Neuer Wall-Street-Liebling?  

Die “wichtigste Blockchain seit Ethereum”: Zero in der Analyse

2 Millionen Transaktionen pro Sekunde und Citadel als Partner: LayerZeros neue Blockchain “Zero” bläst zum Angriff auf Ethereum. Das steckt hinter dem Hype.

Johannes Macswayed
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Eine Gegenüberstellung zweier Logos, Ethereum und LayerZero, jeweils in hell und dunkel

Beitragsbild: Shutterstock / KI-Bearbeitung durch die Redaktion

| Ethereum-Killer Nummer 100 betritt die Bühne. Ist Zero anders als die anderen?

LayerZero, das Unternehmen hinter dem gleichnamigen Bridging-Protokoll, hat vergangene Woche eine neue Blockchain angekündigt: Zero. Das Whitepaper liest sich wie eine Kampfansage an Ethereum und das gesamte Layer-2-Ökosystem. Die Macher sprechen von zwei Millionen Transaktionen pro Sekunde, einer Anbindung an über 165 Blockchains ab dem ersten Tag und Partnerschaften mit Schwergewichten wie Citadel Securities, DTCC und der Muttergesellschaft der New York Stock Exchange. Einige Entwickler nennen Zero bereits “die wichtigste Blockchain seit Ethereum”. Ist sie wirklich gekommen, um alle zu knechten?

Zero Latenz, maximale Dezentralisierung

LayerZero-CEO Brian Pellegrino macht keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit dem Status quo. In einem Interview bezeichnete er das Layer-2-Narrativ als gescheitert: Die Rollup-Lösungen, die Ethereum skalieren sollten, neigen zur Zentralisierung und lösen das Versprechen, die Sicherheit der Base-Layer zu erben, oft nicht ein.

Ein valider Punkt, den sogar Ethereum-Gründer Vitalik Buterin jüngst anprangerte. Doch das Zero-Whitepaper geht noch weiter und spricht von einer “noblen Lüge”, die der Branche verkauft wurde.

Zero soll es besser machen. Die Architektur setzt auf eine radikale Trennung von Ausführung und Verifizierung: Sogenannte Block Producer führen Transaktionen aus, während Block Validators lediglich Zero-Knowledge-Proofs überprüfen, anstatt jeden Vorgang selbst nachzurechnen. Das Ergebnis soll ein “Multi-Core-Weltcomputer” sein, der zwei Millionen Transaktionen pro Sekunde verarbeiten kann.

Dafür kombiniert Zero vier technische Bausteine: eine Log-basierte Datenbank namens QMDB für drei Millionen State-Updates pro Sekunde, ein System zur parallelen Transaktionsausführung (FAFO), eine Zero-Knowledge-Virtual-Machine namens Jolt Pro, die Transaktionen angeblich in Echtzeit beweisen kann, und ein Protokoll zur Datenverfügbarkeit (SVID), das den Bandbreitenbedarf drastisch reduzieren soll.

Zum Start sind drei spezialisierte “Atomicity Zones” geplant: eine für generische Smart Contracts, eine für globale Märkte mit Rund-um-die-Uhr-Handel und eine für Zahlungen.

LayerZero vs. Ethereum

Wer die Ethereum-Roadmap verfolgt, erlebt beim Lesen des Zero-Whitepapers jedoch ein Déjà-vu. Die vermeintlichen Innovationen lassen sich tatsächlich fast eins zu eins auf bestehende oder geplante Ethereum-Upgrades mappen.

Die Trennung von Block Producern und Block Validators? Entspricht der Proposer-Builder-Separation, an der Ethereum seit 2022 arbeitet. Das Datenverfügbarkeitsprotokoll SVID? Eine Variante von PeerDAS, das auf Ethereum bereits live ist. Die parallele Transaktionsausführung durch FAFO? Kommt mit dem Glamsterdam-Upgrade, das höhere Gas-Limits und parallele Verarbeitung bringt. Die State-Datenbank QMDB? Ethereums Antwort heißt Verkle Trees, geplant für die zweite Jahreshälfte 2026.

Einzig bei Jolt Pro, dem ZK-Proving-System, hat Zero einen plausiblen Vorsprung. Die Technologie gilt in Fachkreisen als vielversprechend. Die behauptete Geschwindigkeit von 1,61 Gigahertz pro Zelle wäre beeindruckend – wenn sie stimmt.

Doch unabhängige Benchmarks lehnt LayerZero bisher ab. Für ein Projekt, das Verbesserungen um den Faktor 100 in gleich vier Dimensionen verspricht, ist das ein Warnsignal.

Der eigentliche rhetorische Trick des Whitepapers: Es vergleicht seine theoretische Roadmap mit Ethereums aktuellem Zustand, nicht mit Ethereums paralleler Entwicklung. Bis Zero im Herbst 2026 startet, dürfte Ethereum Glamsterdam ausgerollt haben und mitten in der zkEVM-Integration stecken.

“TradFi-Aneignung mit Extra-Schritten”

Neben den utopisch anmutenden Durchsatzzahlen sorgte vor allem die Partnerliste für Aufsehen. Sie liest sich wie das Who’s Who der Finanzinfrastruktur: Citadel Securities, einer der größten Market Maker der Welt. DTCC, das Rückgrat der amerikanischen Wertpapierabwicklung ICE, die Muttergesellschaft der New York Stock Exchange. Dazu Tether, Google Cloud und ARK-Invest-Chefin Cathie Wood als Beraterin.

