Künstliche Intelligenz und KI-Agenten stellen unser gesamtes Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft infrage. Auch der Krypto-Sektor ist davon nicht ausgenommen. Was passiert mit Ethereum und Co., wenn KI-Agenten On-Chain agieren oder wenn diese eigenständig mit Stablecoins bezahlen? Gemeinsam mit Prof. Dr. David Florysiak von der IU Internationale Hochschule haben wir daher 55 Expertinnen und Experten aus der DACH-Region nach ihrer Einschätzung gefragt. Die Umfrage ist Teil des aktuellen BTC-ECHO Insider Reports, der darüber hinaus auch Fragen zur Marktstimmung und der Bitcoin-Kurs-Erwartung beantwortet.
Krypto profitiert: 90 Prozent sehen starken KI-Einfluss
Unsere Umfrage zeigt, dass 90 Prozent der befragten Insider einen substanziellen oder gar transformativen Einfluss von KI auf den Krypto-Sektor in den kommenden 24 Monaten erwarten. Dieses Ergebnis unterstreicht, wie signifikant KI und KI-Agenten bereits zeitnah die Branche verändern können.
Informationsgewinn steht an erster Stelle
Der wichtigste Wirkungskanal für den Sektor liegt laut Insidern im Informationsgewinn. Gefolgt vom Produktivitätsgewinn und dem Sicherheitsgewinn an dritter Stelle. Gerade der Sicherheitsaspekt ist angesichts der DeFi-Hacks besonders spannend. Einerseits stellt KI ein massives Sicherheitsrisiko für den Sektor dar, andererseits kann sie aber auch zu einem Mehr an Sicherheit beitragen, z.B. durch KI-Audits.
Die Bereiche Trading und Investment profitieren am meisten
Auf die Frage, welcher Bereich am meisten von KI profitiert, gewinnt das Thema Investment. Allerdings folgen auf Platz 2 und 3 direkt wieder die Bereiche Sicherheit und Compliance. Unsere Insider scheinen sich also, passend zur obigen Auswertung der Wirkungskanäle, der enormen Bedeutung dieses Aspekts bewusst zu sein.
KI-Agenten als neue Nutzer der Blockchain
Am klarsten kristallisiert sich eine These heraus: KI-Agenten werden zu eigenständigen Nutzern von Blockchain-Infrastruktur – und Krypto zu ihrem nativen Geld. Matthias Bauer-Langgartner, Head of Policy Europe bei der Blockchain-Analysefirma Chainalysis, sieht den Wandel vor allem in den Workflows. “KI wird zunehmend Routine- und halb-routinemäßige Prozesse im Krypto-Sektor unterstützen und verbessern – von Transaktionsüberwachung und Alert-Bearbeitung bis hin zu Teilen von Ermittlungen und Aufsicht.” Entscheidend sei, dass die Automatisierung auf vertrauenswürdiger Blockchain-Intelligence aufsetze und ihre Ergebnisse nachvollziehbar blieben. Nur dann könne sie “Vertrauen in Compliance, Durchsetzung und Marktintegrität stärken, statt es zu untergraben”.
Henning Daut, Web3-Experte und Senior Vice President bei der hy Consulting Group, bringt die operative Logik auf den Punkt: “KI wird den Krypto-Sektor vor allem dort prägen, wo Komplexität, Geschwindigkeit und Automatisierung zusammenkommen. Der größte Hebel liegt in der schrittweisen Operationalisierung.”
Agenten-Ökonomie und Machine-to-Machine-Payments
Besonders prominent ist in diesem Quartal das Thema der Agenten-Ökonomie. Anna Graf, bei der Bertelsmann-Tochter Arvato Systems mit digitalen Zukunftsthemen betraut, bringt die Logik auf eine einfache Formel: “Der größte Impact von KI im Krypto-Sektor in den nächsten 24 Monaten wird nicht bei Tokens liegen, sondern bei Agent-Workflows und Payments.” KI-Agenten würden eigenständig Transaktionen auslösen, Services einkaufen und mit Wallets interagieren. “Krypto wird zur Infrastruktur für Machine-to-Machine Payments, und KI-Agenten sind die Nutzer. Genau hier entsteht der reale Mehrwert.”
Mauro Casellini, Chief Growth Officer bei der neu gegründeten Celsion Bank in Liechtenstein , sieht den eigentlichen ökonomischen Hebel in der Symbiose beider Technologien: “KI liefert Auswertung und Skalierung, Blockchain liefert manipulationssichere, auditierbare Datenbasis. Genau diese Verbindung aus Intelligenz und Verifizierbarkeit schafft den ökonomischen Mehrwert, den weder eine der beiden Technologien allein erreichen würde.”
Armin Schmid, CEO der Copper Markets (Liechtenstein) AG, einem Custody-Infrastrukturanbieter, ordnet die zu erwartenden Effekte nüchtern ein. Besonders in der operativen Automatisierung, aber auch bei Infrastruktur, Settlement und Liquiditätsmanagement werde KI “zu einem messbaren Effizienz- und Sicherheitsgewinn” führen. Seine Einschätzung: “Keine Revolution, aber eine grundlegende Umgestaltung.”
