Bittensor ist im Krypto-Space derzeit in aller Munde. Das Projekt gilt als einer der prominentesten Krypto-Profiteure des KI-Narrativs, dazu kommen nun auch prominente Unterstützer aus der Tech-Investment-Branche wie Jason Calacanis und Chamath Palihapitiya – sogar Nvidia-Chef Huang hat sich indirekt zu dem Projekt geäußert. Auch am Markt spiegelt sich dies wider: TAO liegt auf Sicht der vergangenen 30 Tage rund 80 Prozent im Plus. Die Bitcoin-ähnlichen Eigenschaften des Tokens, also das auf 21 Millionen Einheiten begrenzte Angebot und die Halving-Logik, stützen die Story zusätzlich. Research-Haus Pine Analytics stellt diese bullische Erzählung jedoch infrage. In einem neuen Report wird angezweifelt, dass Bittensor bereits genug reale Nachfrage erzeugt, um die hohe Bewertung fundamental zu rechtfertigen.
Jensen Huang über dezentrale KI
Im All-In Podcast vom 19. März 2026 sprach Nvidia-CEO Jensen Huang im Gespräch mit Chamath Palihapitiya indirekt über Bittensor beziehungsweise über das dahinterliegende Prinzip dezentraler KI-Infrastruktur. Auslöser war ein Verweis auf einen verteilten Trainingslauf auf Bittensors Subnet 3, bei dem laut späteren Berichten offenbar das größere Modell Covenant-72B trainiert wurde. Palihapitiya stellte das als bemerkenswerten technischen Fortschritt für dezentrales, crowdgesourctes KI-Training dar.
Huang äußerte sich dabei nicht direkt zu Bittensor, bekräftigte aber klar, dass die Zukunft der KI sowohl proprietäre als auch Open-Source-Modelle brauche. Sein zentrales Argument: Es gehe nicht um “entweder oder”, sondern um ein Nebeneinander beider Ansätze. Modelle seien aus seiner Sicht zunächst eine Technologie und nicht automatisch ein Produkt. Horizontale Allzweckmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini würden deshalb neben spezialiserten, offen entwickelten Modellen bestehen.
Was macht Bittensor?
Am Krypto-Markt wurde diese Aussage von vielen als indirekte Bestätigung für Bittensors Ansatz gewertet. Grayscale griff den Clip schnell auf, sprach von einem Schritt in den Mainstream und kurz darauf legte TAO deutlich zu. Doch wie genau funktioniert Bittensor eigentlich?
Bittensor ist ein Blockchain-Projekt an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Krypto. Vereinfacht gesagt versucht Bittensor, das zu sein, was Bitcoin für Geld ist – nur eben für KI-Modelle und -Services. Anstatt, dass einige große Konzerne wie OpenAI, Google oder Meta die Hoheit über leistungsfähige Modelle haben, soll ein offener Markt entstehen, auf dem jeder KI beisteuern, nutzen und daran verdienen kann.
Subnets als KI-Startups
Im Zentrum steht dabei der Token TAO. Er wird benötigt, um in die im Netzwerk aktiven Projekte – sogenannte Subnets – zu investieren. Man kann sie sich als spezialisierte Märkte für bestimmte Aufgaben vorstellen: etwa Textgenerierung, Bildverarbeitung, Datenanalyse, Vorhersagen, Agenten-Logik oder Content-Erkennung. Jedes Subnet hat einen klar definierten Task und eigene Teilnehmer, folgt aber den Grundprinzipien des Bittensor-Protokolls.
In der Praxis entstehen so sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Subnets von Rayon Labs wie Chutes, Gradients oder Nineteen arbeiten daran, KI-Modelle serverlos bereitzustellen, Training und Finetuning zu erleichtern und schnelle, dezentrale Inferenz für Text- und Bildmodelle anzubieten. Sportstensor bündelt Modelle, die Sportereignisse und Quoten analysieren, während Subnets wie Synth Preisverläufe für Kryptowährungen simulieren.