Der Bull-Case liegt auf der Hand. Analysten von Delphi Digital formulieren ihn so: “Institutionen wollen Blockchain-Schienen, nutzen aber nicht, was bereits vorhanden ist. Fragmentierung und öffentliche Transaktionen halten sie davon ab. Diese Lücke soll Zero schließen.” LayerZero wirbt mit echter dezentraler Skalierung, die TradFi endlich abholen könne.

Doch Kritiker wie der KI-Sicherheitsexperte Rory Bernier werfen unbequeme Fragen auf: Warum sollten Institutionen, deren Geschäftsmodell auf Intransparenz und Informationsvorsprung basiert, eine dezentrale Infrastruktur fördern, die genau diese Vorteile erodiert? “Das ist keine Dezentralisierung, sondern eine Neuverpackung derselben Gatekeeper mit neuem Branding”, schreibt Bernier auf X.

Die großen Partnerschaften seien ohnehin mehr Marketing als Substanz. Bernier verweist auf die Formulierungen: “DTCC, Citadel und ICE ‘prüfen’ Anwendungen auf Zero – das ist Unternehmenssprache für PR. Sie verpflichten sich zu nichts.”

Zero Nutzer

Dennoch wäre es falsch, die Signalwirkung zu unterschätzen. Dass traditionelle Marktinfrastruktur konkretes Interesse an Blockchain-Settlement bekundet, ist auch hier wieder offensichtlich. Das Framing, TradFi habe sich direkt für das technisch überlegene Projekt entschieden, geht aber fehl.

Artem Oak von Oak Research liefert den technischen Realitätscheck: Mit Monad, MegaETH, Sui oder Aptos ist der Krypto-Markt bereits übersättigt mit hochperformanter Blockchain-Infrastruktur. “Eine Unmenge an TPS bedeutet nichts, wenn kein tatsächlicher Bedarf dafür besteht”, schreibt Oak auf X.

Das Zero-Team werfe außerdem mit Fachbegriffen um sich, die “vielleicht zehn Leute auf Twitter verstehen”. Oak zieht einen Vergleich zu Solana: “Die Zero-Infrastruktur besteht aus vielen Teilen. Je komplexer, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie abstürzen oder Fehlfunktionen aufweisen.” Vom imposanten Whitepaper zum Testnet ist ein weiter Weg. Sein Fazit: Institutionen werden daher nicht sofort ihre gesamte Infrastruktur auf Zero migrieren.

Zero Rendite

Die Technologie mag ihrer Zeit vorauseilen, die ZRO-Tokenomics stammen hingegen aus Kryptos verschmähter VC-Ära. ZRO dient als Gas- und Staking-Token für Zero, was in der Theorie bedeutet, dass sich eine Verhundertfachung der Nutzung auch in der Nachfrage widerspiegelt. Doch die Verteilung lädt nicht gerade zu neuen Investments ein.

Aktuell sind nur rund 40 Prozent des Token-Angebots im Umlauf. Knapp 58 Prozent liegen bei Insidern und strategischen Partnern, zu denen neuerdings auch Citadel und Co. gehören. Deren Freischaltungen stehen in den kommenden Jahren an. Das Wort dafür heißt Overhang: ein potenzieller Verkaufsdruck, der über dem Markt schwebt wie ein Damoklesschwert.

Auch die wirtschaftliche Substanz des bestehenden Protokolls gibt zu denken. LayerZero, das Bridging-Netzwerk, generiert trotz einer Bewertung in Milliardenhöhe aktuell rund 4.800 US-Dollar an Gebühren – pro Tag. Das entspricht dem Tagesumsatz eines mittelmäßig laufenden Dönerladens in Berlin-Mitte. Wie so oft im Krypto-Sektor klafft auch hier eine Lücke zwischen technischer Brillanz und Investierbarkeit. Kein isoliertes Zero-Problem, sondern ein universelles. Aber ein Problem nichtsdestotrotz.

“Ethereum-Killer” Nummer 100

Zero hat zumindest einen echten Vorteil: Das Projekt kann von Grund auf für Zero-Knowledge-Proofs bauen, während Ethereum eine Architektur nachrüsten muss, die vor der ZK-Ära entstand. Das ist nicht nichts. Auf der anderen Seite stehen Ethereums und inzwischen auch Solanas Netzwerkeffekte: die Liquidität, das Entwickler-Ökosystem, die jahrelange Härtung im Produktivbetrieb.

Der Solana-Vergleich geht weiter: Auch eine VC-lastige L1 mit hohen TPS-Ansprüchen, die zum Start von den meisten Leuten abgelehnt wurde. Solana fand schließlich seine Nutzer, aber es dauerte Jahre voller Nahtoderfahrungen und einer organischen Entwicklerkultur, um dorthin zu gelangen, nicht nur technische Spezifikationen und Pressemitteilungen.

Die TradFi-Partnerschaften sind ein Signal, aber kein Beweis. Die technischen Versprechen sind ambitioniert, aber bisher nicht unabhängig verifiziert. Die Tokenomics sind ein Warnsignal für jeden, der glaubt, in die Zukunft der Wall Street zu investieren.

Ist Zero die wichtigste Blockchain seit Ethereum? Möglich. Ist es wahrscheinlich? Die Beweislast liegt beim Projekt. Bis zum geplanten Mainnet-Start im Herbst 2026 bleibt viel Zeit, Versprechen einzulösen – oder an ihnen zu scheitern.

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