Raphael Neuberger, CRO vom Tokenisierungsdienstleister Cashlink, mahnt bei aller Euphorie zu Sicherheitsmaßstäben. “KI und Agenten werden Standardaufgaben und -prozesse sukzessive übernehmen. Das Ausmaß der Eigenständigkeit muss aber zwingend einem strengen Sicherheitskonzept und klar definierten Rechten und Rollen folgen.” In kritischen Bereichen wie Source-Code oder Transaktionsfreigaben seien vollständig autonome Agenten noch weit entfernt. “Nur in 90 Prozent der Fälle eine ‘gute’ oder ‘richtige’ Antwort zu liefern, reicht einfach nicht aus.”
Kommt die Agent-to-Agent-Economy ab 2027?
Besonders detailliert ordnet Marc Weber, CEO des Krypto-Brokers Floin, den zu erwartenden KI-Impact ein. Seine Kernthese: “Der Einfluss von KI und KI-Agenten auf den Krypto-Sektor wird in den kommenden 24 Monaten substanziell sein, ohne die Struktur des Sektors grundlegend umzubauen.” Die disruptiven Effekte der “Agent-to-Agent-Economy” hält Weber “erst ab 2027/2028 für realistisch”. Zunächst dominierten “inkrementelle, aber wirtschaftlich klar messbare Verbesserungen bestehender Prozesse”.
Stablecoins als native Währung der KI-Agenten
Ohne programmierbares Geld keine Agenten-Ökonomie – das ist Konsens. Ingo Czok, Geschäftsführer des Stablecoin-Softwaredienstleisters nupont, verortet den unterschätzten Use Case klar im Treasury: “Automatisiertes Reconciliation, Echtzeit-Liquiditätssteuerung, regelbasierte Zahlungsfreigabe. Genau hier wird Agentic AI den Stablecoin-Durchbruch im Corporate-Bereich beschleunigen.”
Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares, liefert dazu eine konkrete Zielmarke: Würden auch nur ein Prozent der globalen Fondsvermögen auf Agenten-Strategien umschwenken, “entspräche dies über 1 Billion US-Dollar an KI-verwaltetem Kapital”.
Michael Geike, Managing Partner beim Krypto-Fonds 21 Oaks Capital, beschreibt den Rollenwechsel am schärfsten: “Erstmals treten nicht mehr primär Menschen, sondern autonome Agenten als Nutzer von Blockchain-Infrastruktur auf.” Das mache Krypto “überhaupt erst massentauglich”.
Dietmar Schantl-Ransdorf von Bitpanda Wealth geht noch weiter in der Zuspitzung. “Die Blockchain steht vor ihrem größten Evolutionssprung: In den nächsten 24 Monaten werden KI-Agenten die Herrschaft über die On-Chain-Ökonomie übernehmen und den Sektor von einer spekulativen Nische zur hocheffizienten, autonomen Infrastruktur für eine neue Ära maschineller Intelligenz transformieren.”
Es braucht keine weiteren KI-Token
Hinter dem großen Narrativ der Agenten-Ökonomie tun sich längst konkrete Use Cases auf. Moritz Schwarzmann von der Web3 Factory sieht “den schnellsten Hebel aktuell bei Compliance-Tools, Smart-Contract-Audits und Treasury-Operations” – dort fließen heute schon echte Budgets. Die wahren Engpässe lägen bei Custody-Standards, Auditierbarkeit von Agenten-Aktionen und Regulierung.
Einen vergleichbaren, klar Bitcoin-fokussierten Akzent setzt Daniel Winklhammer, CEO von 21bitcoin. Der echte Mehrwert entstehe “nicht durch einen weiteren ‘KI-Token’, sondern in der operativen Infrastruktur: Compliance-Automatisierung, KI-gestützter Kundensupport und intelligente Risikoerkennung”. Langfristig sieht er beim Zusammenspiel mit Bitcoin die eigentliche Pointe: Agenten bräuchten “ein offenes, programmierbares, zensurresistentes Geldsystem. Das ist Bitcoin.”
Michael Wild (Depositly.io) erwartet einen substanziellen, aber nicht vollständig transformierenden Einfluss: “In mehreren Kernbereichen zu spürbar besseren Entscheidungen, geringeren Risiken, höherer Effizienz und belastbareren Geschäftsmodellen.” Kurzfristig weniger überzeugt zeigt er sich von vollständig agentischer Wallet-Nutzung, DAO-Governance oder Consumer-/Metaverse-Narrativen.
Malte Häusler, CEO der Investmentplattform Timeless Investments, liefert aus Sicht eines Tokenisierungsspezialisten einen pointierten Befund: “Erst durch den Einsatz von KI – in Bewertung, Datenstrukturierung und Investor Experience – wird aus einem fragmentierten Markt eine skalierbare, liquide Assetklasse.”