Daneben gibt es Subnets für allgemeine Vorhersagen, Trading-Strategien, Deepfake-Erkennung oder sogar biotechnologische und 3D-bezogene Aufgaben. Aktuell liegt die Zahl der Subnets bei der zur Qualitätssicherung und Netzwerkstabilität festgelegten Obergrenze von 128. TAO-Halter können ihre TAO an die aus ihrer Sicht vielversprechendsten Subnets allokieren und damit quasi als Risikokapitalgeber im KI-Sektor tätig werden.
Überlebenskampf befeuert Innovation
Herzstück dieser Subnets sind die Miner. Sie stellen KI-Modelle, Datenpipelines oder andere Services bereit und liefern Antworten auf die Anfragen, die in einem Subnet gestellt werden. Ein Miner in Sportstensor kann etwa ein Modell betreiben, das den Ausgang von Fußballligen prognostiziert, während ein Miner in Synth komplette Pfade möglicher Kursentwicklungen simuliert oder Inferenzkapazität für LLMs (Large Language Models) bereitstellt. Miner bauen also ein Modell, treten gegen andere Daten- und KI-Spezialisten an und werden über Token-Ausschüttungen entlohnt, wenn sie zu den Besten gehören.
Bewertet werden diese Beiträge von Validatoren. Sie messen, wie gut ein Modell bei der jeweiligen Aufgabe performt, und vergeben dafür Gewichte, aus denen sich die Reward-Verteilung ableitet. Während TAO-Staker also entscheiden, welche Subnets wie viel TAO erhalten sollen, bewerten Validatoren die Leistungen der Miner, welche in Gewichten für jede Node münden. Diese bestimmen, welcher Anteil der laufenden Emission in einem Subnet an welchen Miner fließt. Es befinden sich also nicht nur die verschiedenen Subnets in einem ständigen Konkurrenzkampf, sondern auch die verschiedenen Miner innerhalb der Subnets.
Die Angebotsseite ist klar – die Nachfrageseite nicht
Auf der Angebotsseite ist das Modell leicht zu lesen. Emissionen, Verteilung und Halving-Mechanik sind transparent. Schwieriger wird es bei der Nachfrage. Denn die wirtschaftlich relevante Aktivität findet nicht On-Chain statt. API-Anfragen, Inferenz-Calls, Trainingsjobs oder Enterprise-Verträge tauchen nicht in einer Form auf, die sich subnet-übergreifend sauber auswerten ließe.
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Anleger sehen also, wie TAO durch das System fließt. Weit weniger klar ist jedoch, wie viel Umsatz mit externen Kunden tatsächlich entsteht. Laut Pine Analytics gibt es bis heute kein belastbares, aggregiertes Bild der realen Nachfrage im Netzwerk. Stattdessen dominieren Proxy-Daten, Staking Flows, Token-Preise einzelner Subnets und Selbstauskünfte der Teams.
Quersubventionierung durch TAO-Halter
Zudem wird in dem Bericht kritisiert, dass die wirtschaftliche Stärke des Bittensor-Ökosystems womöglich größer erscheint, als sie tatsächlich ist. Denn günstige Preise und hohe Nutzung seien noch kein ausreichender Beleg dafür, dass einzelne Subnets auch nachhaltig wirtschaften.
Im Zentrum der Kritik steht die Frage, ob manche Angebote ihren Preisvorteil nicht in erster Linie der TAO-Emission verdanken. Ist das der Fall, würde ein Teil der Nachfrage nicht auf echter Effizienz beruhen, sondern auf einem Modell, bei dem die Kosten über Inflation ins System ausgelagert werden. Für nicht-stakende Anleger bedeutet das letztlich, dass sie diese Dynamik über die Verwässerung indirekt mitfinanzieren.
Die Frage um den Burggraben
Damit verschiebt sich der Blick. Nicht entscheidend ist, ob ein Subnet heute günstiger als zentrale Anbieter auftritt. Entscheidend ist, ob das auch ohne Emissionsstütze funktionieren würde. Laut Pine Analytics fällt diese Rechnung bislang ernüchternd aus. Der Bericht beschreibt eine deutliche Lücke zwischen den mutmaßlichen Einnahmen aus echter Kundennachfrage und den Anreizen, die über das Protokoll verteilt werden.
