt, ist dies bei Krypto-Transaktionen nicht der Fall. Bei einer öffentlichen Blockchain haben alle Akteure die gleichen Einsichten.

Reichert man diese Blockchain-Transaktionsdaten auch noch mit den gleichen personenbezogenen Daten an, wie sie beispielsweise PayPal oder Banken erheben, dann schafft man ein neues Level an nicht-vorhandener Privatsphäre. Handelsplattformen wie beispielsweise Coinbase können zu den gleichen Datenkraken werden wie PayPal. Ausgehend von den Blockchain-Transaktionen der Dienstleister sorgen diese Off-Chain-Daten dann für zusätzliche Informationen respektive Transaktionsmuster. Zumal die Entwicklung der Krypto-Dienstleistungsangebote sowieso dazu tendiert, dass Private Keys durch Drittverwahrer und nicht die Nutzer selbst erfolgt.

Gegenbewegung Decentralized Finance

Dieser Entwicklung steht der Decentralized-Finance-Sektor, zumindest auf den ersten Blick, diametral gegenüber. Allerdings muss man hier zwischen der technischen Dezentralität und der regulatorischen Praxis unterscheiden. Die beste DeFi-Anwendung wird sich nicht in der Breite etablieren können, wenn sie nicht der Regulatorik, ergo Datenerfassung, entspricht oder über Mittelsmänner wie Banken angeboten wird, die Schnittstellen zu dem jeweiligen Protokoll anbieten. Insbesondere durch die Pflicht zur Angabe aller steuerrelevanten Vorgänge untergräbt man eine kommerzielle Krypto-Ökonomie, die auf der Privatsphäre ihrer Nutzer beruht.

Es spricht vieles dafür, dass es in Zukunft zwei Krypto-Welten geben wird. Die legale Variante wird im Zweifel, sofern man sich nicht erfolgreich gegen zunehmende Überwachungstendenzen wehrt, weniger Privatsphäre bieten, als unsere heutigen Finanzdienstleistungen. Während sich die illegale, sprich nicht-erfasste Krypto-Ökonomie, zu einer Randerscheinung entwickelt. Kein Krypto-Unternehmen, das sich nicht diesen Auflagen stellt, wird legal operieren können. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen, da entsprechende Gesetze zwar in der Mache sind, aber noch nicht verabschiedet wurden.     



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