Die Gegenthese: Was Blockchains der KI bringen
Einen bewusst konträren Akzent setzt Hermann Elendner vom Krypto-Fonds F5 Crypto. Statt in die übliche Richtung zu fragen, dreht er die Perspektive um: “Alle fragen, was KI für Blockchains bringt. Viel spannender ist, was Blockchains der KI bringen.”
Compliance, Sicherheit und der Informationsvorteil
Dass KI gerade im Compliance- und Sicherheitsbereich besonders rasch wirtschaftlich relevant wird, teilen mehrere Experten. Albert Quehenberger, CEO des Forensik-Spezialisten AQ Forensics, sieht den größten Effekt “bei Compliance, Betrugserkennung und in der technischen Analyse von Smart Contracts” – insbesondere mit Blick auf neue regulatorische Anforderungen wie DAC8. Jürgen Kob (Friends Finance) verweist auf den Informationsvorteil bei On-Chain-Daten und Sentiment-Analyse, während Markus Hujara vom Krypto-VC Greenfield Capital die These scharf zuspitzt: “Blockchain ist die einzige Infrastruktur, die für machine-to-machine wirklich gebaut wurde. Kein Wochenende, keine Öffnungszeiten, keine manuellen Settlement-Prozesse.”
Sascha Grumbach, CEO vom Bitcoin Miner Green Mining DAO ist in der Zeitachse am forschesten: “Agentic AI wird in den kommenden zwölf Monaten jede Industrie grundlegend transformieren.” Auch der Bitcoin-Enthusiast und VC-Spezialist Alex von Frankenberg sieht KI-Agenten als möglichen Auslöser der nächsten Rallye, wenn sie Bitcoin “als bestes Asset für Transaktionen und Wertspeicher” erkennen.
Fehlende Standards und Datensouveränität bremsen Entwicklung
Die Einordnungen reichen vom “größten Evolutionssprung” bis zu deutlich nüchterneren Stimmen. Oliver Krause (Untitled INC) setzt den Kontrapunkt: “AI wird mittelfristig (24+ Monate) einen transformativen Einfluss auf Produkte & Services, Betriebsmodelle und Geschäftsmodelle haben. Kurzfristig wird der Einfluss – wie bei vielen Tech-Innovationen – überschätzt.” Daniela Bobak vom Blockchain Bundesverband teilt die Grundrichtung, mahnt aber zu Geduld: Datensouveränität, Datenqualität und fehlende einheitliche Standards bremsten die breite Implementierung noch aus.
“Das Ende der manuellen On-Chain-Interaktion”
Wie das Fundament für die Agenten-Ökonomie in Europa aussehen könnte, beschreibt Oliver Naegele, Founder der Blockchain Helix AG: Mit dem Commercial Bank Money Token (CBMT) werde programmierbare Zahlung maschinenfähig, eIDAS2 und das European Public Network liefern die regulatorische und technische Grundlage. Patrick Tobler (NMKR) verdichtet den Rollenwechsel auf eine prägnante Formel: “Der Fokus verschiebt sich von ‘User nutzt Protokoll’ hin zu ‘Agent nutzt Protokoll im Auftrag oder eigenständig’.”
Weitere Krypto-Experten wie David Kurz (Bitvavo), Nils von Schoenaich-Carolath (tradias), Andreas Lipkow (CMC Markets) oder Mirco Recksiek (bitcoin-2go) bestätigen den Trend: KI werde den Zugang zum Krypto-Markt vereinfachen, die institutionelle Ausführung professionalisieren und Krypto tiefer in der Finanzwirtschaft verankern. Lutz Wengorz (Agitarex) bringt den strukturellen Wandel auf den Punkt: Krypto entwickle sich “zu einer Betriebsinfrastruktur für KI-Agenten – mit Stablecoins als Zahlungsschicht, Wallets als Rechte- und Kontrollsystemen, Börsen als agentenfähigen Ausführungsplätzen”. Chris Sedor (Seedor/Bitsurance), Matthias Steger und Berthold Baurek-Karlic (Venionaire Capital) setzen ergänzende Akzente bei Smart-Contract-Sicherheit, Expertensystemen und konkreten Projekten. Ed Prinz (neob.ai) verweist auf die Agentic Economy als “Ende der manuellen On-Chain-Interaktion”.
Die Spannbreite der Einschätzungen – von der inkrementellen Effizienzsteigerung bis zur autonomen Agenten-Herrschaft – macht deutlich: KI und Krypto stehen vor einem Schulterschluss, dessen Tempo und Tiefe die nächste Phase der Branche prägen wird.
Wer wissen möchte, was andere Insider über den Krypto-Markt denken und welchen Bitcoin-Kurs sie bis Oktober 2026 erwarten, der kann dies im kostenlosen BTC-ECHO Insider Report nachlesen.