Das wäre weniger heikel, wenn Bittensor in dieser Phase starke Wechselkosten aufbauen würde. Gerade das bezweifelt Pine Analytics. Viele der verwendeten Modelle sind Open Source, die APIs folgen bekannten Standards, Alternativen sind zahlreich. Wer heute denselben Modellzugang über ein Subnet bezieht, kann morgen oft relativ problemlos zu einem anderen Anbieter wechseln oder selbst hosten.
Krypto-Analyst “kel” hält dagegen. Er denkt nicht, dass es zu einer dauerhaften Open-Source-Kommodifizierung kommen wird. Stattdessen erwartet er, dass proprietäre, nicht austauschbare Modelle in den kommenden zwei Jahren Burggräben und Lock-in-Effekte schaffen und Bittensor dadurch langfristig von Subventionen unabhängiger wird.
Targon als Gegenbeispiel
Der Bericht blendet Gegenargumente auch nicht gänzlich aus. Targon wird als eines der wenigen Subnets genannt, bei denen sich ein substanzielleres Geschäftsmodell abzeichnet. Dort geht es um vertrauliche GPU-Compute-Leistungen für Unternehmenskunden, also um einen Bereich, in dem Zahlungsbereitschaft und Marktnachfrage grundsätzlich plausibler wirken als in vielen anderen Teilen des Ökosystems.
Allerdings verweist Pine Analytics auch hier auf ein bekanntes Problem. Vieles basiert auf Schätzungen, Projektionen und Analystenangaben. Ein öffentlich nachvollziehbares Live-Bild der externen Umsätze gibt es weiterhin nicht. Selbst dort, wo die Fundamentaldaten vergleichsweise greifbar erscheinen, bleibt also eine gewisse Unsicherheit.
Druck von beiden Seiten
Das wiegt auch deshalb schwer, weil Bittensor in einem harten Wettbewerbsumfeld operiert. Open-Source-Modelle lassen sich auch außerhalb des Netzwerks betreiben. Self-Hosting wird mit besseren Tools und leistungsfähigerer Hardware einfacher und wirtschaftlicher. Für Unternehmen mit ausreichend Volumen ist der eigene Betrieb oft attraktiv, weil keine Token-Friktion entsteht und keine zusätzlichen Netzwerkschichten mitfinanziert werden müssen.
Hinzu kommt der Preisdruck durch große Cloud- und KI-Anbieter. Microsoft, Google, Amazon, Meta sowie spezialisierte Inferenz-Plattformen konkurrieren auf denselben Modellfamilien, verfügen über eine enorme Kapitalbasis, Hardware-Zugang und Vertriebsstrukturen.
Fazit
Unterm Strich zeigt sich bei Bittensor ein gemischtes Bild: Auf der einen Seite stehen starke Narrative rund um dezentrale KI, wachsende Aufmerksamkeit und die Aussicht auf ein offenes Ökosystem mit echten Netzwerkeffekten. Auf der anderen Seite bleiben zentrale Fragen nach realer Nachfrage, nachhaltigen Geschäftsmodellen und der Abhängigkeit von Token-Emissionen bislang offen.
Ob sich am Ende die bullische oder die bärische Lesart durchsetzt, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, ob Bittensor-Subnets dauerhaft zahlende Kunden, belastbare Burggräben und wirtschaftliche Tragfähigkeit auch ohne starke Subventionierung aufbauen können.
Will man in TAO einsteigen, dürfte sich jedoch das Warten auf das Abebben des Hypes lohnen. Krypto-Analyst “VIKTOR” fasst es pointiert zusammen: “TAO ist eine dieser Kryptowährungen, bei denen ein deutlicher Kaufdruck zu spüren ist, aber willst du sie wirklich kaufen, nachdem Jason und Chamath sie geshillt haben?”

